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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Subkontinent der Sofas

Hamburg

Der neue Gedichtband von Sylvia Geist ist unter dem Titel Fremde Felle bei Hanser Berlin erschienen. Er ist Teil der Lyrikempfehlungen 2018. Tatsächlich kann man von geistreich sprechen, denn so wie Sylvia Geist ihre eigene (lyrische) Stimme kennt, setzt sie sie bewusst ein. Tränkt die Welt zwischen den Seiten auf ihre Weise. Sehr dicht und schnell in ihren Bildkomplexen, dabei stets zugänglich und zugeneigt. Hier fehlen Manierismen oder steile Experimente. Stattdessen steckt das Anregende in jeder einzelnen Zeile. Mit hohem Wiedererkennungswert.

Damit einher geht allerdings auch das Fehlen einer kompositorischen Dynamik. Sylvia Geist ist gut in jedem Gedicht, sie alle zusammen wirken auf Bandlänge nicht unbedingt über das einzelne hinaus. Das bedeutet, dass man gut irgendwo anfangen und sich frei bewegen kann. Es gibt keinen Zwang, Richtungen sind nicht vorgegeben. Ein wenig wie bei dem (etwas blassen) Cover, das aus einem abstrakten Pattern (möglicher) Fellfarbbewegungen besteht, geht man besser damit, sich das Detail zu nehmen, wie es kommt, anstatt das große Ganze zu suchen.

Geists Gedichte sind größtenteils Beschreibungen, Netzhäute für alle Sinne, die an der Umwandlung von Wahrnehmung in Geist-Sprache arbeiten. Das ist zum Teil fast maschinell, in Weisen einer präzisen Handhabung ihrer eigenen Gedichtwerkzeuge. Die Sprache scheut die Sprache. Sie ist nicht primär Thema, sie ist die Massage. Dadurch steht und fällt es mit den gewählten Eindrücken und Themen. Viele sind fast allgemein gehalten und dadurch entwickeln sie ihre Zugänglichkeit, man kennt die Situation/ das Panorama/ das Detail, bloß diese eine Sprache ist fremd. Geist rekonstruiert und es macht Spaß, ihr zu folgen. Besonders in die Mikrofasern ihrer Gedichteinheiten. Der Band ist randvoll mit spannenden Gravuren, Passagen und Schlupflöchern. Er hat etwas Heiteres.

working wood

heute früh
wieder, da war es
schon beinahe hell: Holz
unter den Bedingungen der Bucht.
Ächzend, einsilbig, januarklar.

Ich suchte danach, in meiner Sprache,
doch es lässt sich nicht hören in ihrem Überfluss
an Silben. Arbeitendes Holz ist so hässlich
wie wirkendes schief.

[...]

Im Wesentlichen geht es um das Schlüpfen, das Hineingehen oder auch Aufsetzen dieser Fremden Felle. Primär ist das hier, wie schon angedeutet, die Geist-Sprache. Sie ist es, die schlüpft, die verreist und die ihre Belichtungen mitbringt. Die Anlässe des Reisens/ Dichtens enthüllt Geist in einem kleinen angehängten Vademecum. Hier erfahren wird, dass einige Gedichte Antworten auf andere Gedichte sind, an bestimmten Orten oder zu Anlässen entstanden und entsprungen sind. Außerdem einige Spuren zurück zur Inspiration. Das wirkt freundlich und stützt den Tenor von Zugeneigtheit.

Drei an einem Teich

Im Spätherbstkoma kennt er keinen, und keiner will
sich wiederkennen in den dreckigen Laubverbänden.
Bloß eine kommt zu Besuch, im mausbraunen Mantel,
als wollte sie sich vergewissern, dass keiner sie sieht.

Untergetaucht auf dieser Intensivstation um eine Ruhe,
die nicht zu retten ist vorm Ambulanzgejaul der Tram,
wartet sie auf einen Luftzug, der an seiner Decke reißt
und sämtliche Finken aus den Blinzelsträuchern zieht.

Ahorn brennt Löcher in die Funkenfläche, hastig
verbunden vor der nächsten Windnotiz – den Punkt
verliere ich im Weitergehen. Kann sein, das war die
Löschanweisung, doch ich atme mit, als es geschieht.

Silvia Geists neuer Band ist verspielt und strahlt ruhig. Er ist dann am stärksten, wenn sich die Dichterin ganz in ihre Sprache vertieft, das Permutieren beginnt und ihre Welt abhebt. Zeitweilig etwas forciert wirken ihre Flirts mit Fachsprachen und computer age Logismen, doch ist das nur bei wenigen Gedichten der Fall, und die generelle Geste liegt stark in der Hand.

Sylvia Geist
Fremde Felle
Hanser Berlin
2018 · 96 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25851-8

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