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Kritik

Elbsandstein mit Nazis

Thilo Krauses Debutroman überzeugt – trotz kleiner Schwächen
Hamburg

Die Ausgangssituation ist von einer geradezu klassischen Prägnanz und doch sehr schlicht in dem Sinne, daß ihr jede künstlich aufgesetzte Konstruiertheit fehlt: Ein Mann kehrt von irgendwo zurück in die Gegend seiner Jugend, um die Vergangenheit aufzuarbeiten – und scheitert daran fast, nicht zuletzt auch weil die Umwelt in eben jenen früheren Zeiten steckengeblieben ist. Der namenlose Ich-Erzähler erinnert sich, wie er als Dreizehnjähriger mit seinem Freund Vito den Ausbruch geprobt und aufs Sandsteingebirge klettert ist, wie Vito dort abstürzte und durch diesen Unfall ein Bein verlor, woran das gesamte Dorf – wie es scheint: grundlos – dem Ich-Erzähler die Schuld daran gibt; und wie die Beiden schließlich, ___STEADY_PAYWALL___als die Freundschaft bereits kleine Risse bekommen hat, einen weiteren, eher symbolischen, Ausbruch aus der Enge der sozialistischen Gesellschaft versuchen und abermals kläglich scheitern.

Kurz nach der Jahrtausendwende: Der Ich-Erzähler hat im Nachbardorf ein Haus gekauft, in das er mit seiner Frau Christina und dem Kind, der »Kleinen«, einzieht. Barfuß durch Dorf und Wälder streifend, ohne festen Job, versucht er, wieder eine Beziehung zu Vito aufzubauen, der im Dorf geblieben ist, sich in der eigenen Werkstatt als Zimmermann durchschlägt und auch schon mal ein Landser-Heft liest, das man ihm aufgedrängt hat. Je mehr der Ich-Erzähler sich um Vito bemüht und in den Erinnerungen versinkt, desto mehr entfernt er sich allerdings von Christina und dem Kind. Altlasten zu tragen ist schwer, Altlasten zu teilen offenbar noch schwerer. Denn klärend geredet wird in diesem Roman nur sehr wenig.

Man muß nicht den Wunsch nach Idylle bemühen, um das Bedürfnis, den Ort der eigenen Kindheit noch einmal aufzusuchen, zu verstehen – aber wenn er historisch kontaminiert ist, dann ist die Konfusion vorprogrammiert. Wenn sich also am Ende des Romans doch noch eine zarte Spur der Hoffnung für die Freundschaft von Vito und dem Erzähler abzeichnet, die schließlich zusammen mit dem Tschechen Jan das Dorf wieder verlassen, so ist das nur eine sehr schale Hoffnung, denn das Dorf steckt unnachgiebig fest in der Vergangenheit und betrachtet sie als Außenseiter und Feinde: »Ein Tscheche, ein Zugezogener, ein Einbeiniger.« Die große Flut, die durch das Land zieht, ebenso real wie symbolisch, auch sie kann den Schmutz der Vergangenheit nicht abspülen.

Thilo Krause ist ein hervorragender Lyriker, der mit einfachen Mitteln eine lange nachhallende Wirkung erzielen kann. Die Stärken dieses Romanerstlings liegen in der Beschreibung der Landschaft, der allmählich immer mehr frakturierten Beziehung der beiden Jugendlichen und in der Evozierung einer mild melancholischen Stimmung, die sich unmittelbar auf den Leser überträgt. Die Zeit wird durch das langsame Erzählen und den Verzicht auf eine spannende Handlung gleichsam angehalten, sie tritt beinahe auf der Stelle, so wie auch die Vergangenheit in der »Stadt-die-keine-ist« noch immer existiert und nichts Neuem gewichen ist – aber im Gegensatz dazu ermöglicht sie im Roman eine gesteigerte Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Das wird besonders in der ersten Hälfte deutlich, die geschickt zwischen lyrisch aufgeladener und nüchterner Alltagssprache changiert. Diese Sprache kann den Zauber der Kindheit einfangen ohne sie zu verklären, denn vieles war keine Idylle – man denke an den hochnotpeinlichen Fahnenappell, der die beiden Jugendlichen nach ihrer mißlungenen Klettertour vor der versammelten Schule bloßstellt. Es ist eine Sprache der Ruhe, die aus der Einsamkeit entsteht, und sie hat wunderbare Bilder im Gepäck: »Nur drei sind wir. Trotzdem ziehen wir alles hinter uns her, haben es aufgeladen. Die Freunde, die wir hatten und haben, die Familie, die Lebenden, die Toten. Eine ganze Karawane sind wir, obwohl nur zu dritt, eine ganze Karawane. Und Vito ist auch eine und Jan auch. So ziehen wir umher, mit unseren unsichtbaren Karawanen. Sehen kann man nur die eigene und spüren, wie sie zieht. Die anderen sieht man nicht.« Leider kann die zweite Hälfte dieses Niveau nicht mehr ganz halten, die Sprache wird etwas fahriger, glanzloser, kleine Schludrigkeiten schleichen sich ein, als müsse die eine Romanlänge vielleicht nicht völlig ausfüllende Geschichte gedehnt und gleichzeitig zu einem schnellen Abschluß geführt werden.

Die Aussparung, das Verschweigen, das den Reiz der Lyrik ausmachen kann, wird im Roman etwas überstrapaziert. Nur schwer sind nämlich einige Motive und Verhaltensweisen des erwachsenen Ich-Erzählers nachvollziehbar – durch seine Entfremdung sich selbst und der Umwelt gegenüber läßt sich sein närrisches Verhalten allein nicht erklären. Auch die sozialkritischen Aspekte kommen, selbst wenn sie nicht im Mittelpunkt stehen, insgesamt ein wenig zu kurz – selbstverständlich muß ein Roman nicht das Vehikel der Analyse gesellschaftlicher Zustände sein, doch grenzt hier das Verhalten der aggressiv-ablehnenden Dorfbewohner zuweilen ans Klischee, und vor allem hinsichtlich der neonazistischen Gefahr bleibt der Roman allzu brav, man hätte sich an dieser Stelle größere Trauer oder Wut gewünscht, nicht nur die pflichtschuldige Erwähnung von »Glatzen«, Nazicamps und des klammheimlichen Widerstandsakts des Abschleifens ewiggestriger Symbole von der Felswand. Der Erzähler kann seine Vergangenheit nicht mehr korrigieren, aber die gesellschaftliche wäre dazu sehr wohl in der Lage.

Das sind insgesamt keine gravierenden Einwände, doch sie müssen zur Sprache kommen, weil die großen Meriten, die dieses Buch erhalten hat, natürlich auch ebenso große Erwartungen an eine preiswürdige Ausgefeiltheit schüren, ansonsten wären sie wohl verzeihlich, denn »Elbwärts« ist ohne Zweifel ein durchaus lesenswertes, aktuelles Buch und als erzählerisches Debut allemal bemerkenswert.

Thilo Krause
ELBWÄRTS
Hanser Verlage
2020 · 208 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26755-8

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