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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

Die neuen Leiden der jungen Männer

In Thomas Glavinics Roman „Der Jonas-Komplex“ ist das Ich nicht ein anderer, sondern mindestens drei
Hamburg

Der Einzelne ist nicht ein anderer, sondern mindestens drei. Zumindest wenn man dem Protagonisten in Thomas Glavinics neuem Roman „Der Jonas-Komplex“ glauben darf.

Da wäre zunächst Jonas Nummer eins: Der Schriftsteller, der sich regenwurmdicke Linien Koks in die Nase zieht, bei Frauen aufwacht, an deren Namen er sich nicht erinnern kann, und obszöne Textnachrichten mitunter an die falsche Person verschickt. Der sich aber zugleich liebevoll um sein Kind kümmert, wenn es denn mal bei ihm ist, und während eines Stipendienaufenthalts in den USA vor Langeweile und Einsamkeit fast zugrundet geht. Und der, nachdem er im Jahr zuvor den Mount Everest bestiegen hat (siehe Glavinic 2013: „Das größere Wunder“), nun mit seiner Freundin Marie zum Südpol wandert. Jonas Nummer eins ist beruflich einigermaßen erfolgreich, was er auch sein muss, denn der Großteil seines Einkommens geht für Drogen drauf.

Jonas Nummer zwei: Ein Borderliner, der zwischen Europa und Tokio pendelt, wo er sich mit einem bizarren Anwalt trifft, der nicht nur sein Vermögen verwaltet, sondern ihm auch extreme Überlebenstouren organisiert. Mal findet Jonas sich mit minimalen Hilfsmitteln ausgestattet in einem Wald wieder, mal wacht er auf einer verlassenen Insel auf, von der er sich nur schwimmend und unter Lebensgefahr retten kann. Ob sein Anwalt letztlich tatsächlich über ihn wacht, wie er sich das in Momenten der Verzweiflung einbildet, bleibt offen. Nach jeder dieser Touren schwört er sich, dass dies das letzte Mal gewesen sei; nur um sich wenige Kapitel später in das nächste Abenteuer zu stürzen.   

Und schließlich Jonas Nummer drei, das Kind, das in der Weststeiermark bei einer umtriebigen Bekannten aufwächst. Ein Außenseiter, der sich meist mit sich selbst beschäftigt und bei den Mädchen nur in seiner Phantasie landen kann. Sein Selbstbewusstsein zieht er aus dem Schachspiel, das er nicht nur obsessiv betreibt, sondern bei dem er tatsächlich zu den besten seiner Altersgruppe (und darüber hinaus) zählt.

Alle drei Charaktere fließen ineinander, ohne dass es – auf den ersten Blick – ein erkennbares Vorher oder Nachher gibt. Das ist auch nicht nötig. Die Momente mögen mitunter situativ aufgenommen sein, im Verlauf der rund 750 Romanseiten ergeben sie ein Ganzes. So unterschiedlich die Handlungen und Beweggründe von Jonas eins bis drei auf den ersten Blick erscheinen, ihnen gemeinsam ist die Suche nach einem anderen Leben, als das, das sie gerade führen. Dabei sind Anknüpfungen und Anschlüsse durchaus angelegt. Jonas eins und zwei lassen sich zusammen denken. Auch wenn einem die Vorstellung, wie der leicht heruntergekommene Jonas eins kilometerweit durch das offene Meer schwimmt und ein Outdoor-Abenteuer nach dem anderen erfolgreich besteht, etwas schwer fällt. Jonas drei wiederum, dreizehnjährig, kann man sich dreißig Jahre später ohne allzu große Phantasieleistung als Jonas eins bis – wie gesagt, mit Einschränkungen – zwei vorstellen. Den Absprung aus der Weststeiermark nach Wien hat er hinbekommen. Ein Einzelgänger und Eigenbrötler ist er immer noch, aber zugleich eben auch hochbegabt. Seine Nische ist nicht länger das Schachspiel, sondern das Schreiben. Und mit den Frauen klappt es mittlerweile, dank des fortgeschrittenen Alters und einer gewissen Großzügigkeit, die der Markt um die 40 bietet, auch einigermaßen – zumindest quantitativ! 

Trotz seiner durchdachten Struktur weist der Roman aber auch Längen auf. Gleich mehrfach schweift Glavinic ins Plauderhafte ab. Seitenlang breitet er Belanglosigkeiten aus, etwa wenn er detailliert die Funktionsweise von Tinder referiert (die jedem Glavinic Leser hinreichend bekannt sein dürfte), oder Zeitungsberichte über den Absturz der Germanwings-Maschine im vergangenen Jahr wiedergibt. Sinn und Zweck dieser Übungen, abgesehen vom Nachweis über Zeitgeistnähe und Zeitgenossenschaft des Autors, erschließen sich nicht wirklich. Ein Phänomen übrigens, mit dem man in den meisten Glavinic-Romanen konfrontiert wird.

Dass Glavinic lesenswerte bis sehr gute Bücher schreiben kann, hat er in den vergangenen Jahren mehrfach unter Beweis gestellt. „Der Jonas-Komplex“ fügt sich nahtlos in diese Reihe ein. Dennoch, der ganze große Wurf ist ihm nicht gelungen. Getragen von einer klug durchdachten Konstruktion, fasert die Erzählung zu oft ins Weitschweifige und Ungefähre aus. Eine konzisere Sprache sowie Mut zur erzählerischen Verknappung hätten dem Buch gut getan.

 

 

Thomas Glavinic
Der Jonas-Komplex
S. Fischer
24,99 Euro
ISBN:
978-3-10-002464-0

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