Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

»Das Gedicht ist ein glitschiges Teil Sprache«

Griff in die Schatztruhe: Thomas Klings Werke in einer Gesamtausgabe
Hamburg

Eine schwere Kassette mit vier fadengehefteten Bänden: Das Werk von Thomas Kling, zusammen, inklusive aller Anmerkungen und Nachweise der Herausgeber, exakt 2700 Seiten, wovon 1784 Seiten auf die Lyrik entfallen. Doch wie soll man sich ihm nähern? Eine weitere Analyse schreiben, in der Hoffnung, die vorhandenen zu übertrumpfen und neue Aspekte aufzudecken? Das wäre ein ebenso tollkühnes wie ehrgeiziges Unterfangen für eine andere Gelegenheit. Eher kann vielleicht der subjektive Zugang die bislang noch ganz unbeteiligten und unbefangenen Leserinnen und Leser erreichen, die meine persönliche Erfahrung teilen: Mit Thomas Klings Gedichten hatte ich mich nämlich vorher nicht tiefergrabend beschäftigt, wofür sich insbesondere zwei Gründe anführen lassen: seine für meinen Geschmack immer ein wenig zu affektierten Auftritte – als Protest gegen die ›behäbig-brave Dichterlesung‹ natürlich allzeit zu verteidigen – und die Schwierigkeit, jenseits der vielen Einzelpublikationen überhaupt einen größeren Querschnitt bzw. Überblick zu ergattern (die »Gesammelten Gedichte« von 2006, ein Fast-tausend-Seiten-Wälzer, veröffentlicht ein Jahr nach dem Tod des Autors, werden momentan zu unerschwinglichen Höchstpreisen antiquarisch gehandelt). Doch die neue Werkausgabe ermöglicht nun die unvoreingenommene Annäherung und Beschäftigung – was ist dran an dem Dichter, den viele, wie das Gerücht umläuft, mit einer sakrosankten Aura umkleiden, andere dagegen mit einem verständnislosen Achselzucken strikt ablehnen?

Zu den ›Lesungen‹ findet sich im Essayband sofort auf den ersten Seiten der Hinweis: »Sprach-Räume mit der Stimme gestalten, Sprache mit der Stimme der Schrift gestalten: Sprachinstallationen.« Dies also in Abgrenzung zur traditionellen Lesung (»piepsig und verdruckst, vor allem aber von peinigender Langeweile«) und zur Performance. »Das Gedicht baut ja auf Begegnung, die in vorliegendem Fall eher einer Kollision gleichkommt. Das Gedicht ist Begegnung. Nicht nur im Brocaschen Zentrum, dort, wo die Sprache sich anbahnt«, schreibt Kling als Erwiderung auf gewisse Anwürfe gegen die Art seines ›Vortrags‹, was den Verdacht der Affektiertheit zumindest um die theoretische Programmatik dahinter erleichtert. Sicherlich bleibt dennoch manches, was man letztlich als pures ›Alleinstellungsmerkmal‹ degradieren muß, es sollte aber nicht von der eigentlichen Substanz ablenken.

Bemerkenswert ist von Anfang an das Bemühen, das einmal Erreichte nicht bis zur Ermüdung, bis zum Erbrechen zu wiederholen. Von der ersten Buchveröffentlichung »der zustand vor dem untergang« (1977) hatte sich Kling später distanziert; dennoch ist es überraschend, abseits der Spuren expressionistischer Lektüre schon vage Abzeichnungen dessen zu sehen, was noch kommen würde: Erst neun Jahre später erscheinen die zwischen 1981 und 1985 geschriebenen Gedichte unter dem Titel »erprobung herzstärkender mittel« in kleiner Auflage bei der Eremiten-Presse. Eine verblüffende, wandlungsreiche Entwicklung in nur wenigen Jahren! In sprachlicher Hinsicht scheint im letztgenannten Band bereits alles vorhanden zu sein, das später nur noch vielseitig variiert wird: schnelle Wechsel der Register, Spiel mit Zitaten, Bedeutung kreierende Trennung von Silben und Morphemen, Abkehr von orthographischen Regeln zugunsten eigener Schreibweisen etc. etc.

