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Der Mensch ist ein Kulturwesen, klar, seit dem Siegeszug audiovisueller Medien und deren Künsten ist er aber vor allem ein Popkulturwesen. Einen Streifzug durch den Pop-Kultur-Sinnlichkeits-Effekt-Dschungel, der unsere Welt ist, bietet die Zeitschrift POP. KULTUR UND KRITIK. Doch was genau ist eigentlich heute Pop? Auch das 15. Heft der Zeitschrift erkundet fragend den Gegenstand.

Miryam Schellbach analysiert in einem lesenswerten Beitrag beispielsweise das Verhältnis von Pop und gegenwärtiger Literatur- und Lyrikszene. Die kämpft nun schon seit dem letzten Jahrhundert gegen den eigenen Relevanzverlust, der Dichter-Gigant Peter Rühmkorf versuchte diesen beispielsweise noch durch Jazzperformances oder Kirchenauftritte zu kompensieren.

Performances und Lesungen sind mittlerweile die Regel. Schellbach beklagt in ihrem Text jedoch, dass das Feuilleton sich seit Jahren nicht mit der performativen Dimension dieser Formen des »Spoken-Words« beschäftigt und führt an den Auftritten der Dichterin Ann Cotten vor, wie so eine Beschäftigung aussehen könnte. Cotten balanciere beständig »auf der Grenze zwischen heiligem Ernst und unendlichem Spaß«, was sich in ihrer Stimme, der Art auf Fragen zu reagieren und sogar ihrem Haarschnitt zeige, »der bei nur wenigen so wie bei ihr nach Häuserkampf und bei den meisten nach Reformhaus aussieht«. Was in den Domänen audiovisueller Pop-Erzeugnisse viel selbstverständlicher auch Gegenstand der Analyse und der ästhetischen Erfahrung wäre, hebt Schellbach auch bei Cotten hervor und wirbt für eine Erweiterung des literarischen Spiels, das die spontanen ästhetischen Effekte, die sich bei Lesungen zwischen Räumen, Rezipienten und Autorinnen ergeben, mit einfängt, beschreibt und kritisiert. Doch ein wenig ratlos hinterlässt der Text den Leser dann doch. Denn das im Mousonturm (wo Cotten liest) auf der Treppe geraucht wird und ein Manager sich dort Bücher signieren lässt, ist von Schellbach zwar konsequenter Weise dann ganz pointiert beschrieben, die Schilderungen neigen aber zum Klischee. Natürlich geht von Ann Cottens Bühnenpräsenz eine Faszination aus, weil sie in der Lesung ihren Text auf stringente Art verkörpert, also Punk, Avantgardismus und klassische Ernsthaftigkeit zugleich ausstrahlt. Gerade in der Lyrik (oder lyrischen Prosa Cottens) sollten wir aber den Texten selbst mehr Aufmerksamkeit schenken. Sie enthalten ja in sich schon ziemlich großartige Bedeutungsexplosionen und sind hochgerüstete semantische Grenzüberschreitungsmissionen, an denen lesend teilzunehmen eine gewisse Anstrengung erfordert, aber eben auch großartige sprachliche Erfahrungswelten eröffnet. Leider bleibt der Romantext Ann Cottens bei Schellbach aber außen vor. Es wäre – auch ganz im Sinn ihres Vorschlags – interessant gewesen, die dialogischen Verstehensversuche der Moderation auf der Ann-Cotten-Lesung aufzuzeichnen und zu fragen, inwiefern diese scheitern (müssen) oder gelingen (können) und welche Form des Verstehens eigentlich stattfindet, wenn wir uns Ann Cottens Text aussetzen. Das unterlässt Schellbach aber leider.

Auf ganz andere Weise eröffnet auch K-Pop, also koreanischer Pop, neue semantische Welten. Der irre Genremix bedient sich überall, mischt HipHop, Eurodance, Reggae und sogar Jazz. K-Pop füllt gerade weltweit Konzerthallen und generiert Millionen Klicks auf youtube. (Empfehlenswert ist zum Beispiel der Song »Idol« von BTS). Elena Beregow hat das Phänomen untersucht. Während die Lyrik-Szene ihre Freiheit gerade durch eine gewisse Unabhängigkeit von ökonomischen Zwängen erhält (und damit auch der permanenten Prekarität ausgeliefert ist), entspringt der koreanische Pop einem von der Regierung unterstützen »Strategic Plan for the Growth of the High-Tech Visual Arts Industry«. Beregow analysiert in ihrem Beitrag auf großartige Weise den ästhetisch ambivalenten Fall der K-Pop Band BTS, bei der eine »Ästhetik des Militärischen dezidiert in ein ästhetisches Programm der Cuteness überführt wird«. Denn tatsächlich schlägt die »popsoldatische Abrichtung«, also der bis ins Detail von den Unternehmen durchgeplante Auftritt der Boygroup und die dazu notwendigen harten Trainingsprogramme; Gesang, Tanz, Fremdsprachen, Medienauftritte, in die absolute mediale »Cuteness« (Niedlichkeit) um. Dabei unterläuft K-Pop klassische Männlichkeitsbilder und erneuert das alte emanzipatorische Versprechen des Pop, das wir durch ein bisschen mehr Oberflächlichkeit, Queerness und Schrillheit doch zu besseren Menschen werden. Dass K-Pop in Zeiten des globalen Rechtsruckes für viele unbequem ist, zeigen in diesem Zusammenhang auch die misogynen und homophoben Angriffe, die Fans sowie Bands mittlerweile überall erleiden müssen.

