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Kritik

Ich werde am Samstag Kit Bendigo heiraten

Hamburg

Bei Dörlemann erscheint der liebevoll aufgemachte Roman Lolly Willowes der englischen Autorin Sylvia Townsend Warner, eine Ikone selbstbestimmten früh-feministischen Lebens. Zunächst im Jahr 1926 veröffentlicht, geriet das respektlose Werk schnell zum Bestseller, Townsend Warner wurde sofort mit Virginia Woolf und anderen in Verbindung und Bekanntschaft gesetzt, veröffentlichte in der Folge weitere Bestseller, doch auch Lyrik sowie Reportagen und einen steten Briefwechsel mit ihrer Lebensgefährtin Valentine Ackland, Lyrikerin. Sie starb 1978, und man kann sagen, in Lolly Willowes oder Der liebe volle Jägersmann schrieb sie sich selbst, wenn auch in verschobenen Positionen.

Lolly, gescheite Heldin des Romans, flieht ___STEADY_PAYWALL___ihre Familie nach dem Vatertod unverheiratet. Sie gelangt auf den Schwingen des satirischen Gesellschaftsromans ihrer Zeit voraus an einen seltsamen Ort namens Great Mop in den Chilterns, eine dörfliche Sumpflandschaft mit allerhand Kuriositäten. Bis dahin gestaltet Townsend Warner den Roman als parodistisches Gagfeuerwerk, mit skurrilem Personal bekloppter sprechender Namen, aber vor allem einer alles beherrschenden, bedrängenden Atmosphäre patriarchaler Herrschaft in Dummheit und aus Erbschaft. Nichts, was ihr zunächst im Rückblick widerfährt, ist ihr irgendwie zu Vorteil, die Gesellschaftssatire entpuppt sich in Wirklichkeit als sinnliche, verschobene Reportage der echten Verhältnisse, bis zum Zimmer für sich allein.

Sie dachte an die Straßenlaternen, die so unparteiisch, so unerschütterlich in ihren erhabenen Leuchtzirkeln schienen, und fühlte sich beschämt von deren prüfendem Blick.

Aus einem Kinderspiel:

Mr. Willowes, der durch einen abendlichen Mückenschwarm von der Brauerei nach Hause kam, ging zufällig in den Obstgarten, um nachzusehen, ob die Kaninchen noch weitere Triebe angenagt hatten. Dort fand er Laura [Lolly], wie sie zufrieden in ihren Fesseln dasaß und sich ein Lied von der Schnecke vorsang, die keinen Regenmantel besaß.

Die Nanny singt:

Äßen sie Nesseln im März
Und tränken sie Beifuß im Mai,
So wäre es mit manch‘ jungem Mädchen
Nicht gar so schnell vorbei.

Glücklich in ihrer neuen Heimat Great Mop, spürt sie leider ihre Vergangenheit infolge des blödsinnigen Verwandten Titus auf, der einfach bei ihr einzieht und meint, seinen Käfig noch in die Chilterns expandieren zu müssen. Er beschäftigt sich, gut beobachtet, mit jeder Menge harmlosen Quatsch, u.a. einem zu verfassenden Werk über den Maler Füssli, und belästigt sie mit seinen Permanentvorträgen auf jede erdenkliche Weise.

Sie hasste diese Spaziergänge; sie schämte sich seiner Gesellschaft; sie dachte, die Wälder sähen sie mit ihm und würden sich zornig zurückziehen, um sie zusammen vorbeizulassen. [...] Vergeblich hatte sie versucht zu entkommen, vergänglich und irreführend war die Freude ihrer Erleichterung gewesen. Sie hatte zwanzig Jahre ihres Lebens weggeworfen, aber der Wind hatte diese nun wieder zurückgeweht und sie in ihre alte Uniform gekleidet.

Zum Glück trifft sie Satan, einen kultivierten Jägersmann, der sie ihrer Bestimmung zuführt, nämlich tatsächlich eine „Hexe“ zu sein, – mit Sicherheit ist hier weniger okkultes Brauchtum im vordergründigen Sinne gemeint, auch wenn sich KritikerInnen immer erstaunt über die gute Informiertheit von Townsend Warner über das Thema zeigten, sondern eben die finale Selbstbestimmung der Frau, Männern selbstredend die falsche Flocke im Müsli und als solche gemein getaggt – das Interessante ist nicht, dass Satan sagt: Sei von jetzt ab frei und Frau, sondern er hört ihr einfach zu, wie sie es selbst ausspricht.

„Ich ermutige Sie zu reden, nicht, damit ich all Ihre Gedanken erfahre, sondern Sie. Machen Sie weiter, Laura. Seien Sie nicht töricht [...]“

Dieser leicht umgedrehte Faust entpuppt sich final als die Wahrwerdung des Wunsches, und der Roman endet mit einem hübschen Gedankenspiel. Insgesamt ist das Buch in seiner Botschaft viel zeitloser und wichtiger als die tatsächliche aktuelle Handlung selbst, die durchaus plätschert und nicht gerade zupackend oder sonderlich sprachvoll erzählt wird. Doch darum geht es nicht vordergründig, sondern um die Ermächtigung selbst, die Sylvia Townsend Warner vordenkt und vorschreibt, als eine persönliche Utopie, die der Realität (bis heute) couragiert entgegengehalten wird. Der spritzige Humor ist auf jeden Fall stets ihr zur Seite, die satirischen Elemente funktionieren sämtlich gut.

„Wie gefällt Ihnen Ihr erster Sabbat, Miss Willowes?“ fragte er.
„Überhaupt nicht“, antwortete Laura und drehte sich um.

Sylvia Townsend Warner
Lolly Willowes
Übersetzung:
Ann Anders
Nachwort von Manuela Reichert
Dörlemann
2020 · 272 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
9783038200796

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