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Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
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Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
Kritik

Im Eck

Hamburg

„Hi.“
„Hi.“
„Hi.“
Stille.

So geht ein Dialog in Inneres Lind. Der neue Roman des Winterthurer Musikers Tom Combo ist ein um Griffigkeit bemühtes, anschauliches Stück Ensemblespiel. Dabei dauert es eine Weile, fast etwas zu lange, bis man den Spielfluss verstanden hat, die Verwebungen von Gerda, Patrick, Bruno, Miriam & Co; dann aber entwickelt das Werk einen erstaunlichen, vitalen Sog und, obwohl die vielen ProtagonistInnen nie bildhaft eingeführt werden, entsteht empathische Lese-Bindung durch die realistischen, komischen Dialoge, die Combo gut beherrscht.

Zudem sorgt eine ausgereifte Schnitttechnik, mit erst zuletzt aufgelösten ___STEADY_PAYWALL___Einschübseln aus „polyrhythmischen Baumklängen, Gedankenbirken, Trockenholzgeraspel“, für tempoverschiedene Abwechslung. Die Geschichte der ehemaligen Radfahrerclique, in die Jahre gekommen, in ein seltsames Nachleben zu Lebzeiten geschossen, ist eine Art Coming-of-later-Age-Sache. Mal „subkultur“ gewesen, als „illegale Biker-Nature-Party-Veranstalter“ etc., jetzt irgendwo drin, im „Inneren Lind“, dem Atelierhaus zwischen Bahngleisen, beschäftigt mit allen möglichen kommerziellen Unterwerfungen, von Architektur bis Videoproduktion, Sounds oder Konzertveranstaltungen. Ihnen gemein ist die Vergangenheit, aus der sie durch einen Action-Todesfall gerissen worden sind, die Substanzenliebe und der Hang zur totalen blinden Verzettelung in jenem „neuen echten Leben“.

Immer wieder kommen sie auf zufällige Weise zusammen im Eck, ihrer Clubkneipe, in Wohnungen, der Landschaft oder in rasenden Autos, in den sie auf typisch Schweizer Weise mal eben schnell von Zürich ins Dorf brettern innert einer Jointlänge.

„Geiles Gefühl!“ rief Severin durch den Lärm und Gerda rief: „Yeeeh!“

Obwohl Combo vernarrt in Realitäten scheint, auf diese Weise sich eigentlich eine Klischeeparade sondergleichen einfängt (“Testosteron & Scheißtattoos“), ohne an eigener Sprachverkauung zu arbeiten, i.e. eine Autorschaftswelt aufzubauen, gelingt es ihm, wie bei einer gut ausgewalzten TV-Serie die Abhängigkeiten der erzählten Personen (mit den nichtssagenden Namen) auf ihre Veränderungen hin abzuklopfen und rasch jene „Charaktere mit für alle Zuseher nachvollzogener, weil dabeigewesener Vergangenheit“ zu entwickeln, deren weiteren Schicksalen man entgegenfiebert.

Im Anschluss beginnt das eigentliche Spiel Combos, dass nämlich kein einziger von ihnen „irgendetwas dauerhaft auf die Reihe bekommt“. Im Gegenteil, die Geschichte ist nicht halb so komisch wie ihre Dialoge, sie geht stetig und für alle bergab. Es handelt sich in Wirklichkeit um klaren Verfall, die Serie ums „Eck“ über die vermeintlichen Craft Life Durstigen ist ein genaues Zeitbild über korrumpierte Kultur.

Beruf und politische Gesinnung war bei diesen Typen austauschbar.

Ausweglos, und für keinen im Ensemble scheinbar absehbar. „Inneres Lind“ ist eine bittere Chronik, wenn auch im Aaldesign. Bis in die Nebenfiguren, z.B. Silbe, die „feste“ Tresenkraft im Eck, gut besetzt.

Tom Combo
Inneres Lind
Verbrecher Verlag
2019 · 248 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
9783957324092

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