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Kritik

Die Tiefen des Rassismus, die andere Geschichte

zu Ta-Nehisi Coates "We were eight years in power"
Hamburg

„Die USA waren eine koloniale Siedlergesellschaft – die brutalste Form des Imperialismus. Man muss schon darüber hinwegsehen, dass man deshalb reicher wurde und ein immer freieres Leben führte, weil die indigene Bevölkerung dezimiert wurde – die erste schwere Ursünde der amerikanischen Gesellschaft; und weil ein anderer Teil der Bevölkerung aus herbeigeschafften Sklaven bestand – die zweite schwere Sünde.“
(Noam Chomsky, Requiem für den amerikanischen Traum)

„Den Einwanderern, die damals [zu fast 23 Millionen] in die USA kamen, wurde offenbar schnell klar, dass sie, wollten sie «echte» Amerikaner werden, ihre Bande an die Herkunftsländer lockern und sich stattdessen auf ihre weiße Hautfarbe berufen mussten. Die Definition, was es bedeutet, «amerikanisch» zu sein, bleibt für viele, traurigerweise, eine Frage der Farbe.“ (Toni Morrison, Die Herkunft der anderen)

„Welche Bedeutung hat die Geschichte, die man erzählt, wenn die Welt entschlossen ist, eine andere zu hören?“ (Ta-Nehisi Coates)

8 Jahre lange wurde das »mächtigste Land der Welt« von einem afroamerikanischen Mann mit einem muslimisch klingenden Vornamen regiert. Viele liberal eingestellte Menschen sahen darin ein Paradebeispiel des unabwendbaren Fortschritts, den Anfang vom Ende der amerikanischen Rassenpolitik, den Eintritt in eine Ära, in der die Herkunft und das Aussehen keine Rolle mehr spielen. Am Ende, so schien es, hatte die hollywoodpathetische Serenade von der Gerechtigkeit und Redlichkeit des amerikanischen Volkes, zu dem jeder dazugehören kann und das die erste Demokratie der Moderne errichtete, propagiert als eine Gesellschaft der Gleichen, gesiegt. Sehr bald zeigte sich, dass dieser Optimisimus voreilig war. Auch die Größe von Obamas Vision konnte die teilweise desaströsen Verhältnisse, die Ausmaße der Gräben zwischen den Interessensgruppen in den USA nicht verdecken - und auch nicht das rassistisches Erbe.

Wie erlebte jemand aus der afroamerikanischen Community Obama? Wie schätzte er ein, was seine Präsidentschaft verhieß, welchen Weg sie nahm? Und wie ging er mit den Abgründen um, die sich trotz (oder gerade wegen) Obamas Aufstiegs und seiner Machtposition im Gefüge der USA weiterhin offenbarten, die von ihm nicht geschlossen werden konnten.

Ta-Nehisi Coates, mittlerweile einer der angesehensten afroamerikanischen Intellektuellen und Autoren, hat in „We were eight years in power“ (Übersetzung: Britt Somann-Jung) eine persönliche Chronik dieser Jahre geliefert, in der diese Fragen aufgegriffen und umkreist werden. Das Buch ist (nicht nur, aber immer wieder) eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen Obama und wie es sich in Beziehung setzen lässt zu der afroamerikanischen Geschichte der Vereinigten Staaten.

Für diese Chronik hat Coates acht Artikel ausgewählt, die jeweils in einem der Jahre von Obamas Präsidentschaft erschienen (drei davon haben direkt mit ihm oder seiner Familie zu tun) und sie jeweils um längere Vorworte („Notizen“ genannt) ergänzt. In diesen Notzien beschreibt er sein Leben, seine Arbeit an den Texten und seine Entwicklung und rekapituliert die Umstände, die ihn dazu brachten, über die folgenden Themen zu schreiben. Auch in den Texten selbst geht er vielfach auf seine persönlichen Erfahrungen ein und schildert bspw. inwiefern sie als typisch oder untypisch für afroamerikanische Biographien in den USA gelten können.   

