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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Lorbeerbäume wachsen immer noch vor der Vorstadt

Mütze #19
Hamburg

Die neunzehnte Mütze ist noch im letzten Jahr herausgekommen. Sie versammelt mit u.a. Svein Jarvoll und H.D. zwei bereits von den vorhergehenden Nummern bekannte AutorInnen. Etwas abstrakt oder konkret Jenseitiges haftet der Gesamttextauswahl an. Eine Beschäftigung mit Eschatologie, wobei es nicht bei allen Texten deutlich zu geht. Svein Jarvoll, erneut übersetzt von Matthias Friedrich, steuert dieses Mal (zuvor Romanauschnitt und Gedichte) einen Essay bei. Von der Textgrafik nur schwer lesbar, absatzlose Bandwurmsätze, die zudem mit Wiederholungen arbeiten, so zwanghaft, als müsse von jeder Aussage auch stets das Gegenteil negativ erwähnt und damit ausgeschlossen werden, entfaltet sich nach einigen Seiten dennoch ein enormer Sog in den fließenden Betrachtungen Jarvolls. Der Essay trägt den Titel Wankelmut, Wankelmut und ist im Grunde genommen eine frei fluktuierende Assoziationskaskade, ausgehend vom Jugendhaus, den Blicken ins Innen wie ins Außen, über das Verbrennen der eigenen Bücher, dem Schachspielen, dem zufälligen Erhorchen der Erwachsenen im Fluchtversteck, hin zu Simonides, der Mnemotechnik, Synästhesie und Blaublindheit und dem Pflücken von Blaubeeren.

In dieser Nacht lag ich wach und las unter der Decke im Schein der Taschenlampe Collijns Lärobok i Schach, meine Schwester, mit der ich das Zimmer teilte, sagte, sie wolle in ihrem Schönheitsschlaf nicht gestört werden, das dicke Buch mit dem roten, profilierten Lederrücken lag aufgeschlagen auf dem Kopfkissen, die klaren Diagramme, in denen die Gangart der pjäsar und der Bauern einzeln dargestellt wurde, die fremdartigen Bezeichnungen, j'adoube, matt, patt, Rochade, das seltsame Notationssystem, die merkwürdigen Spielernamen, Aljechin und Alapin, Tarrasch und Tartakower, Steinitz und Znosko-Borovsky, Prinz Dadian von Mongrelien, die merkwürdigen Eröffnungsbezeichnungen, Sizilianisch und Caro-Kann, ich blätterte, ich las mit dem Finger, bis der gelesene und der ungelesene Teil gleich dick und gebogen in einem Licht dalagen, das gelb wurde und schwand und flunkerte und genau dann erlosch, kurz bevor auch mir das gleiche geschah.

Das Thema des Lichts, des Verlöschens desselben, Feuer und Erinnern zieht sich bis zum Schluss, und mit einem Waldverlaufen und Taschenlampenweg, ohne die vermutlich weiter Blaubeeren pflückende Mutter, verschwindet auch der Essay. Eine ungewöhnliche, beschwörerisch-intensive Prosa.

H.D.s Text stammt aus ihren Filmbeiträgen für Close Up, aus den 20er Jahren. Reduktion aus Texte zum Film 2 zeigt sie als unerbittliche Ästhetin der Leinwand, die, obwohl sie selbst befürchtet, zu mäkelig zu sein, so doch deutlichst für eine reduzierte Staffage der damaligen Blockbuster, von Ben Hur bis Die letzten Tage von Pompeji eintritt. Eine weniger ist mehr-Haltung schlägt sie hingegen vor, das Antike müsse/ dürfe nicht durch klassizistische Ornamentik, überladene Dekors oder pathetisierte Schauspieler fälschlich evoziert werden, sondern eben in der minimalistischen Vertraulichkeit auf deren eigene Geisteshöhe. Damit hat sie recht – und sich natürlich nicht durchgesetzt. Kintopp ist Kintopp, damals wie heute. Ihr Text liest sich flüssig, kundig und nach wie vor voller Achtung und Respekt für dieses damals immer noch neue Medium, das sich den allgemeinen Respekt noch nicht in der Breite hatte zuziehen können zu jenem Zeitpunkt.

