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Kritik

Vergangen, aber nicht vorbei

Eric Kandel für alle: In "Der Abfall der Herzen" rekonstruiert Thorsten Nagelschmidt seine Vergangenheit – der Coming of Age-Trip wird zu einem lesenswerten: Denn er will nichts weniger, als uns Leser zum Erinnern animieren.
Hamburg

Am Anfang steht das Ende und am Ende steht ein Brief. „Wann hast du eigentlich aufgehört mich zu hassen?“, will Nagel wissen. „Als du mir den Brief geschrieben hast“, zögert sein Gegenüber keine Sekunde. „Welchen Brief?“ Zwei, Anfang Vierzigjährige Männer, sitzen in einer Bar am Berliner Kotti, wieder vereint durch eben jenen Brief, beobachtet von uns. Wir schreiben das Jahr 2015.

Ein Einstieg, eine Tür, ein Portal für Nagel, den hier Fragenden, Suchenden und natürlich Autor von Brief und Buch. Doch vor allem: Den hier die eigene Erinnerung Jagenden. Denn darum geht es letztendlich: Das Kompensieren der nie gelernten Fähigkeit des sich Erinnerns durch Rekonstruktion der Vergangenheit mit Hilfe der in der Gegenwart greifbaren Möglichkeiten. Der Brief stellt für den Autoren lediglich dar, was sein Werk für uns Leser sein soll: Den Auslöser sich zu erinnern, im besten Fall: Gar nichts mehr zu Vergessen.

Wie der von ihm selbst herangezogene Hirnforscher Eric Kandel in Auf der Suche nach dem Gedächtnis, begibt sich Nagel also daran die eigene Erinnerung zu finden. „Es ist gespenstisch. Und faszinierend. Es ist, als läse ich den fragmentarischen, aus Hunderten von hypernervösen Versatzstücken bestehenden Coming-of-Age-Roman eines Fremden. Eines Fremden, der mir sehr ähnlich und doch ein absolutes Rätsel ist“, stellt er beim Durchblättern seiner Tagebücher fest, einem ebenso antiquierten wie das gleichsam greifbarste Mittel das dem heute Anfang Vierzigjährigen zur Verfügung steht.    

Will der Autor seine Persönlichkeit durch die Reise in die Vergangenheit also besser verstehen, das gegenwärtige Sein gar therapieren in dem er sich seinen Anfang-Zwanzigern stellt? Blickt er im Groll zurück oder verklärt er das Vergangene durch die Nostalgie-Brille? Weder noch, denn Thorsten Nagelschmidt zeigt sich vielmehr als vom Erinnern Besessener. Wo die Tagebücher nicht mehr ausreichen, zieht er unzählige Interviews heran die er mit Ex-Freundinnen, Mitbewohnern, Bekannten und sonstigen Weggefährten über Monate nur zu dem Zweck führt, die Lücken im Gedächtnis zu schließen. So ist es obsolet zu erwähnen, dass ihn nur der fremde Beitrag zur eigenen Vergangenheit interessiert, denn mehr eint die Protagonisten fast zwanzig Jahre später nicht mehr. Die damaligen Weggefährten werden zu Zulieferern degradiert. Ja, Nagelschmidt ist eitler Chronist wie Egoist gleichermaßen, ein Arschloch jedoch keineswegs.   

Die Geschichte, an die sich erinnert werden soll, ist der symptomatische Alltag einer Kleinstad-Clique im westfälischen „Schweinekaff“ Rheine des Sommers 1999. Der „Normalität genannte[n] Dämmerzustand, diese gepolsterte Welt aus Reihenhäusern, Schützenfesten und Verkehrsberuhigung“, wo sich jeder Tag anfühlt wie „ein einziger fauler Kompromiss.“ Man hängt rum, verdingt sich in Nebenjobs, trinkt viel, verkloppt Nazis, fährt zum Schwimmen raus an den See und jeder macht mit jedem rum. Nagelschmidt geht es nur bedingt darum von einer Zeit zu erzählen, in der  Handys „nur Angeber“ besaßen, man Diedrich Diederichsen las,  Uniseminare schwänzte und nächtliche Fressorgien abhielt, zu denen man sich zur rituellen Zubereitung von Mahlzeiten um den Sandwichtoaster scharrte, wie um ein Lagerfeuer auf Jugendfahrt – er fliegt über diese Passagen hinweg, denn sie fungieren nur als persönliche, das große Ganze illustrierende Beispiele. Vielmehr geht es um das Irren, das Hadern mit sich, der klaustrophobischen Enge der Provinz, dem gegenwärtigen Leben und dem, was noch kommen mag. Und für diese Phase so typische Umbrüche. So ist das Jahr 1999 nicht nur das, in dem die Beziehung und WG zerbrach, sondern eben auch der Vorbote des neuen Jahrtausends. Das alles ist weder neu, noch ortsgebunden. Die Geschichte hätte überall in der deutschen Provinz spielen können und sie tut es noch heute. Doch Nagelschmidt macht sie nicht nur groß in dem er das Kleine in den Vordergrund holt, was seinen Roman grundsätzlich von ähnlichen unterscheidet, ist, dass sich der Autor weder im Diss des ländlichen Raums ergeht, noch verächtlich von oben herab auf seine Figuren blickt   – auch nicht in den Momenten, in denen er auf die durch ihre Verweigerung gebeutelten Existenzen trifft oder auf solche, die in den Augen eines ehemaligen Punkmusikers ebenfalls als gescheitert gelten müssten: Die mittlerweile Angepassten.      

Natürlich ist auch der Autor nicht frei von Zweifeln, ganz im Gegenteil. So dämmert es ihm „dass ich über all das schon mal geschrieben habe, über Jugend, Musik und Kleinstadt, über Freundschaft, Gewalt und enttäuschte Liebe. Wollte ich nicht mal etwas ganz anderes machen?“ Doch die eigene Geschichte lässt ihn nicht los, Aufgeben erlaubt er sich selbst nicht. „Ich muss noch mehr Leute treffen, noch mehr Orte aufsuchen, noch mehr sammeln“, befindet er, denn „Meine Vergangenheit, sie soll niemals aufhören.“

Nagelschmidt, in einem vorherigen Leben Sänger und Texter der Punkband Muff Potter, hat für seine Reise zur Erinnerung zuerst einmal seinen Spitznamen Nagel abgelegt, unter dem er bereits drei Bücher veröffentlicht hat; unter dem ihn jeder kannte, der ihn kennt. Zu dem in Der Abfall der Herzen Erzähltem passt dieses Vorgehen noch ein bisschen besser, als zu jemandem in seinem Alter eh schon – denn stellt die Entledigung eines alten Spitznamen auch nichts weiter als einen Umbruch dar. Hat der Autor das Ende noch an den Anfang gestellt, wechselt er alsbald geschickt zwischen gelesenem Erlebtem und der gegenwärtigen Suche nach Erinnerungen. Dabei ist zumindest Ersteres zwar deutlich, doch nie aufdringlich als solches deklariert – einfachen Layoutlösungen, statt holprigen Überleitungen sei Dank. Tagebücher als Portal für eine Zeitreise zu benutzen mag ein ganz und gar billiger Kniff sein, doch klug ist es allemal: Denn wofür führen wir sie, wenn nicht um die Erinnerung zu konservieren? Nagelschmidt strebt genau das an und will uns animieren es ihm gleich zu tun. Denn die löchrige Geschichte tragen wir alle mit uns herum, die Möglichkeit sie zu schließen ebenso.

Thorsten Nagelschmidt
Der Abfall der Herzen
S. Fischer
2018 · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-10-397347-1

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