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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
Kritik

Dichte Beschreibung

Zu Tom Schulz’ „Reisewarnung für Länder Meere Eisberge“
Hamburg

Um es gleich vorweg zu sagen: Es geht hier nicht ums Reisen. „Die Maschinen sind volljährig, wenn sie mit dem Träumen / aufgehört haben“, beginnt eines der vielen weitausholenden Gedichte im Kapitel „Schwarze Ampeln“. „Die Maschinen sind pensionspflichtige Serienmodelle“, sie „bewegen sich in einem Leben zwischen Kontostand / Kredit und Tilgungsrate“ oder „sie stehen längs geparkt auf dem Mittelstreifen“.

Es sind Tatsachenbehauptungen aus einer großen Rhapsodie aufs Zeitalter jener Maschinen, zu denen im neuzeitlichen Verständnis auch die Menschen gehören. „Tom, bitte empören sie sich mit uns“, empfiehlt der Messengerdienst. „Ich empöre mich, der Himmel ist blau, nicht schwarz.“

Je mehr man von Tom Schulz’ bizarren und allzu treffenden Paraphrasen auf die Jetztzeit liest, desto mehr stellt sich ein Gefühl ein, der Wahrheit auf der Spur zu sein, und im Gegenlicht, sozusagen als Sekundärprodukt, so etwas wie Poesie. „Reisewarnung für Länder Meere Eisberge“ heißt sein 2019 erschienener Band. Es ist selten, dass ein Gedichtband schon im Titel eine Warnung enthält, zumal Eisberge nur als Vorstellung auftauchen. Aber man weiß ja spätestens seit der Titanic, dass der größte Teil von ihnen nicht zu sehen ist. Stattdessen Quallen: „Das ist jetzt nicht wahr“, stammelt das lyrische Wir in Badelatschen „aus echtem Kunststoff, Made in China“. „Eine Invasion ohne Luftbrücke, 150 Millionen / gegen uns.“ „Das Auge der Feuerqualle“ gehört zu den strenger komponierten Zyklen des Buches, wie auch das Langgedicht über Syrakus, „Ein Tag im Leben“ eines scheinbar erfolgreichen Schriftstellers, der die Gegensätze im schmunzelnd-lapidaren Tonfall etwa wie folgt zusammenfasst: „Ich stehe in der Hundescheiße von Sizilien. / Ich weiß, dass Artemis die Quelle hierher brachte.“

Orte am Meer bevölkern fast das ganze Buch. Es sind Sehnsuchtsorte wie die „Beinhäuser von São João“ in Porto: „Ich liebe die Stadt am Fluss, die Stadt am Meer“ – fast scheint es, als wolle die Stimme, die da spricht, Beklommenheit vertreiben. „Es gibt Tote, die ganz und gar unsichtbar erscheinen.“ Das gilt auch für die beiden Venedig-Kapitel, denen man ein wenig den freien Autor in einer seiner Residenzen anmerkt, wo „Adriatisches Licht“ oder der Konjunktiv den schwankenden Untergrund befestigen sollen: „Wäre ich Lord Byron, würde ich vom Anblick der Blumen leben können“. Auf der griechischen Insel Leros gibt es nicht nur eine Begegnung mit Ahmed aus dem „Asylbewerberheim“, sondern auch mit Jannis Ritsos, der dort viele Jahre seiner Gefangenschaft absaß. „Wir laufen durch die Morgensonne. Wir hören das Gedicht.“ Das Parlando der Texte bekommt hier plötzlich eine gewisse Eindringlichkeit: „Das Gedicht sagt, es glaube an Liebe und Tod.“

Es ist ganz offensichtlich, dass Tom Schulz nicht um des Reisens Willen den Mittelmeerraum, die Kanarischen Inseln und Lateinamerika bereist. Er folgt Spuren, liebt in Buenos Aires oder erkennt in einem Hotelpagen den nicaraguanischen Schriftsteller Rubén Darío. Die „Reisewarnung“ ist eine Art von dichter Beschreibung, die den Dichter-Ethnologen zu sich selbst führt: „Ich bin ein Passagier / ich reise kreuz und quer.“ Das wird vielleicht am eindrücklichsten an den Orten, die der eigenen oberlausitzischen Herkunft am nächsten liegen. „Alles ist schiefgegangen“, beginnt der „Ausflug ins Elbsandsteingebirge“, das kann auch am Schluss kein „Unsere Heimat“-Pastiche wieder geradesingen: „Ende, Lied aus.“

Schulz ist Jahrgang 1970 und hat soviel vom vergangenen sozialistischen Staat und der darauffolgenden Zeit erlebt, um mit Hilbigscher Überzeugung sagen zu können: „Ich habe Menschen gekannt, sie waren Wüstungen.“ Risse in einer Biographie sind die vielleicht naheliegendste Ausformung einer von Maschinenlogik zerfressenen Welt. Der Fokus kann dabei allerdings, das macht die „Reisewarnung“ an fast jeder Stelle sichtbar, kaum weit genug eingestellt werden: „Wenn alles auseinander driftet, kann dann alles mit wenigen Stichen genäht werden?“

 

***
Anmerkung der Redaktion:  Buchvorstellung 13.2.2020 19 Uhr / Schöne Sachen im Bureau / Berlin / Grundwaldstr.5

Tom Schulz
Reisewarnung für Länder Meere Eisberge
Hanser Berlin
2019 · 128 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-446-26201-0

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