Nicht, dass ich Streit bekommen möchte mit Bühnenbildnern, mit Bühnenarbeitern oder den Zauberkünstlern solcher trickreich ausgedachten Effekte wie etwa der Flucht der Kinder Israels oder der Streitwagen Pharaos. Pharaos Streitwagen, Pharaos Pferde waren ausgezeichnet, aber Sand und Pferde und ausgezeichnet trainierte Zirkusreiter haben ihren Platz. Mir geht es hier hauptsächlich um viel simplere, subtilere Effekte; sie gehen so oft schief, weil kein präzis und bestimmt denkender Intellekt dahinter steckt, der eine zentralisierende Gedanke, der das üppig ins Kraut geschossene Detail stutzt und beschneidet.

Eleonore Freys Text Hinübersegeln ist eine freimütige Meditation über die letzten Dinge, das Ende der eigenen Biografie vor Augen.

Alt werden, Sterben, Jenseits: Davon sprechen wir nicht, mein Mann und ich; jetzt, wo wir bereits in diese Bewegung eingetreten sind und damit angefangen haben, uns das Leben abzugewöhnen. 

Frey schlägt einen Kreis vom Kindsein zum Fluchtpunkt des Altsein,

"im Verlernen, im Vergessen, nähern wir uns ihnen an. Ihrem Staunen, ihrem offenen Blick."

Ein Bekennervers von Ausiàs March folgt, Gedicht LXVIII, aus dem mittelalterlichen Katalanischen übersetzt von Matthias Friedrich. Im letzten Teil klagt/ bekennt ein Page,

              Du Schöne, Kluge: Alles Schlechte reiß ich
aus mir. Kein Unkraut wächst in meinem Park.
Ich meine: Ich bin innerlich so standhaft,
dass ich, geht's auf, geht's ab, ich selber bleibe.

Interessant im Original ist die verschachtelt, komplexe Reimstruktur der Versenden:

vailet/ faça/ glaça/ met/ senyor/ manera/ carrera/ major/ tempesta/ focs/ jocs/ testa/ vasall/ homenatge/ salvatge/ fall/ tall/ ribatge/ coratge/ avall

– im Deutschen kaum zu übertragen.

Den Schlussteil der Mütze 19 bestreitet Dagmara Kraus, zunächst mit eigenen Übertragungen des polnischen Dichters Miron Białoszewski. Die äußerst minimalistische Lyrik Białoszewski besteht häufig aus nur wenigen Wörtern pro Vers, und die Überschrift ist fast länger als das ganze Gedicht. Kraus überträgt probat und melodisch. Eine staunende, großäugige Lyrik.

WIE LEICHT MAN DEN GLAUBEN VERLIERT

Ein Pferd mit Karre zieht vorbei.
Das sehe ich. Glaube an sie.

Dämmern.

Ein Pferd mit Karre zieht vorbei.
Aber das Pferd hat ein Pferd.
Die Karre eine Karre.

Sie führen ihre Riesen
aus Schatten aus
in die Akazien.

Und schon glaube ich nicht mehr
an Pferd und Karre.

Den Abschluss macht das vorzügliche sprach-politische Gedicht deutschyzno moja von Dagmara Kraus selbst. Hier "stehen millionen flüchtige wörter an der grenze", mischen sich die Sprachen, Dialekte und Termini. Zwischen UMFwörtern und futura und einem Abgang auf der letzten Seite zeigt sich Kraus als innovativ-kunstvolle Dichterin, die inhaltsstark, drängende Sprachwelten und Sprachschicksale erzeugt. (Tragi-) Komisch und aktuell. Ein vorzüglicher Abschluss einer in weiten Teilen melancholischen Mütze.

Svein Jarvoll · H.D. · Eleonore Frey · Ausàs March · Miron Białoszewski · Dagmara Kraus · Urs Engeler (Hg.)
Mütze #19
Urs Engeler
2017 · 6,00 Euro

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