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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

„Mein letztes Liebesverhältnis: Zigaretten“

Tomas Espedal über die Einsamkeit des fünfzigjährigen Mannes
Hamburg

You can take the boy from the village, but you cannot take the village out of the boy. Dieses Klischee, in dem wie in den meisten Klischees ein Funke Wahrheit steckt, lässt sich auf Tomas Espedals neues Buch mit dem bezeichnenden Titel „Bergeners“ übertragen. Denn nicht alle der kurzen Erzählungen, Anekdoten und Beobachtungen, manche nur wenige Zeilen lang, sind in Bergen angesiedelt oder handeln davon; und dennoch ist der Bezug zur norwegischen Geburtsstadt des Autors allgegenwärtig. Als Espedal sein erstes Buch veröffentlichte, riet ihm sein Osloer Verleger, dringend aus Bergen wegzuziehen. „Sonst wirst du ein Bergener.“ Espedal vermochte er damit jedoch nicht zu überzeugen. Sein Kommentar: „ich konnte nicht anders als zu denken, dass es ihm nichts geholfen hat, umzuziehen und mehr als sein halbes Leben in Oslo zu verbringen.“

Dass Espedal ein Lokalpatriot ist, mag man nach der Lektüre des schmalen Bandes allerdings nicht konstatieren. Seine Beziehung zu Stadt und Leuten darf man sich allenfalls als lakonisch vorstellen; und das ist noch höflich formuliert: „Die Bergener Bürgerschaft ist der langweiligste und uninteressanteste Gegenstand, den es gibt“, heißt es an einer Stelle. Espedal beschreibt was er sieht, unternimmt, beobachtet; er tut das in präzisen und knappen Worten: Freunde und Fremde, abgewetzte Sofas, Restaurantbesuche, den gegrillten norwegischen Wildlachs, den er in New York zusammen mit einer Frau isst, die ihn kurz darauf verlässt.

Vor dem medialen Rummel, den die Bücher seiner Freundes Karl Ove Knausgård bei ihrem Erscheinen lostreten, flieht er nach Madrid. In Band 5 („Träumen“) seiner monumentalen Selbstbespiegelung berichtet Knausgård von einem Abend bei Espedal, der ein unerfreuliches Nachspiel hatte, als eine der anwesenden Frauen Knausgård vorwarf, sie vergewaltigt zu haben. Dem Andrang der nachfragenden Journalisten sucht sich Espedal durch seine Abreise nach Spanien zu entziehen. Als er jedoch in Madrid die Tür zu seinem Hotelzimmer aufschließt, erwartet ihn ein Gruß aus der Heimat; eine Einladung zum Abendessen, von einer Person, deren Namen er noch nie zuvor gehört hat.

Ein wiederkehrendes Motiv des Buches sind die Frauen; und die stets mitschwingende Trauer darüber, die eine Besondere unter ihnen verloren zu haben, von ihr verlassen worden zu sein. Immer wieder taucht ihr Name in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen auf, losgelöst von der Chronologie der äußeren Handlung. Auch wenn die Dinge unaufhörlich weitergehen, ein Ereignis sich an das andere reiht, das Gefühl des unwiederbringlichen Verlustes bleibt – und prägt das tagtägliche Erleben, mal mehr, mal weniger. Die einzelnen Kapitel des Buches sind häufig Frauen gewidmet, hinter denen man die ehemaligen Geliebten des Autors vermuten darf.  

„Bergeners“ ist trotz seiner Ereignislosigkeit ein kurzweiliges Buch, das vor allem von der Emotion lebt, die es beim Lesenden hervorruft. Die Einsamkeit des fünfzigjährigen Mannes ist zweifellos ein überstrapaziertes Klischee. Thomas Espedal lamentiert jedoch nicht, sondern erzählt in nüchtern-klarer Sprache aus seinem Alltag. Und erschafft damit einen Sog, den nur gute Literatur mit derart einfachen Mitteln zu erzeugen vermag.

Tomas Espedal
Bergeners
Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel
Matthes & Seitz
2018 · 156 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-615-6

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