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Kritik

Reißleine und Heimsuchung

Tomas Espedals „Gehen“ erscheint als Taschenbuch
Hamburg

Tomas Espedals Durchbruch und Debüt im deutschsprachigen Raum „Gehen“ erschien erstmals 2011 in der Übersetzung von Paul Berf, als der Autor bereits länger als zwanzig Jahre am Publizieren war. Bis 2017 hatte der Verlag Matthes & Seitz bereits die fünfte Auflage gedruckt; kürzlich erschien „Gehen oder Die Kunst ein wildes und poetisches Leben zu führen“, wie diese Lebensabschnittsautobiographie, dieser Bericht vom Reisen und dem unwegsamen Zuhause, diese Reflexion und dieses inneres Exerzitium vollständig betitelt ist, als Paperback. Das gleicht einer kleinen Adelung, denn so steht Espedal – übrigens Karl Ove Knausgards weniger exhibitionistischer Schreiblehrer – in einer Reihe mit allerlei kanonischen Texten der Moderne und ihren Vorreitern.___STEADY_PAYWALL___

Am Anfang scheitert der, der hier schreibt, an der Weglosigkeit, dies es bedeutet, daheim zu bleiben, eine Familie quasi zu erwarten, in seinem Fall auch einen kleinen Bauernhof zu bewirtschaften. Stattdessen geht – nennen wir ihn Espedal – eine große Verkehrsstraße auf und ab, ist vom Wunsch erfüllt, zu verschwinden, zu verwahrlosen, wenn darin nicht sogar anklingt, dass gerade die Fähigkeit überhaupt zu Wünschen allmerklich schwindet. Längere Zeit hält er es in einer Kneipe aus, aber auf seine Weise konserviert der Alkohol mindestens mittelfristig die immer wieder durchgedachten, ganz abstrakten Probleme und verschafft keine Ruhe. Schreiben kann er am besten, wo er sich zu Gast fühlt: In seiner Heimatstadt Bergen ist das die Wohnung seiner Schwester, wo die Umgebung vormöbliert ist. Die instantane Glücksausschüttung, die Espedal in einem Moment erfährt, als Licht auf ein Straßenschild fällt, macht ihm klar, dass er gehen muss. Mit möglichst leichtem Gepäck macht er sich los, meist im Anzug gekleidet, mit Schnaps zum Einschlafen und auch etwas Höhenkammliteratur, derer er sich aber, wenn der Körper nicht mehr richtig mitmacht, genauso schnell entledigt wie des Klopapiers. „Gehen“ ist die nicht die Geschichte, sondern der formal elastische Text von einem, der auszog, ohne Ziel. Das Ziel wird aber nicht plattitüdenhaft und metaphysikalisch Weg, sondern vielmehr die Tätigkeit des Gehens selbst. Auf den letzten Seiten, am Ende des dritten Teils, nach Wanderungen mit seinem schweigsamen Freund Narve, verrät Espedal:

„Je leichter es einem fällt zu gehen, desto einfacher ist es, sich belanglose Gedanken zu machen; die Gedanken werden leichter, ich habe mich gehend aller Sorgen und ernsthaften Gedanken entledigt, denke nicht mehr darüber nach, was ich tun soll, wenn unsere Wanderung vorüber ist; wo ich wohnen und was ich schreiben werde. Während wir weitergehen, schlagen meine Gedanken die entgegengesetzte Richtung ein, sie gehen zurück, immer weiter in die Vergangenheit zurück; ich denke an meine Jugend und die Jahre der Kindheit, trotte dorthin zurück, wo ich einmal gewesen bin, während wir gleichzeitig auf etwas Unbekanntes und Neues zugehen.“

Bis er das norwegische Bergen, seinen Anfang und Ausgangspunkt, neu sehen kann, braucht es weite Strecken Europas, flüchtige und vielleicht deshalb bleibende Begegnungen ohne Wiedersehen, die eine oder andere brenzlige Situation in der Natur oder in Nachtclubs. Gewährsmänner wie Rousseau, der wohl eher Spaziergänger denn Wandersmann war, oder Rimbaud, dessen bewegtes Leben mit Mitte dreißig eine Beinamputation zur Folge hatte, liest und reflektiert Espedal mit Anerkennung wie Skepsis. Er trifft auf einen boxenden Pfarrer, hängt sich an Janne aus dem Friseursaloneinen, bewundert den alkoholkranken Sohn einer Pensionsinhaberin auf einem griechischen Berg, der eine strenge Tagesroutine und angeblich Freundinnen aus aller Welt hatte. Espedal lernt in Frankreich in einer Kneipe auf den Boden zu aschen, sucht einen skandinavischen Lyriker-Eremiten auf. Und immer wieder erinnert sich Espedal, springt von der Reiseroute zurück, an die ganz normalen bis traumatisierenden Ereignisse seiner Vergangenheit, die er nicht abschütteln kann wie zu erwartebn.

„Gehen“ streift allerlei Fragen, die man diskursiv aufrollen kann: Es ist ein Buch über Beziehungslosigkeit und Einsamkeit genauso wie über Freundschaft, die nicht ausbuchstabiert werden muss, sondern schweigend da ist, um die Strapazen des Wanderns zu überstehen. Espedal ist getrieben vom unbestimmten Wunsch voranzukommen, um genau diesem Zwang letztlich zu entkommen: Er macht sich auf den Weg, um sich wieder setzen zu können, ohne im Boden versinken zu wollen. Orte, Begegnungen sind beiläufig und werden doch nicht austauschbar: Bei einem australischen Hochsicherheitsreisenden, der sich kaum aus dem Hotel traut, erkennt er nicht einfach die Erfahrungsresistenz im modernen Tourismus, sondern den irgendwie legitimen Wunsch sich weiterhin zuhause zu fühlen, von wo er nie wirklich wegwollte. Tröstlich, teils auch recht mild, ist oder wird „Gehen“ dadurch, dass sich immer wieder eine Offenheit auf Espedals Wegen auftut. Was hier steht, ist in sich bewegt, aber nie wirklich gehetzt. Das macht es zu einem guten Begleitbuch.

 

Thomas Espedal
Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen
Übersetzung: Paul Berf
Matthes & Seitz
2020 · 235 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-75180-100-3

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