Ich hatte Thomas Klings Gedichte bislang nicht entlang der Chronologie verfolgt. Gerade das ist jedoch überaus spannend und bringt einem den Autor nahe. »Das Gedicht ändert sich bei jedem Lesen«, schreibt Kling im »Sprachspeicher«. So auch diese. Themenschwerpunkte verschieben sich, nach den Stadtilluminationen schlingert mit dem Umzug auf die Raketenstation Hombroich die Natur vermehrt in den Fokus, und dann, im dritten Band, die Atemmetaphern des an Lungenkrebs erkrankten, witzig und ohne Larmoyanz. Die Sprache der ersten Bände ist noch zumeist ein salvenartiges Dauerfeuer gesuchter Worte, später dann kommt mehr Souveränität in dem Sinne dazu, daß die Originalität sich ungezwungener einzustellen scheint – so jedenfalls mein Leseeindruck.

Natürlich gibt es bei der Menge an Gedichten auch einige, die den experimentellen Prüfstand heute nicht oder nicht mehr bestehen. In dieser Gesamtausgabe fallen sie aber kaum ins Gewicht. Was vielleicht den Lesern und Leserinnen, die mit dem Kling-Sound nicht vertraut sind, besonders ins Auge sticht, sind die orthographischen Abweichungen von der Norm, d.h. der Näherung an eine phonetische Schreibweise. Man darf dabei nicht vergessen, daß viele Autoren ihre Privatschreibung hatten, das beginnt nicht erst bei Friedrike Mayröcker oder Arno Schmidt, auch Klopstock, Jean Paul und Adalbert Stifter hatte ihre – stets begründeten – ›Marotten‹.  Heute begegnen wir Kling vor allem als Lesende, rezipieren ihn ausschließlich visuell, doch man muß wohl bedenken, daß diese Texte auch immer Partituren für seine Lesungen waren. Den erhöhten Stellenwert der Lyrik innerhalb der Literatur begründete Kling in einem kurzen Text aus dem Jahr 2000 »weniger mit dem Altmedium Buch (…) als mit dem angestiegenen Interesse an Live-Auftritten, mit denen jüngere und junge Autorinnen und Autoren vor das Publikum treten«: dem mögen nun zumindest teilweise die der Aus- und Alltagssprache angenäherte Schreibung einiger Worte und manche syllabischen Effekte geschuldet sein (was natürlich wiederum in wirksamem Kontrast zur Exklusivität des Vokabulars steht).

Die Bände »geschmacksverstärker« (1989) und »brennstabm« (1991) leben von solchen Vertonungen der Sprache. Das ist besonders apart, wenn es mit älteren Formen kollidiert, z.B. dem Haiku:

taax: v-N-auge,
nachz baterienrassn;

rasende viren.

Doch die Sprache verselbständigt sich ja nicht zum reinen und ausschließlichen Klingklang. Der Lyriker, der nicht immer verleugnen kann oder will, daß ihm der journalistische Aspekt seines Werks wichtig ist, nimmt jenseits aller Abstraktionen häufig Bezug auf Realien. Dies ist nicht der Ort für eine detaillierte Betrachtung sämtlicher Themen Klings – die ohnehin die Lektüre nicht ersetzt –, es müssen darum ein paar allgemeine Anmerkungen und Beobachtungen ausreichen. Von dem Band »nacht.sicht.gerät« (1993) schreibt der Herausgeber, daß er »die Umbrüche und Verwerfungen der frühen neunziger Jahre so analytisch präzise wie politisch scharf in den Blick nimmt«. Auch Krieg, Zerstörung, Untergänge geraten immer stärker ins Wörtervisier – alles ein »Zungenschwund«. Großes Kino ist der Zyklus »Der Erste Weltkrieg« aus »Fernhandel« (1999), eine Wörterschlacht nahe am sonst gemiedenen Erzählen, abstraktes Zeitlupenbetrachten dagegen der Zyklus »vogelherd. mikrobucolica« (aus »morsch« 1996).

texthain. lockn-im-busch. köchelnd
(hechelnd) in nähe, aufnahme zweier

körper. kopflagn, geschlürft. drückn
sich di körper im augngelände ab? ge-
pfefferter atem. schattngeleck der
schweißzeichn; goldlack, sagt man, ver-
schwimmender körper. gültige schlingn.
geteilte nässe. dein geänder, augnge-
lände!, behaartes licht! wi ist das haar
naß; texthain, angelhakn von haaren.

In wieder anderem Tempo und Abstraktionsgrad dann etwa »Eine Hombroich-Elegie« (aus »Sondagen«, 2002), auch sie wortverliebt, jedoch anschaulicher –: So zeigen sich verschiedene Aspekte der Ortskenntnis: jede Umgebung kann zum dichterischen Material werden. Kling war zu dieser Zeit bereits so weit etabliert, daß er seine Projekte nicht nur in einem Groß-, sondern auch in mehreren Kleinverlagen realisieren konnte, was die Gestaltungsvielfalt nicht nur innerhalb der einzelnen Bände erklärt.

