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Kritik

Städte, die zu nah an die Sonne fliegen.

Hamburg

Tobias Roth widmet sich in Grotesken von Sabbioneta einem Stadtkuriosum – einer Stadtutopie, die mitten im Nirgendwo nahe Mantuas anstelle eines Dorfes, das den Namen Kopf des Fuchses trug, in der Renaissance errichtet wurde. Der abgeschiedenen Lage verdanken wir es, dass die Renaissancestadt im originalen sternförmigen Grundriss bis heute erhalten geblieben ist. Denn wegen der geringen Einwohnerzahl kam es zu keinerlei Stadterweiterung.

Um welche Zeit aber handelt es sich hier?
Zuvor wird Sand in einen Sumpf geschüttet,
Bis er eine Stadt trägt, eine wie eine
Zeichnung von einer anderen Stadt, die wächst.
Zuvor wird dem Virtuosen klar, daß die
Stadt, nach der er seine Stadt zeichnet, niemals
Seine werden wird als Erbe, und also
Fast ohne Zuvor und fast ohne Boden
Baut er eine neue. Sabbioneta.

Der Text setzt an beim Bau von Sabbioneta, „über gefegtem Grund“, aus dem Nichts heraus, mitten im Nirgendwo. Er nimmt mit dem häufig wiederkehrenden Schlüsselzitat zu den Ruinen Roms zugleich aber auch ihren baldigen Verfall, bzw. völligen Stillstand nach Fertigstellung vorweg.

Überall in der Stadt steht es geschrieben:
Quantum Roma fuit ipsa ruina docet.
Wieviel Rom war, das lehrt selbst ihre Ruine.

Im Saal der Übermütigen das Fresko
Eines brennenden Tempels, über dem steht:
Fama est. Das ist Ruhm.

Der Titel Grotesken von Sabbioneta bezieht sich auf die gemalten Grotesken von Fornaretto Mantovano in Sabbioneta, welche Tobias Roth ganz besonders faszinieren. Es mag auf die entlegene Lage der Stadt zurück zu führen sein, dass die Fresken in Sabbioneta wilder und unbändiger sind, als vergleichbare Renaissancefresken. Vieles, was anderswo nicht möglich schien, war es in Sabbioneta, wie beispielsweise Windhunde und Drachen mit Schmetterlingsflügeln. Der Überfülle in den Fresken setzt Tobias Roth eine überbordende Sprache entgegen, die unheimlich vieles an Informationen und Eindrücken aufnimmt, verarbeitet und übereinander schichtet.

Zahlreiche Farbholzschnitte von Caroline Saltzwedel bereichern und ergänzen den Text von Tobias Roth. Beide, sowohl Autor als auch Künstlerin, reisten dafür eigens nach Sabbioneta um sich direkt dort für ihre Arbeit inspirieren zu lassen. Auf die Farbholzschnitte von Caroline Saltzwedel und den intensiven Dialog zwischen Bild und Text komme ich später noch ausführlicher zu sprechen, zunächst bleibe ich aber erst noch beim Text an sich.

Tobias Roth bezieht sich in seinem Text auch auf historische Fakten und Überlieferungen rund um Sabbioneta und den Stadtgründer, Vespasiano Gonzaga Colonna. Und so erfahren wir beispielsweise ganz nebenbei, wie der Name seines Hundes lautete und was dem Papst an seiner Tante verdächtig erschien. Hinzu kommen dann auch noch eigene Eindrücke und Wahrnehmungen aus Sabbioneta und Motive und Zitate aus den Fresken. Beispiele für Motive aus den Fresken wären der Sturz des Phaeton, der den Sonnenwagen seines Vaters lenken wollte, und der Flug des Ikarus, beide aus der griechischen Mythologie entlehnt. Tobias Roth zitiert auch direkt aus den Fresken, und zwar aus den dort zu findenden zahlreichen Spruchbändern. Diese Zitate werden von Tobias Roth sowohl in Latein als auch in deutscher Übersetzung aufgegriffen und auch immer wieder wiederholt. Denn das Prinzip der Wiederholung ist sehr zentral für den Text.

