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Wir reden über Literatur
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Mosaik Literaturzeitschrift
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Kritik

"Ich lese Gertrude Stein direkt hier."

Hamburg

Unser Gegenstand ist der bereits zehnte Eintrag in die Reihe "Zwiesprachen", in welcher der Wunderhorn-Verlag seit letztem Jahr (und also mit beachtlicher Geschwindigkeit) poetische Texte zeitgenössischer deutschsprachiger Autor_innen über ihre Klassikerlektüren versammelt. Das Heft umfasst einen Text, den der folgende Hinweis eröffnet:

Diese Rede wurde am 25. Januar 2017 im Lyrik Kabinett, München, gehalten.

Also eine Rede. Genauer: Ein Rezeptionstext von Swantje Lichtenstein über Gertrude Stein – GS –, der dem poetischen Genre Rede angehört. Eine Rede, aber keine Preis-, Fest- oder Gedenkrede, keine Moderation und auch keine lecture, also keine Rede im Sinne eines akademischen Vortrags, aber an dieser letzteren Form sehr wohl noch orientiert … Sagen wir so: Wir könnten uns diesen Text durchaus am uns zugewandten Ende einer literatursoziologischen Entwicklungsgeschichte jener lyrischen Sonderformen denken, die unter den Bedingungen der zusehends exklusiven Beheimatung zeitgenössischer Dichtung im akademischen Soziotop entstehen … Will sagen, die Rede-Form von Lichtensteins Text über GS darf uns auch ganz inhaltsunabhängig interessieren.

(Wir könnten uns dann auch noch damit aufhalten, wie die Mehrdeutigkeit des deutschen Wortes "Rede" bei Texten dieser Art als einladende Rampe für bedarfsorientiertes Zusammenschauen dient. Beispielsweise die Zusammenschau des gesellschaftlichen Orts von Text und Textgegenstand "Rede" mit dem körperlichen Akt menschlicher "Rede" und mit der Reflexion auf diese Form zwischen behaupteter Mündlichkeit=Zeitlichkeit und manifester Schriftgestalt ("…diese Rede wurde gehalten am …").)

Nach einem GS-Zitat und dem Verweis auf ein im Internet zu findendes "sound writing" Lichtensteins geht der Text mit verknappten Sätzen los, die das apodiktische Setzen, den Sprechakt, der den Kern des "performativen Schreibens" bei Lichtenstein/Stein darstellt, weniger vorexerzieren als vielmehr thematisieren:

Es ist da. Steht hier. Ist darin enthalten. Es ist, was sie sagt. (…)

Ob wir den so markierten Sprechakt in dem GS-Zitat zu erkennen haben, der zuvor kam (als Setzung erster Personen Singular und Plural) –

I am a grammarian. We will or we will not cry together, G. Stein

– oder ob wir dieses Vorherige bloß dokumentarisch lesen müssen und das, was da ist, weiter unten steht, dort, wo die Verkürzung noch weiter vorangeschritten ist –

GS GI GP GPS JESUS GS
SHE IS IS SHE SHE SHE
CHI CHI TAI THAI CHI
CHEESE GS GG GS
GS GEH ES GEHST DU
(…)

– dürfen/müssen wir selbst entscheiden. So, wie wir uns hier insgesamt entscheiden müssen, ob wir einem argumentierenden Text folgen (einem aus der oben angesprochenen akademischen Tradition von zitierender-zitabler Rede), der sich einige sprachliche Darstellungsmittel bei der Lyrik ausborgt; oder ob wir einem lyrischen Text zusehen, dessen Setzungen zufällig das sprachliche Gehege der Literaturwissenschaft betreffen. So oder so fragt der Text nach der korrekten Rezeptionshaltung angesichts eines performativen Schreibens (bei beispielsweise GS), welches sich in Setzungen abspielt und nicht in Deskriptionen:

Das performative Schreiben verlangt nach literarischem Hören. Das literarische Hören bringt das Schreiben hervor. Das Schreiben bringt das Hören hervor. Das Hampeln macht den Haken. Daran hängen die, die es sagen. Die es sagen, sind die es zeigen. Sie zeigt es.

Am Ende des Heftes wird jedenfalls ein Gedicht von GS stehen, in dem das Pygmalionhafte der solchermaßen setzenden Dichtung angespielt und gegen die, sagen wir, Sterblichkeit-Alterung-Unerheblichkeit der tatsächlichen Individuen gestellt werden wird. Direkt davor verabschiedet sich Lichtenstein aus ihrer Rede mit den Worten:

Die Methode ist Hören. Hören, wer spricht und wer nicht. Ohne davon zu sprechen. Davon zu sprechen, wer spricht.
Patriarchale Poesie ist performative Poesie ist Ausagieren des Sprechens als Poetik. Eine Sprache, die poetisch sich spricht und setzt. Wiederum. Alles, was ich sage, wendet sich gegen poetischen Plüsch. Eher ein spärliches Ambiente. Am Ende.

Die wichtigste Eigenschaft von "Von Form von Vorn" ist eine sorgfältig austarierte und durchgehaltene Unentschiedenheit zwischen akademisch-deskriptiver und poetisch-setzender Rede. Sie ist zugleich formale Eigenschaft und thematischer Aspekt des Texts, was in dieser Reinform gar nicht so leicht hinzubekommen ist; gleichzeitig suchen wir natürlich die ganze Zeit nach dem Moment, an dem diese Unentschiedenheit sich als bloßes Ausweichmanöver herausstellt, um sich nicht festlegen zu müssen. Wir finden diesen Moment nicht ohne weiteres, kriegen aber den Verdacht nicht klein – was dann wiederum mehr über unser mangelndes Vermögen zum "Literarischen Hören" sagen wird als über Lichtensteins Text.

            ***

PS: Ein Wort zu dem QR-Code ganz hinten im Heft, nach den Anmerkungen, der die Leser/User zu den "sound writings" der Verfasserin im Internet führen soll, von welchen drei im Text vermerkt sind: So funktioniert das nicht. Selbst dann nicht, wenn das – wie wir uns sagen lassen – auch viele andere Verlage derzeit genau so betreiben. Der brauchbare Industriestandard zur Integration von Web-Inhalten in literarische Texte auf Papier ist schlicht noch nicht gefunden worden. Wenn jene sounds integrale Bestandteile unseres Leseflusses sein sollen, ist es Verlag und Verfasserin zuzumuten, drei simple Zeilen Regieanweisung sowie eine Fußnote mit einer einfach abzutippenden Webadresse in den Text zu stellen.

Swantje Lichtenstein · Ursula Haeusgen (Hg.) · Holger Pils (Hg.)
Von Form von Vorn – Literarisches Ηören, performatives Schreiben und Gertrude Stein
Wunderhorn
2017 · 32 Seiten · 15,80 Euro
ISBN:
978-3-88423-567-6

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