Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

Wir sind sentimental und doch gemein

Hamburg

„Freud sah im Witz eine Technik des Unbewussten zur Einsparung von Konflikten und zum Lustgewinn. Der Lustgewinn beruhe auf einer kurzzeitigen Lockerung von Verdrängungen. Durch die Solidarisierung mit Gleichgesinnten wirke der Witz gegen Autoritäten, gegen den Sinn - oder auch gegen Andersdenkende.“ Diese Definition zum Witz habe ich auf  Wikipedia gefunden. Ich weiß nicht, ob Tanja Maljartschuk Freud gelesen hat, Gogol hat ihn ganz gewiss nicht gelesen, aber bei beiden ist der Witz genau das, eine Möglichkeit, sich gegen die Autoritäten zu wehren, indem man aufzeigt, wie lächerlich sie in ihrer Machtausübung sind.

Während sich bei Gogol Nasen selbstständig machen, erhebt bei Maljartschuks Debütroman der Glaube an ein Wunder die junge Frau, deren Biografie nacherzählt wird, über den abgrundtief traurigen Alltag, mit dem sie in San Francisco in der Ukraine konfrontiert wird.

Beim Stichwort Ukraine denke ich sofort an Julia Timoschenko, an die Femenaktivistinnen, an staatliche Willkür und Menschen, die sich dagegen auflehnen, aber auch an Gogol und Marjana Gaponenko, also an wunderbare Erzähler, die mit ihren Werken jegliche Grenzen der Vernunft sprengen. Und schon ist man genau in dem Milieu angekommen, in dem Maljartschuks Roman spielt. Während in San Francisco in der Ukraine alles „im schwarzen Wasser des freien Marktes“ versinkt, wird Lena, die junge Frau, deren Biografie dieses Buch erzählt,  nicht müde nach einer höheren Bestimmung zu suchen, und wie ein moderner weiblicher Don Quichote gegen Windmühlenflügel anzurennen.

Lena wächst also in San Francisco auf und direkt in die Nachwendezeit hinein. Ihr Lebensziel ist ihr schon früh klar; sie will anderen helfen. Dass sie dabei nicht nur wenig bewirkt, sondern zuweilen wahre Desaster auslöst, tut ihrer Mission keinen Abbruch.

Tanja Maljartschuk, die sich Lena ausgedacht hat, wurde 1983 in Iwano- Frankiwsk, Ukraine geboren und hat sich nicht nur entschlossen, das Land zumindest physisch zu verlassen, sondern zudem dafür, Menschen mit ihren Geschichten zu helfen. 

In der Schule freundet sich Lena mit Iwanka an, die sie „Hund“ nennt, und nach der Schulzeit wieder aus den Augen verliert, um sich um die Straßenhunde in San Francisco zu kümmern, was ihr eine zeitweise Berühmtheit einbringt, wenn es auch nicht zur Rettung der Hunde, aber immerhin zur Schließung einiger chinesischer Restaurants führt. 

Während des Studiums, macht Lena die Bekanntschaft mit Wassylina. Obwohl Bildung in der Ukraine selbstverständlich kostenlos ist, genügt Lenas Bestechungsgeld nicht für den von ihr angestrebten Studienplatz in Philosophie. So findet sie sich an der Fakulät für Sport wieder, um dort ihre Runden zu drehen. Ihre Zimmernachbarin im Studentenheim ist Wassylina, eine langmütige und schlagkräftige Diskuswerferin, die aufgrund ihrer Begabung an der Universität bleiben kann, um ihre Disziplin zu unterrichten. Über eine derartige, oder sonst wie sportliche Begabung verfügt Lena nicht, und so versucht sie mit Wundern Geld zu verdienen. Sie gibt eine Anzeige auf: „Wunder auf Bestellung. Günstig. Bezahlung nach erbrachter Leistung.“ Der einzige, der sich auf diese Anzeige meldet, ist ihr ehemaliger Literaturprofessor Teofil Karnickel, der seinerseits Geld von Lena verlangt, um ihr von einem Wunder zu berichten. Bei seinem Wunder spielt eine Frau, die mit einem altmodischen Kopftuch bekleidet ist, und offensichtlich fliegen kann, eine Rolle. Die Wunder mit der kopftuchtragenden Frau häufen sich, sie rettet Menschen in Bedrängnis und auch einmal ein Tier.

Lena hat sich gerade entschlossen, die Ukraine zu verlassen, und im Westen ihr Glück zu versuchen, als „Hund“ wieder in ihr Leben tritt. Allerdings ohne funktionstüchtige Beine, die sind ihr auf der Flucht vor ihrem verrückten frömmelnden Mann erfroren, weil sie so leichtsinnig war, ohne die notwendigen Formulare Schutz in einem Frauenhaus zu suchen. Seit Jahren sitzt sie nun im Haus ihrer Eltern vor dem Fenster und betrachtet das Stückchen Welt, das von dort sichtbar ist. Lena lässt den Westen Westen sein und bleibt, um Hund einen Rollstuhl und die ihr zustehenden Hilfen zu erkämpfen. Natürlich scheitert sie abermals und findet schließlich in der Psychiatrie das Wunder und eine, die ihre Geschichte erzählt.

Geschichten erzählen auf Ukrainisch, das ist Marjana Gaponenko, die den Mut zur Romantik hat, und Tanja Maljartschuk, die die Romantik hinter der Bissigkeit versteckt, „wir sind sentimental und doch gemein“, heißt es an einer Stelle im Buch, was den beiden Erzählerinnen gemein ist, ist die unbändige Lust (und Fähigkeit) am Erzählen.

Tanja Maljartschuk hat mit ihrer „Biografie eines zufälligen Wunders“ die fantastische Geschichte von einer, die das Gute suchte, aber immer nur Schlechtes fand, erzählt. Einer, die so sehr an Wunder glaubte, dass sie sich schließlich selbst in ein Wunder verwandelte. Das Wunder in diesem Roman ist nämlich Lena selbst, eine Frau, die alles desillusionierend klar sieht, und dennoch handelt.

Tanja Maljartschuk
Biografie eines zufälligen Wunders
Übersetzung:
Anna Kauk
Residenz
2013 · 220 Seiten · 21,90 Euro
ISBN:
9783701716128

Fixpoetry 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge