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Kritik

Zischender Zustand

Hamburg

Theo Breuer, 1956 in Büvenich geboren, studierte  Germanistik und Anglistik, und fungiert seit 1987 als Autor, Verleger und Herausgeber, u.a. der Künstlerbuch – Reihe „edition bauwagen“. Durch seine Essays im Poetenladen und Literaturzeitschriften, ist er seit vielen Jahren dafür bekannt, dass er für und von der Literatur, insbesondere von Lyrik, lebt.

Sucht, Rausch, „Erlösung vom Normalsinn“, all das findet (vermutlich nicht nur Theo Breuer) in den Schriften Friederike Mayröckers, die er, wie es im Vorwort heißt, seit dem Jahr 2000 in einem Maße liest, dass er sich selbst eingestehen muss, „süchtig nach dem Mayröckersound zu sein.“

So entstand nach und nach aus zunächst planlos angefertigten Notizen, ein „intertextuell geprägtes Gebilde“, das nun als Buch im Pop – Verlag vorliegt.

„Zischender Zustand“ ist weniger eine systematische Untersuchung, als vielmehr eine sehr individuelle, zuweilen berauschte Reise durch Mayröckers Werk nach dem Jahr 2000. Das „Einatmen ihrer Worte“, mithin eine Geschichte der Hingabe an die Poesie.

Breuer benutzt die Gedichte Friederike Mayröckers als „Tür“, um die eigene Innenwelt poetisch erkunden zu können.

So finde ich, suchstäblich, wortwörtlich, Geschenke noch und noch, verschmelze mit Wörtern, verbinde, denke, wälze, […]

Wobei Breuer pausenlos auch andere Dichter zitiert; Marica Bodrožić, Michael Lenz, Ulrike Draesner, T.S. Eliot, Thomas Kling, Baudelaire, Jandl… um nur einige zu nennen.

Bei Mayröcker findet sich das Bekenntnis:

„Wie eine Lumpensammlerin notiere ich Sätze und Wörter, die ich oft auch völlig überarbeite.“

Diesem Beispiel folgt Theo Breuer sehr deutlich. Seitenlang hat der Leser das Gefühl, Breuer zitiere pausenlos aus Mayröckers Büchern. Getragen ist diese Zitatsammlung von einer überschäumenden Lesebegeisterung, die nicht nur behauptet, sondern tatsächlich empfunden wird.

Dabei schweift der Blick immer wieder einmal von Friederike Mayröcker ab, zu den häufig von ihr beeinflussten, jungen Dichtern und Dichterinnen, deren Gedichtbände Breuer erwähnt.

Wortsaufend verfällt er fragmentweise von Buch zu Buch einem begeisterten Lallen, das zuweilen ermüdend, aber allein der Unmöglichkeit, sich in der Begeisterung zu beschränken, geschuldet ist.

Das Durchbuchstabieren von Begriffen von A bis Z muss – so häufig wie es in diesem Buch geschieht, eine Verbindung haben zum Mayröcker Alphabet, der Sonderausgabe der Matrix, die Theo Breuer gemeinsam mit Traian Pop herausgegeben hat, und zu Breuers eigenem Werk „Das gewonnene Alphabet“ von 2012.  Dennoch wirkt es in dieser Häufigkeit eintönig.

Der „Interludium“ überschriebene Essay beginnt mit einem Briefwechsel zwischen Paul Auster und J.M. Coetzee über die Lage und Aussagekraft von Lyrik. Es ist nur dies; eine Aneinanderreihung von Zitaten aus diesem Briefwechsel.

Diese Lust an Aufzählungen und immer neuen Zitaten, überträgt sich nicht auf mich als Leserin. Andererseits soll es sich bei „Zischender Zustand“ vermutlich nicht zuletzt um eine riesige Collage handeln, so dass all dies berechtigt ist. Das folgende Zitat als Beispiel für den Stil und die Art der Collage, die Breuer mit „Zischender Zustand“ vorlegt.

Wiederholt verwende/verwerte ich das Bild vom Baden, vom Lesebad, Wörterbad, vom Baden in Mayröckers Wörtern - Sätzen – Gedanken – Vorstellungen – Stimmungen usw. (die, so scheint´s, mit und in jedem Text, mit und in jedem Buch immer noch mehr sie selbst wird), die sich ins Ich wühlen, manchmal halte ich mich für dich, ich schreibe das, und hätte ich dieses mein Schreiben nicht, hier also einfach noch einmal nieder, es ist ein vollkommenes Eintauchen, Untertauchen, Worteinhauchen, ah, daß abgeschrieben würde aus meinen Büchern, mit weit geöffneten Augen: als wollten sie mir zu verstehen geben, daß alles was ich je niedergeschrieben hatte, NICHTS wäre, buchstäblich NICHTS, was wäre es dann?

Breuer geht es darum, Verbindungen zu entdecken und aufzudecken. „Zischender Zustand“ ist somit ein viele Seiten langer Nachweis, oder auch Beweis, dass Literatur ein fortwährendes Generationen- und Jahrhunderte umfassendes Gespräch ist. Manchmal gelingt es Theo Breuer sehr schön und gleichzeitig zwangsläufig, durch seine Collagen, neue Sichtweisen zu eröffnen, indem er Fragmente unterschiedlicher Dichter zu einem neuen Gedanken zusammenführt, oder wenn er z.B. von seinen eigenen Gedanken beim Wandern durch den Schnee ausgehend, über Augustinus und Sophie Reyer, Überlegungen zur Zeit mit einem Spatzenschwarm und dem Mayröcker Zitat „mit Schnee in den Augen“, enden lässt.

         es ist cut-up es ist Malerei was ich schreibe

Breuer selbst schreibt von der „Montage“ dieses Essays. Wobei er immer wieder Ermunterung in Mayröckers Werk findet.

Das mit „am wortstein aus dem mund“ überschriebene Kapitel versammelt schließlich einige eigene Gedichte Breuers, die sich der Mayröcker Lektüre zu verdanken haben.

Unklar ist mir, warum ein Kapitel über die endlich vollendete Lektüre des Ulysses ebenfalls Platz in diesem Buch findet. Überhaupt scheint manches willkürlich, zusammengehalten und berechtigt dadurch, dass es Teil des „atmenden Alphabets“ ist. Andererseits darf man von einer lebendigen Collage sicher keine engen Grenzen erwarten.

Insgesamt stellt „Zischender Zustand“ jedoch den unablässigen Versuch dar, nachzudichten, dem „zersplitternden“ Werk Friederike Mayröckers weitere Splitter hinzuzufügen, nicht es zu kitten. Getragen von der Frage: „Ist Dichtung eine Form der Berührung von möglichen und wirklichen Welten?“, spielt sich alle das hier Geschriebene in einer dritten Welt ab:

Es gibt, glücklicherweise, diese dritte Welt, in der sich die beiden Welten berühren, zu einer neuen verschmelzen. Und was für einer

Theo Breuer
Zischender Zustand
Mayröcker Time
Pop Verlag
2017 · 200 Seiten · 16,90 Euro
ISBN:
978-3-86356-152-9

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