„Ich wuchs im segregierten Baltimore auf. Ich verstand Schwarzsein als Kultur – Etta James, über den Besen springen, Eletric Slide tanzen. Ich verstand die Geschichte und die Strategien, die lähmende Wirkung von Rassismus. Aber Schwarzsein im Sinne einer Minderheit verstand ich erst, als ich der »eine« war, als ich als junger Mann Räume betrat, die voller Menschen waren, die nicht aussahen wie ich. In vielerlei Hinsicht hat mich die Rassentrennung geschützt […] und obwohl ich weiß, dass Rassismus ein Grund dafür ist, dass ich mich als schwarz definiere, empfinde ich das nicht so, genauso wenig wie ich empfinde, dass die zwei angrenzenden Ozeane mich zum Amerikaner machen. Doch zugleich hat die Rassentrennung dazu geführt, dass ich völlig unvorbereitet war auf die Erkenntnis, dass meine Welt nicht die Welt ist.“

Coates zentrales Thema ist die Gegenwart im Spiegel afroamerikanischer Geschichte. Sehr früh und entschieden räumt er mit dem amerikanischen Stolz, dem Narrativ vom „land of the free“ auf. Er stellt klar: Die Vereinigten Staaten von Amerika waren und sind eine Gesellschaft der weißen Vorherrschaft, des weißen Wohlstands, die auf der Unterdrückung und der Ausbeutung, sowie der Ermordung der indigenen Urbevölkerung und der verschleppten afroamerikanischen Sklaven erbaut wurde. 

Mit Donald Trump hat diese Gesellschaft vor anderthalb Jahren den 44. (und gleichsam, wie Coates sagt, »ersten«, weil diesem Attribut nach Obama eine noch viel entscheidendere Rolle zukommt) weißen Präsidenten ins Amt gewählt. Die Illusion eines Fortschritts verpuffte an dem offen(sichtlich) rassistischen, sexistischen und xenophobischen Auftreten des neuen Amtsinhabers. 

Coates findet in seinen Schriften Gründe dafür, warum Obama zwar eine wichtige Gestalt in der afroamerikanischen Geschichte war, aber kein Heilsbringer, der die Unterdrückung der Afroamerikaner beendete. Obama war ein Präsident mit afroamerikanischen Wurzeln, aber er war auch ein Präsident von weißer Gnade. Er repräsentierte und repräsentierte doch nicht. 

„Obamas Akzeptanz der weißen Unschuld war erwiesenermaßen notwendig, um politisch zu überleben. Wann immer er versuchte, sich dieser Richtlinie zu widersetzen, wurde er gemaßregelt.“

Es sind die weiße Unschuld, das fehlende weiße Bewusstsein, das fehlende weiße Gewissen, die für Coates die Scheinheiligkeit des amerikanischen Traums, des amerikanischen Narratives ausmachen. Nur die Ausblendung der Ursünden erlaubt es den Vereinigten Staaten und ihrer mehrheitlich weißen Bevölkerung, die große, moralisch stets überlegene Nation zu verkörpern. Was auch erklärt, warum die Idee der weißen Unschuld selbst von einigen hellen (weißen) Köpfen in den USA, unterbewusst oder bewusst, mitgetragen und als solche aufgefasst wird. Es ist die reflexhafte Verteidigung einer Hierarchie, die tiefer geht und unfaierer ist als sich die Gesellschaft eingestehen will.

Diese Gesellschaft weigert sich, Rassismus als strukturelles Problem zu erkennen, während ihre Institutionen, wie Coates aufzeigt, immer noch strotzen vor Benachteiligungen und Gefällen, die das Erbe der Sklaverei und den folgenden 150 Jahren diskriminierender, rassistischer Politik sind. Selbst bei einem Zugeständnis vonseiten dieses Systems (und so wirkt Obamas Präsidentschaft im Lichte von Coates Texten) spielen die alten Vorurteile und Vorstellungen eine wichtige Rolle. Sie mögen sich an den Spitzen auswachsen, sind aber immer noch tief verwurzelt. 