Vespasiano Gonzaga Colonna
Und sein Epigraphiker wissen nicht, wo
In Rom unter Ruinen das Forum liegt.
Daß es unter den Kuhweiden des Campo
Vaccino liegt, scheint noch niemand zu ahnen.
Wieviel Rom war, das lehrt selbst ihre Ruine.
Quantum Roma fuit ipsa ruina docet.

Um welche Zeit aber handelt es sich hier?

Bislang sprach ich immer vom „Text“, auch in Abgrenzung zur Bildebene des Buches. „Text“ ist wohl in diesem Fall nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig, weil einen die Bezeichnung eher an Prosa denken lässt. Aber je länger und öfter man die Grotesken von Sabbioneta liest, desto deutlicher treten die geschichteten Verflechtungen und die große Musikalität der Sprache, die gerade durch die Wiederholungen und feinen Motivvariationen entstehen, hervor. Und irgendwann wird dann etwas offensichtlich, was es einem schwer macht, in diesem Fall noch vom „Text“ zu sprechen: Die Grotesken von Sabbioneta sind selbstverständlich ein Gedicht, genauer gesagt ein

Langgedicht. Es gäbe darüber noch vieles zu sagen, aber ich möchte nun weitergehen zu den Holzschnitten und der Buchgestaltung an sich, denn auch diese ist sehr bemerkenswert und besonders.

Die Farbholzschnitte stammen von Caroline Saltzwedel. Sie ist nicht nur Künstlerin und Verlegerin der Hirundo Press, sondern auch Übersetzerin von Gedichten. Das ist wichtig zu wissen um zu verstehen, wie genau und auf welch vielschichtige Art und Weise sie sich in ihren Farbholzschnitten auf den Text von Tobias Roth bezieht. Denn ihre Drucke sind keine schlichten Buchillustrationen, sondern eine richtiggehende Übersetzung des Textes in das Medium des Bildes. Zum einen greift sie inhaltliche Motive aus dem Text in ihren Bildern auf, zum anderen aber auch formale Vorgehensweisen des Textes. Die inhaltliche Übernahme von Motiven ist leicht aufzuzeigen. Der erste Holzschnitt im Buch ist beispielsweise eine Silberdistel vor dem grauen Umriss der Stadt:

Bei Tobias Roth findet man eine hierzu korrespondierende Stelle, die da lautet: „Sabbioneta schräge Silberdistel.“ Denn der zackige Grundriss der Stadt erinnert an eine Silberdistel.

Noch spannender als die Übernahme inhaltlicher Motive ist die von formalen Vorgehensweisen. Tobias Roth arbeitet, wie bereits erwähnt, stark mit Motivwiederholungen und Wiederholungen einzelner Zitate. Einige Schlüsselsätze tauchen darin wieder und wieder auf und werden dabei auch leicht variiert. Motivwiederholungen lassen sich auch in den Holzschnitten von Caroline Saltzwedel beobachten.  Ihr Schlüsselmotiv ist sicherlich der sternförmige Grundriss der Stadt, der immer wieder im Ganzen auftaucht oder auch nur als kleiner Ausschnitt zitiert wird.

Caroline Saltzwedel arbeitet bei ihren Motivwiederholungen auch häufig mit Wechsel von Umriss zu Fläche. Das klingt komplizierter, als es ist, ich bringe gleich ein Beispiel hierfür. Die beiden Holzschnitte beziehen sich auf diese Stelle bei Tobias Roth:

Die Nymphen tanzen mit Faunen, das ist kein
Als ob, das ist Hoffnung, die ihren Grund hat.

