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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Von Amputationen und Plagiaten

Tom McCarthys lesenswerte Lektüren
Hamburg

Alle Jahre wieder werden deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller angehalten, in proppenvollen Hörsälen ihre Poetik darzulegen. Die berühmteste findet in Frankfurt am Main statt, aber auch kleinere Städte wie Tübingen oder Saarbrücken haben eine zu bieten. In aller Regel legen die Laureatinnen und Laureaten ihre wichtigsten Einflüsse offen, geben etwas Biographisches preis und formulieren ansatzweise so etwas wie eine eigene Poetik, die dann allzu oft als Schlüssel zum Werk missverstanden wird.

Wer sich Tom McCarthys Essay-Band „Schreibmaschinen, Bomben, Quallen“ zulegt, darf hingegen wenig Interpretationshilfe für die Romane des Briten erwarten. In den insgesamt 15 Texten geht es zwar (vor allem) um Weltliteratur, die McCarthy sicher auch zum Schreiben gebracht hat. Und man erfährt sogar einige Fakten über seine Wohnverhältnisse in London, liest den stellenweise obsessiv vorgetragenen Wunsch, mit der berühmten gekidnappten Milliardärstochter und Teilzeit-Terroristin Patti Hearst zu schlafen. Doch was McCarthys Essays, die zwischen 2003 und 2017 als Vorträge, Sammelbandbeiträge oder Radio-Features entstanden und hier zum allergrößten Teil erstmals auf Deutsch vorliegen, besonders lesenswert macht, ist ihre Hingabe an den jeweiligen Gegenstand. Kafka, Joyce, Sterne oder Kathy Acker werden mit großer Zuneigung, aber auch Genauigkeit gelesen. Gerhard Richters Malerei und David Lynchs Filmkunst sind McCarthy wichtig, aber seine Texte erschöpfen sich nicht darin, zum tausendsten Mal deren Größe zu belegen. Die initiative Faszination muss sich zu einem Erkenntnisinteresse entwickeln, die Emphase muss einen Gedanken befeuern, soll am Ende ein Text entstehen, der mehr ist als private Selbstverständigung oder Fanboy-Geplapper.  

 „Schreibmaschinen, Bomben, Quallen“ erscheint im diaphanes-Verlag in der Reihe transpositionen. Dort sollte sich McCarthy gut aufgehoben fühlen, denn er steht damit in einer Reihe mit vielen seiner philosophischen Gewährsmänner. Es lässt sich nämlich nicht verleugnen: McCarthy, der als Barkeeper und Akt-Modell jobbte, bevor sein erster Roman nach unzähligen Absagen erscheinen konnte, ist den in seinem Sprachbereich French Theory genannten Denkern sehr zugetan. Er weiß, wie Deleuze und Guattari das Werk Kafkas deuteten, mit welchen Begriffen Georges Bataille hantierte, was der Ex-Jesuit und Urbanistik-Vorreiter Michel de Certeau über den Alltag zu sagen hatte.

McCarthys gelehrige Assoziationen verkommen aber zu keinem drögen Name-Dropping und Begriffs-Dumping, denn im Gegensatz zu kreuzbraven akademischen Texten, sucht McCarthy in seinem Material, das ihm lieb und teuer ist, nach ungeahnten aber plausiblen Zusammenhängen. In seiner Joyce-Lektüre, die damit einsetzt, dass dessen Roman „Ulysses“ für die Literatur „eine Zäsur darstellt, die zu gleichen Teilen ekstatisch und katastrophisch“ ist, vertritt McCarthy die These, dass bei Joyce das Geld selbst zur Literatur wird. Koprophilie, Kannibalismus, Kapitalismus: alles hängt zusammen! Die altbekannten Wege und Weisen des Schreibens sind im frühen 20. Jahrhundert dahin. Und so wird das Schreiben eine „zerquetschende, zersplitternde, zerdrückende Sache“. Stephen Dedalus, die Hauptfigur des Ulysses, deutet McCarthy als eine Art Hacker, der Beziehungen zwischen Dingen herzustellen weiß, wo keine vermutet werden sollen. In Kafka wiederum erkennt er einen Kybernetiker der Revolte, der „vermasselnde Rückkopplungsschleifen“ im „Brief an den Vater“ einrichtete und damit den ursprünglichen Zielen der Kybernetik einen Strich durch die Rechnung macht. Um vom Adressaten, dem übermächtigen Kaufmannsvater, nicht vollends verzehrt zu werden, macht sich Kafka zum „schändlichen und beschämenden Objekt“ und geht so im System der Schuld, in das er verstrickt wird, nicht auf. Eine prothetische (nicht prophetische!) Imagination spricht McCarthy David Lynch zu, die er in Analysen von „Eraserhead“ bis „Inland Empire“ expliziert. Im vielleicht abstraktesten, aber auch gewagtesten Essay des Bandes, „Auf den Boden der Tatsachen kommen“, nimmt sich McCarthy vor, ausgehend von der Behauptung des Science-Fiction-Autors J. G. Ballard, die Aufgabe des Schriftstellers bestehe darin, in einer Welt von Fiktionen die Realität zu erfinden, die Begriffe Realität, Realismus, Reales auseinanderzunehmen. Dadurch landet er, nach Stationen bei Flaubert, Ford Maddox Ford und vielen anderen, bei Sigmund Freuds „Notiz über den Wunderblock“, einem wiederverwendbaren Schreibblock, wo er Parallelen zwischen der Funktionsweise des Bewusstseins und der Bewegungsweise von Quallen entdeckt. Der letzte Aufsatz ist Kathy Acker gewidmet, ihrer „Identifikation mit der „Nicht-Identität“, Plagiatspoetik — und ihren Tatoos.

Einen Grundkurs in moderner Literatur und ihrer Theorie, eine kleine Schule der rasanten Interpretation bilden McCarthys Essays und demonstrieren eindrücklich, wie aus dem Lesen ein Schreiben wird.

Tom McCarthy
Schreibmaschinen, Bomben, Quallen
Übersetzt von Uwe Hebekus
diaphanes
2019 · 288 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3035801804

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