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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Kritik

Butterbrotpapier und ein paar ewige Dinge

Thilo Krause erweist sich auch in seinem dritten Band als buchstäblich magischer Realist
Hamburg

Die einfachsten, alltäglichsten Dinge und Verrichtungen in höchst intensive Dichtung zu verwandeln, ist eine bewundernswerte Kunst, die Thilo Krause versteht wie derzeit kaum ein anderer. Dabei bedient er sich einer sehr luziden Sprache, die weder gesucht noch gekünstelt ist, um die Dinge von einer bewußt persönlichen Warte aus transparent auch für die Leserschaft zu machen. Entsprechend wählt Krause seine Themen und bevorzugt, was in mildem Licht ausgebreitet liegt, auf der Straße, zwischen den Häuserblocks, in der eigenen Wohnung. Exaltierte Stimmungen wird man vergeblich suchen. Krause gibt den Dingen mit einer an japanische Dichter wie Bashō gemahnenden Heiterkeit das zurück, was sie manchmal längst verloren zu haben scheinen: das Leuchten von innen heraus.

Man wird nicht falsch liegen, wenn man das dichterische Ich bzw. die beobachtende und beschreibende Instanz in den Gedichten weitgehend mit den Autor selbst identifiziert, auch wenn etliche Einzelheiten selbstverständlich fiktiv sein dürften. Dadurch entsteht der Eindruck des Authentischen, Aufrichtigen; hier ist niemand, der eine Rolle spielen oder sich verstellen muß, vielmehr ist hier einer, der zur Arbeit geht, sich liebevoll um seine Kinder kümmert, gerne durch die Straßen spaziert, vornehmlich in den etwas verwilderten Bezirken der Agglo, den Urlaub auf Sardinien verbringt, Bienen „mit einem Glas und einem Stück Papier“ rettet, das im Fensterkitt blühende Vergißmeinnicht bemerkt, die Photographien von Mike Brodie betrachtet, die die modernen Hobos in Amerika in den Fokus nehmen, Tauben unter der Autobahnbrücke als Geschöpfe respektiert und einigen Erinnerungen aus der Kindheit und Jugend in einem anderen politischen System ganz unideologisch nachsinnt.

Thilo Krause ist der Dichter einer wohltuenden Normalität, eines heilsamen Durchschnitts, was nicht bedeutet, daß seine Gedichte in irgendeiner Weise langweilig oder durchschnittlich wären. Behutsam, ja geradezu zärtlich nähert er sich den Dingen, um sie ohne großen Aufruhr, unauffällig, in Worte zu bringen, die in ihrer schlichten Stringenz, Perfektion und Dichte das Bedichtete für den Leser in eine lebendige Gegenwart holen und ihn wirklich berühren. Ganz leicht ruhen die Worte für einen Moment auf den Dingen, damit diese sich öffnen und ihren Duft freisetzen, dann wieder liegt der Schleier des Rätselhaften schwer auf ihnen. Solche Dichtung bedrängt nicht, sondern kitzelt heraus. Die Welt, die Thilo Krause beschreibt, ist kommunikativ, das heißt, sie öffnet sich unserem Verständnis, ist sinn- und zeichenhaft, doch gehört zur gelingenden Kommunikation auch immer, aktiv auf die Dinge zuzugehen („Es war das Gras, das Antwort gab / als ich zu sprechen begann.“). Auch ansonsten wird sehr viel geredet und gelauscht und erklärt, auch und vor allem in der eigenen Familie, den Kindern gegenüber, zum Glück vollkommen klischeefrei.

Insgesamt ist das Buch ein Credo an das Hiesige und Sichtbare: „Ich glaube an die Dinge / die mich umgeben“, heißt es einmal ganz dezidiert, und tatsächlich weht durch alles ein sanfter Hauch der Hoffnung, sogar noch bei den öfters angeschlagenen melancholischen Tönen. Für Thilo Krause ist das Glas nicht halbleer, aber auch nicht bloß halbvoll, im Gegenteil: „Geräusch von Milch / in einem Glas, das voller wird / und voller.“ Dennoch ist es natürlich keine heile Welt, die Krause hier zelebriert, der Schrecken ist immer irgendwie mitgedacht, späht zuweilen auch häßlich zwischen den Zeilen hindurch, gewinnt aber nie die Oberhand. Die Lieder zum Beispiel, die „an einem heiteren Tag“ gesungen werden, handeln scheinbar paradoxerweise von Gewitter und Regen; die Begegnung mit dem Elementaren dabei ermöglicht es dem Kind aber, sich zu definieren, von der Umgebung abzugrenzen, ein Selbst zu werden:

Nass war ich. Kalt war mir.
Ich wusste, wo die Welt endete
und ich begann.

Der von Thilo Krause (und dem Rezensenten) geschätzte amerikanische Dichter Robert Hass hat einem seiner Bücher („Praise“, 1979) ein — wahrscheinlich fingiertes — Zitat vorangestellt, in dem ein Kapitän von seiner Mannschaft gefragt wird, wie denn mit einer „gewaltigen, fürchterlichen und unberechenbaren“ Bestie zu verfahren sei; er antwortet: „I think I shall praise it.“ Das ist dieselbe Haltung, mit der Krause der Ungewißheit und dem Schrecken gegenübertritt, der den Dingen der Welt innewohnt. Die Gedichte des vorliegenden Bandes legen ein beredtes Zeugnis davon ab

Thilo Krause · Ursula Haeusgen (Hg.) · Michael Krüger (Hg.) · Raoul Schrott (Hg.)
Was wir reden, wenn es gewittert
Edition Lyrik Kabinett bei Hanser
2018 · 128 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25816-7

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