Die beiden Holzschnitte hierzu befinden sich jeweils auf einer aufzuklappenden Seite (dazu auch gleich mehr). Aufgeklappt haben wir den Druck daher auf einer Doppelseite vor uns und bei der ersten Fassung sehen wir rechts die Umrisse der Köpfe einer Nymphe und eines Fauns:

Es gibt noch eine zweite Stelle, an der sich die Seiten aufklappen lassen und auch hier findet sich das Motiv von Nymphe und Faun, diesmal aber arbeitet Caroline Saltzwedel mit Fläche statt mit Umriss. Wir erkennen die Wiederholung und doch ist die Wirkung sofort eine ganz andere:

Ich habe bereits erwähnt, dass man das Buch an diesen zwei Stellen aufklappen kann. Das ist kein Zufall und keine Spielerei, sondern eine Übertragung der formalen Vorgehensweise des Textes in die Buchgestaltung. Denn an zwei Stellen bricht der Text auf, löst sich aus der geschlossenen Form in scheinbar völlig losgelöste Aufzählungen, die über die Seiten wandern, sich aber dann doch wieder durch große geschwungene Klammern in den Sinnzusammenhang des Textes fügen. Und an genau diesen beiden Stellen bricht auch das Buch auf, da sich die Seiten hier nach außen klappen lassen. Der aufbrechende Text verbirgt sich dann erst im Inneren der aufzuklappenden Seiten. Damit beziehen sich nicht nur die Holzschnitte, sondern die gesamte Buchgestaltung bis ins Detail ungemein genau und liebevoll auf den Text.

An der Stelle, an der man die Seiten aufklappen kann, ist noch eine Besonderheit zu erwähnen: Die Innenränder der aufzuklappenden Seiten sind Büttenränder, also leicht ausfransend. Die Grotesken von Sabbioneta führen unsdamit sehr eindrücklich vor, dass sich Buchkunst eben nicht nur mit den Augen, sondern auch mit viel Fingerspitzengefühl lesen, genießen und bewundern lässt.

Der letzte Holzschnitt von Caroline Saltzwedel zeigt das Wappen von Sabbioneta auf einem Stein vor dem eine abgebrochene steinerne Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger am Boden liegt. Die Hand zeigt zurück, ins Innere des Buches. Das Wappen hingegen verweist zunächst einmal zurück an den Anfang, da das Wappen gleich ganz zu Beginn des Textes steht:

Vespasiano Gonzaga Colonna
Gewährt von seinen grotesken Zimmern aus
Freiheit als Wappen für sein Dorf, den Stadtstaat,

Aber diese drei Zeilen stehen nicht allein am Anfang des Textes, sondern gehören zu jenen oft wiederholten Schlüsselsätzen, welche die Fugen des Textes sind und ihn zusammen halten. Diese Stelle findet sich auch bei beiden Malen, wenn man das Buch aufklappen kann, also auch wirklich ganz im Inneren des Buches verborgen.

Während Caroline Saltzwedel also mit ihrem letzten Holzschnitt nochmals auf das gesamte Buch zurück weist und es gewissermaßen in einem Bild verdichtet, weist Tobias Roth mit seinem letzten Satz nicht zurück ins Buch, sondern quasi in die entgegen gesetzte Richtung, also hinaus aus dem Buch. Sein letzter Satz lässt sich auch als Handlungsanweisung verstehen, er lautet:

Lege deinen Grabungsplan
Neben Grotesken von Sabbioneta.

Dieser Satz lässt sich nun auf viele Weisen auslegen und deuten, darunter auch eine sehr konkrete, denn Grabungsplan lautet der Titel eines weiteren Gedichtbandes von Tobias Roth, der beinahe zeitgleich mit den Grotesken von Sabbioneta im Verlagshaus Berlin erschienen ist. Ich selbst reiste noch ohne Grabungsplan durch die Grotesken von Sabbioneta, bestaunte die Fresken an den Wänden und verlief mich dabei im „Labyrinth im Stern“. Sehr begeistert möchte ich daher allen Tobias Roth Fans und auch solchen, die es noch werden wollen, ebenso wie allen Liebhabern richtig schöner Bücher die Grotesken von Sabbioneta wärmstens empfehlen.

Tobias Roth
Grotesken von Sabbioneta. Holzschnitte von Caroline Saltzwedel.
Druck Nr. 3 der Kleinen Reihe
Holzschnitte von Caroline Saltzwedel.
Hirundo Press
2018 · 60,00 Euro
ISBN:
978-3-9807172-7-4

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