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„eine zarte, kluge Überforderung“

Hamburg

Seit einigen Tagen gibt es ein Video von Thorsten Krämer, in dem er in vielen Szenen, oder sollte man sagen Anläufen? einige Verse von „Die Entdeckung des Sonnborner Kreuzes“ des seinen neuesten Gedichtband beschließenden Gedichtes liest. Eigentlich ist dieser Clip bereits eine Besprechung. Denn er ist voller Humor, scheut sich nicht, den Autor und seine Manierismen bloßzustellen, er geht aus immer wieder unterschiedlichen Richtungen an das Phänomen „Lesung“ heran, spielt mit den Herangehensweisen, und macht einfach Spaß.

 

Interventions for Readings from Thorsten Krämer on Vimeo.

 

Krämer, der 2016 im leider mittlerweile Geschichte gewordenen Brueterich Verlag, „Democratic Forrest“ vorlegte, einen Band, in dem er die Fotos William Egglestons zu Orten seiner Gedichte machte, reist auch in den Gedichten, die in seinem neuen, beim Elif Verlag erschienen Band, versammelt sind.

Die Gedichte brechen von Marxloh auf, und bevor schlussendlich das Sonnborner Kreuz entdeckt wird, gibt es Abstecher nach Kanada und in andere Welten.

Einige der Gedichte in diesem immerhin zwei Jahrzehnte umfassenden Band sind Widmungsgedichte. Dabei eignet sich Thorsten Krämer die Form des jeweiligen Dichters an, um daraus wiederum etwas ganz Eigenes zu machen.

In einem aberwitzigen Zyklus erweist Krämer Nicolas Born seine Referenz. Sieben surreal erzählende Gedichte, die in einen Dialog mit dem Dichter treten und schließlich mit einem Brief an Nicolas Born enden. Bestechend wie das Spielerische dem Ernst, den es nie wirklich verlässt, eine herrliche Leichtigkeit verleiht.

Mit beharrlichem Humor, rückt Krämer immer wieder die Verhältnisse zurecht.

         Das Lyrikkommando

         Souverän passierten wir
         die dicksten Pizzen der Stadt, ließen
         auch den Main links liegen und zogen
         weiter zum Denkmal des unbekannten Dichters.

         Plötzlich waren wir zu acht, das hieß
         Spielraum in der Mitte, den erklärten wir
         zum Frankfurter Leerstuhl für Poetik. Einer
         hatte für Goethe sogar Miami verlassen.

         Alles ist ungerecht,
         wenn wir nur daran glauben.

„Great Canadian Power Failure“ entführt die Leser in Form eines tagebuchartigen Briefes nach Spryfield Halifax.

Schnitte und Szenenwechsel, aber auch der Stil, der Ton dieses langen schönen Gedichts, verwandeln die Worte in einen Film, in dem die Bilder in ruhiger Gelassenheit dahinfließen, ohne dass man hinterher sagen könnte, was einen eigentlich so gefesselt hat, noch warum man jetzt ein kleines bisschen trauriger ist als vorher und trotzdem den Film immer wieder sehen möchte.

Vertraut werden mit einem fremden Land (in dem man sich an „der dritten Kirche von links“ orientiert) und Vergessen (der einst geliebten Person), gehen Hand in Hand. Aber vielleicht ist das auch nur eine Behauptung. Etwas, das so sein sollte? Etwas, woran man nur fest genug glauben muss.

Und auch, dass etwas sinnvoll nur mit einem Fehlen, einem „Ausfall“ beginnen kann, ist ein, nicht nur für diesen Zyklus zentraler, sondern weit darüber hinaus tragender Gedanke.

An dieses „monumentale“, Kontinente und große Themen umfassende, Filmgedicht schließen sich Krämers „Nude Selfies“ an. Zwei bis vier Zeilen lange Schnappschüsse als  sarkastisch humorvolle Diagnose eines Zeitgeistphänomens.

         Das sind so Existenzmomente, im selben
         Format wie gerade noch das Mittagessen.

Das „Code connu“ übertitelte Kapitel spricht auf bezaubernde, weil ganz und gar eigenartige Weise, von verborgenen Hinweisen, Signalen, von einer Art Geheimsprache des Körpers und der Gesten. Das klingt dann so:

         „[…] abends auf der karierten Prärie
         ein Anflug von Mutantengefasel
         als wäre kein einziger Vorwurf wahr
         deine spieltheoretische Zunge
         in der Klammer ein Fußbad für alle
         dein nach Norden geöffnetes Ohr
         als sei diese Luft nicht mehr tragbar[…]

oder:

         „die hingebungsvolle Klarheit der Luft […]
         deine stets aufrechte Ahnung […]“

Und wer wissen will, wie diese bemerkenswerten, schönen kleinen Splitter sich zusammenfügen, der sollte sich das Vergnügen gönnen, diesen Band zu lesen.

Denn vielleicht ist es lediglich eine Aufzählung von Gesten und Codes, die eine Möglichkeit bieten, ein Gefühl zu entziffern.  Vielleicht ist die den „Schwankungen der Füllhöhe“ ausgesetzte Sammlung von Gedichten aus den Jahren 1995 bis 2018 genau das:

         „eine zarte, kluge Überforderung“

Mit Sicherheit jedoch ist dieses Buch ein großes Lesevergnügen.

 

 

 

Thorsten Krämer
Schwankungen der Füllhöhe
Elif Verlag
2020 · 108 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-946989-25-7

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