„Eine Richtung afroamerikanischen Denkens geht davon aus, dass gewaltbereites schwarzes Draufgängertum – der schwarze Gangster, der schwarze Aufrührer – der ultimative Schrecken des weißen Amerikas ist. […] Auf kollektiver Ebene aber fürchtet dieses Land nichts so sehr wie die schwarze Respektabilität.“

Coates begibt sich in seinen Artikeln und Notizen auf die Spur der Benachteiligung, des zu benennenden Unrechts. Er pocht auf die Diskrepanz zwischen dem weißen und dem schwarzen Amerika. Er findet sie überall, die Gräben: bei Besitztum, bei Gefängnisstrafen, auf dem Arbeitsmarkt, in den Umständen, mit denen die Kinder großgezogen und in der Art, wie sie von der Gesellschaft gesehen werden.

Aber er registriert dies alles nicht nur, er setzt es wieder und wieder in Verbindung mit den historischen Ursprüngen und Verläufen. In Texten über den amerikanischen Bürgerkrieg (mit seinem Mythos, ein Krieg für und gegen die Sklaverei gewesen zu sein, den bis heute die weiße Geschichtsschreibung für sich vereinnahmt) oder die New-Deal-Ära, weist er auf die wesentlichen Knackpunkte (und ihren Umfang) hin, die die Verhältnisse in den USA (mit ihrer Massenarmut, den Rassenkonflikten und der Straßengewalt) bis heute entscheidend geprägt haben. Einer seiner bekanntesten Artikel „Plädoyer für Reparationen“ befindet sich ebenfalls in dem Buch.

Vieles läuft letztlich auf das pathologische Verhältnis der US-amerikanischen Gesellschaft zu den Nachkommen der afroamerikanischen Sklav*innen hinaus. Dieses Verhältnis drückt sich seit den Tagen der Sklaverei zwar anders aus, hat sich aber nicht grundlegend gewandelt. Auch weil der Zusammenhalt der Nation, der weißen Bevölkerung, sich teilweise auf dieses pathologische Verhältnis stützt, unbewusst und bewusst. 

„Die Versklavung bereitete nicht nur die Grundlage für weißen Wohlstand, sondern auch für weiße soziale Gleichheit und damit für die amerikanische Demokratie selbst. […] Amerika ist tatsächlich unvorstellbar ohne eine ausgebeutete Arbeiterschaft, die an geplündertes Land gekettet wurde, ohne das organisierende Prinzip des Weißseins als Voraussetzung für die Staatsbürgerschaft. […] In Amerika schwarz zu sein hieß ausgebeutet zu werden. In Amerika weiß zu sein hieß von dieser Ausbeutung zu profitieren und sie bisweilen selbst zu betreiben. Keine nationale Diskussion, keine Beschwörungen der Liebe, keine moralischen Appelle, kein Flehen um »Sensibilität« und »Diversität«, kein Beklagen der »Rassenbeziehungen« konnte das richten. Rassismus war Banditentum, Punkt. Und das Banditentum war kein Zufall in Amerika, es gehörte zu seinem Wesen.“

Eigentlich kommt es einem Wahn gleich, die Vision des großartigen Amerika von der Ausbeutung und dem Rassismus und der systematischen Ungleichheit, die sie in Kauf nahm, trennen zu wollen (ein entfernt verwandter Wahn wird ja bei einigen Stimmen in Deutschland derzeit auch gepflegt … neuerdings sollen wir auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen stolz sein und uns nicht weiter um den Fliegenschiss kümmern, den das Dritte Reich auf unserer "erfolgreichen" Geschichte hinterlassen hat). Aber die Vision ist nach wie vor in den Köpfen der Menschen verankert, wie die Wahl von Donald Trump gezeigt hat, der versprach Amerika wieder "great" zu machen. Wie in den alten Zeiten, die so herrlich waren. Also: wenn man weiß war.