Wer angesichts der sozialen Ungleichheit und der sich verschärfenden ökologischen Krise etwas grundsätzlicher über gesellschaftliche Veränderung nachdenken will, dem sei Martin Seeligers Beitrag zur Popularisierung des Enteignungsbegriffs empfohlen. Dass sich auch solche Beiträge im Heft finden, ist eine Stärke von POP. Das Magazin trägt so gerade den nicht so spielerischen ökonomischen Machtverhältnissen Rechnung, die unserer bunten Popwelt zu Grunde liegen. Seeliger plädiert dafür, die neuen sozialen Kämpfe um Wohnraum als Konflikt der demokratischen Teilhabe zu beschreiben. Die Enteignung großer Immobilienkonzerne zum Wohle der Allgemeinheit, würde im Idealfall eine demokratischere Politik ermöglichen. Diese könnte »Produktions- und Verteilungsfragen auf diese Weise von vornherein (mit-)gestalten«, anstatt »Marktergebnisse im Nachhinein durch Umverteilungspolitiken zu korrigieren.« Populariät gewinnt der Enteignungsbegriff im Moment laut Seeliger außerdem auch genau deshalb, weil er eher »konservative« Vorstellungen und Werte aufruft. Tatsächlich geht es vielen Bewohnerinnen großstädtischer Kieze im Kampf gegen Gentrifizierung um das »Eigene«, die »gewachsene Lebenswelt«, »soziale Kontakte«, »Nachbarschaft«, »Vertrautheit« und »Verwurzelung«. Wie genau eine stärker demokratisch kontrollierte Wirtschaft aussehen könnte, lässt Seeliger offen. Die radikale Demokratisierung des Eigentums (an Großbetrieben, Banken usw.) wäre ein Weg, der zu einer Gesellschaft führen würde, die sich in einigen Hinsichten grundsätzlich von den aktuellen liberal-kapitalistischen Demokratien unterscheidet. Vielleicht ist es der einzige Ausweg aus der ökologischen Katastrophe, die längst begonnen hat, weil so ökologisch-zerstörerische Privatinteressen einzelner Großkonzerne demokratisch eingedämmt werden könnten. Die Popularisierung des Enteignungsbegriffs lässt also auf eine neue Konjunktur des Nachdenkens über die Demokratisierung der Wirtschaft hoffen.

Das POP-Magazin bietet neben den drei besprochenen noch Texten noch einige andere sehr lesenswerte Beiträge. Wer schon immer wissen wollte, was ein Simulacrum ist und nicht die Geduld hat, Baudrillard zu studieren, der lese einfache die tolle Reflexion von Maren Lickhardt über die Allgegenwärtigkeit des »Animal Prints«, also der Tiermuster, in der Mode. Ebenso lehrreich ist der Beitrag zur Wissenspopularisierung im Social Media von Johannes Paßmann, der diese anhand eines Lets-Play-Videos des Spiels »Total War: Rome II« und Rezos »Die Zerstörung der CDU« analysiert. Wer sich außerdem schon länger fragt, woher eigentlich die ganzen SUVs auf den Straßen kommen und welches Sicherheits- und Distinktionsbedürfnis die Panzerfahrenden möglicherweise antreibt, dem sei Till Hubers Beitrag empfohlen Durch den ebenfalls von Maren Lickhardt verfassten Essay zu ASMR-Videos, ist der Autor dieser Rezension kurzzeitig tatsächlich süchtig nach den seltsamen Flüstervideos bei youtube geworden, die nach Lickhardt so etwas wie egalisierte digitale Wellness sind, an dieser Stelle also eine ausdrückliche Warnung. Die POP muss man aber trotzdem lesen!

 

***Der Beitrag wurde am 19.11. um 14.00 Uhr aktualisiert// Roman (Hospitanz)

Thomas Hecken (Hg.) · Miriam Zeh (Hg.) · Moritz Baßler (Hg.)
»Pop. Kultur und Kritik«, Heft 15, Herbst 2019
[transcript]
2019 · 16,80 Euro
ISSN:
2194-6981

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