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Kritik

Sich niemals auf Zeugen verlassen!

Eine Lesereise in den USA inspiriert die tschechische Schriftstellerin Sylva Fischerová zu einer Reisebeschreibung ganz eigener Art
Hamburg

Mit der Unterzeile „Ein poetischer Roadtrip durch die Neue Welt“ wird der sperrige Titel des vorliegenden Bändchens präzisiert. Und gleich in den ersten Sätzen präsentiert die 1963 in Prag geborene Schriftstellerin Sylva Fischerová vorwegnehmend ihr kulturelles Modell. Während Europa mit seinen Traditionen und Mentalitäten an die gewundenen Formen eines gedrechselten Thonet-Stuhles erinnert, herrscht in Amerika der technische Funktionalismus vor. Ohne Schnörkel und ohne Zierrat, was sich augenscheinlich bereits in der Architektur erkennen läßt. Es sind vor allem die Wolkenkratzer in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und Größen, deren gewaltige Ausmaße Fischerovás Aufmerksamkeit erregen. Es scheint paradox, aber ausgerechnet im Schatten dieser riesigen Bauwerke, die alles überdecken und verstellen, werden Fischerovás innere Ausblicke zum Leben erweckt:

„Im Raum zwischen ihnen liegt das Schweigen: die Frage des Turmes, die Frage nach Gott, nach der menschlichen Möglichkeit, emporzukommen und nach dem Preis, den man dafür zahlt“.

Die vorliegenden Betrachtungen hatten sich Sylva Fischerová während ihres Aufenthaltes in den USA geradezu aufgedrängt. 2010 hatte sie eine Lesereise unternommen, die sie von Iowa bis New York, vom mittleren Westen bis zur amerikanischen Ostküste führte.

Aufmerksam registriert Fischerová auf dem amerikanischen Kontinent augenscheinliche Überraschungen ebenso, wie scheinbar vollkommen bedeutungslose Vorgänge im Alltag. Sie läßt sich von Wolkenkratzern beeindrucken und erfreut sich an einem Omelett, das vor ihren Augen ein fröhlicher Koch in einer reichlich strapazierten Pfanne zubereitet. Sie lernt Nachkommen ausgewanderter Tschechen kennen, denen neben ihren tschechischen Namen lediglich klischeehafte Erinnerungen an die Heimat der Vorfahren im Herzen Europas geblieben sind. Die tschechische Sprache sprechen sie nicht mehr.

Auf die wie üblich ohne weiteren Tiefgang ausgelegte Frage nach dem Wohlbefinden eines der vielen zumeist farbigen Wachmänner antwortet Fischerová traurig, daß überraschend ein Freund im fernen Prag verstorben ist. Seine menschliche Reaktion beeindruckt sie: „You’re a poet, you have things to do“. Eine pragmatische Aufmunterung, die ihr nicht mehr aus dem Sinn gehen will. Dichtung als Auftrag.

Sie fragt sich dem Verständnis der Pilgerväter, die mit ihrem Schiff Mayflower in dieser neuen Welt gelandet sind. Sie haben einst Europa mitgebracht, „aber selbst ganz Europa ist nicht in der Lage, es aufzufüllen“. Dabei war diese neue Welt kein Land ohne eigene Vergangenheit. Aufmerksam denkt Fischerová über die Indianer nach, die einst durch die europäischen Siedler gewaltsam verdrängt wurden.

Spuren der puritanischen Vergangenheit bekam Fischerová während einer Überlandfahrt mit dem Bus zu spüren, als sie im Midwestern Country an einer der namenlosen Tankstellen einen Stop einlegten. Im Store wollte sie sich eine Büchse Bier kaufen, wurde dann aber darauf hingewiesen, daß diese nicht mitgenommen werden kann, sondern unmittelbar vor Ort getrunken werden muß. Das wollte sie dann lieber doch nicht. Ohne etwas einzukaufen ging sie in den Bus zurück, doch die Weiterfahrt verzögerte sich. Die Verkäuferin kam in den Bus und verlangte das Geld für eine Ware, die Fischerová nicht erworben hat. Da sich keine Möglichkeit der Verständigung ergab, orderte die Verkäuferin kurzerhand die Polizei, welche schnell zur Stelle war und den Betrag einforderte. Der Polizist, nach Mutmaßung von Sylva Fischerová ein Puertorikaner, berief sich auf drei Zeugen! Sie ärgert sich und tröstet sich mit dem Film „Twelve angry men“. Dort konnten die Zuschauer sehen, welchen Wert sogenannte Zeugen haben „und daß man sich auf Zeugen nicht verlassen und man mit ihnen kein Fall lösen kann, niemals, man kann nicht auf sie bauen, die Lehren der Vorsokratiker fallen mir ein, das ganze Prinzip des Scheins, um den sich die ganze griechische Philosophie dreht, der Schleier der Māyā bei den Indern “.

Dieses Kreisen der Gedanken, auch angereichert von Begegnungen, Filmen und philosophischen Erkenntnissen kennzeichnen Fischerovás kurzweilige und zugleich tiefgründige Reiseprosa. In ihrer Heimat hat Sylva Fischerová nicht nur eine Reihe von  Lyriksammlungen und Prosa veröffentlicht. Sie unterrichtet zudem an der Prager Karlsuniversität als Neogräzistin über die Kultur des antiken Griechenlands.

Der gelungen Übersetzung von Hana Hadas gelingt es, den Reiz dieser mäanderartigen Betrachtung des Fremden und Reflexionen über das Eigene kongenial zu erfassen. Somit bietet sich eine in sich gedrehte Lektüre an, etwa für ein Kaffeehaus. Ganz mitteleuropäisch!

Sylva Fischerová
Europa ein Thonet-Stuhl, Amerika ein rechter Winkel
Ein poetischer Roadtrip durch die Neue Welt
Übersetzung: Hana Hadas
BALAENA Verlag
2018 · 114 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-9819984-0-5

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