„Weiße Menschen, die sich der Schuld ihrer Vorfahren noch nicht ganz gestellt haben, aber ihre Last spüren, sehnen sich nach irgendeinem Zauber, der die Bürde der Sklaverei mit allem, was danach kam, auf magische Weise verschwinden lässt.“

Ta-Nehisi Coates ist kein Leisetreter, aber er ist auch kein blinder Aktionist. Seine Artikel sind immer wieder meisterhafte Auftrennungen von allzu einfachen Mustern, gleichwohl sie dennoch keine klaren, allgemeinen Aussagen scheuen. Er rüttelt nicht einfach nur an den Wurzeln der weißen Geschichte der USA, er initiiert und arbeitet beharrlich an einer Geschichte, die die andere Seite zeigt.

Die Notizen sind die perfekte Ergänzung und ich habe selten eine so klare und authentische Kombination aus literarischer und persönlicher Stimme erlebt. Sie weist Zweifeln, Irrtümern und Ambivalenzen keinen schnell freigeräumten, abgegrenzten Platz zu, sondern ist von ihnen durchzogen, wodurch immer wieder Türen zu neuen Überlegungen aufgestoßen werden und auf viele Aspekte hingewiesen wird, die die Leser*innen zusätzlich bedenken können; darüber hinaus hat man das Gefühl einer sehr persönlichen Begegnung.

Diese Begegnung, diese Art der Darstellung führte bei mir zu einer eigenständigen, tiefgreifenden Auseinandersetzung mit den Texten. Ich entwickelte eine Beziehung zu den Anliegen von Coates, obgleich mir – in Europa lebend als ein Mann mit weißer Hautfarbe – der Erfahrungshintergrund zu den meisten davon fehlte. Aber Coates liefert genug Erfahrungshintergrund und genug Informationen, um eine Vorstellung zu ermöglichen – ohne deswegen alles zu klären, zu Ende zu verhandeln.

„Meistens spürte ich die Erwartung, dass ich, wenn ich schon über Probleme schrieb oder sprach, auch in der Lage sein sollte, einen unmittelbar gangbaren Ausweg zu benennen – am liebsten einen, der im Senat eine Mehrheit von sechzig Stimmen bekäme. Das war schon ein bisschen geisteskrank – so als würde man Ärzten sagen, sie sollten nur Diagnosen stellen, für die es eine einfache und sofortige Heilung gab. […] Das war keine Arbeit für Schriftsteller und Gelehrte, die durch Zurückgezogenheit und Studium gedeihen, sondern für Performance-Propheten, die für das Tosen der Menge leben.“

Im Großen und Ganzen ist das Buch ein vielschichtiger, brisanter und spannender Bericht über die Vereinigten Staaten von Amerika aus einer afroamerikanischen Perspektive, so umfangreich, wie ich es bisher noch nirgendwo anders erlebt habe, gleichsam geschichts- und zeitgeistfokussiert. 

Es ist kein Leitfaden in Bezug auf Alltagsrassismus und steht stark in US-amerikanischen Kontexten (obgleich es deswegen nicht weniger lesenswert für jeden ist, der nicht in den USA lebt). Wer sich in die Tiefen des Rassismus-Problems der USA begeben, wer sich damit auseinandersetzen will, der sollte ohne Wenn und Aber zugreifen. Er wird vielleicht ein fachlicheres, aber wohl kein ausgewogeneres Buch finden. 

„Selbst jetzt, da die Skandale täglich mehr werden und der selbstmörderische Wunsch nach Weißsein offen zur Schau gestellt wird, der Impuls, das Land niederzubrennen, wenn es sich nicht weiß träumen lässt – selbst jetzt hoffe ich, dass ich falschliege, dass ich aus irgendeinem Grund unnötig niedergeschlagen bin.“

Ta-Nehisi Coates
We were eight years in power / Eine amerikanische Tragödie
Übersetzung:
Britt Somann-Jung
übersetzt von Britt Somann-Jung
Hanser Literaturverlage
2018 · 416 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25910-2

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