In der »Auswertung der Flugdaten« (2005), Klings letztem, kurz vor seinem Tod fertiggestellten Band, stehen schließlich Gedicht und Essay gleichberechtigt, sich spiegelnd und ergänzend, nebeneinander. Zu diesem Zeitpunkt hat der unermüdliche Kling bereits mit einem weiteren Projekt begonnen, Ankerwürfe in die Tradition, doch von einem neuen Gelände aus – was hätte daraus werden können, wäre es vollendet worden. Diese letzten Gedichte, teils im Faksimile wiedergeben, habe mich tatsächlich berührt, weil sie ungewöhnlich heiter den Abschied umkreisen oder vielmehr eben genau diesen Gestus verweigern. Dennoch: wenn eine der abschließenden Zeilen des Buchs lautet, in einem Wald- und Mondnachtgedicht, »pavanenweise überm braun der nacht«, steht man ›letzten Endes‹ doch mit beklommener Gurgel da in der Baumreihe der schwarz-schweigenden Brane.

es sind steigende, die weit – zeitraffend – auf-
steigenden hitzegewitter, die schnell hoch-
brechn, schwefeliges entladen durch papier, durch netzwurf, gaze, eiter
ich weiß das und frag,
frag mich: woher mögen die bloß kommen? ge-
blitze? aus tiefem blau, aus greller
försterheide

Belesenheitszeugnis und Positionslichter sind die Essays von Thomas Kling. Auch wenn es sich vielfach um Auftragsarbeiten handelte, bleiben diese Spotlights auf Bücher, Filme, Künstler allemal schon allein ihrer oft originellen Herangehensweise mindestens eine kursorische Lektüre wert. Manches ist bloß Schnipsel, durchmayröckert, oder klingende Polemik. Überall lassen sich aber Formulierungen, Worteinfälle und spitz geschliffene Urteile und Erkenntnisse entdecken, auf die man erstmal kommen muß. Lohnend ebenfalls die längeren Analysen z.B. von Hugo Ball und Emmy Hennings, Friederike Mayröcker und Paul Celan, die Kling als Kenner der Materie ausweisen. Im Fall von Christine Lavant, beharrt das Nachwort des Bands, haben Klings Einlassungen sogar die weitere posthume Rezeption der österreichischen Dichterin bestimmt. Allerdings konnte Kling auch bissig wie ein Terrier zuschlagen: »So geibelt und miegelt sich das duftige Balladenbuch durch die Charts des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts«, motzt er über eine verschwurbelte Anthologie. Es versteht sich, daß er natürlich zumeist vor allem das Sprachmaterial und dessen Verarbeitung im Blick hat. Und selbstverständlich flackert die eigene poetologische Positionsbestimmung in vielen Texten durch, das »Itinerar« (1997) indessen ist gleich sogar nur darauf ausgelegt. Die verschiedenen Funktionen liegen bei Kling oft nahe beieinander, und der Wortmetz kann auch bei geringeren Anlässen funkensprühend seine Urteile herausbosseln. Das feuilletonistische Tagesgeschäft sollte man also nicht pauschal der Mittelmäßigkeit zeihen!

Mag der Einzelband ein Ausweis von Thomas Klings Bedeutung gewesen sein, so enthüllt erst die summarische Betrachtung die Bandbreite, auf der diese Bedeutung beruht. Die ausgezeichnete Leseausgabe in vier Bänden mit ihren einführenden Nachworten ist für alle Lyrikleser – und auch Lyrikschreiber – tatsächlich ein ›must have‹, selbst für jene, die sonst vor avancierteren Tönen zurückschrecken, denn wie hier Vielfalt, Genauigkeit, Erkundungslust, Wortgetümmel zelebriert werden, ist in jedem Fall lehrreich und anregend. Zum Glück mittlerweile unbelastet von den früheren Richtungsgrabenkämpfen der Dichtung kann man hinter die Performancegrimassen, sprachlichen Ideosynkrasien und den gewiß schwierigen Charakter des Autors schauen und sich dieses ›Wortschatzes‹ erfreuen.

Thomas Kling · Marcel Beyer (Hg.)
Werke in vier Bänden
Mitherausgeber: Gabriele Wix, Peer Trilcke, Frieder von Ammon
Suhrkamp Verlag
2020 · 2692 Seiten · 148,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42955-6

Fixpoetry 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge