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Kritik

Weil das Schreiben hinausweisen muss, über die Grenzen, die man sich selbst setzt

Hamburg

Es ist anders als der Titel vermuten lässt. Dieses Buch ist kein weiteres in der gerade wieder aktuell gewordenen Reihe autobiografischer Bücher, in denen Menschen bis ins kleinste Detail aus ihrem Leben erzählen. Tomas Espedal erzählt von sich, das schon, aber er tut es auf eine grundlegend andere Art als sein berühmter Kollege Knausgard, dessen letzter Teil „Kämpfen“ seines sechsbändigen Mammutprojektes „Min Kamp“ seit einigen Wochen auch in der deutschen Übersetzung vorliegt. Wo Knausgard bis ins letzte Detail erzählt, keine Intimität und kein Detail scheut, liefert Espedal dem Leser Splitter, Bruchstücke, ein feines Gewebe, so weitmaschig gewirkt, dass es durchsichtig scheint, gerade indem nichts wirklich auserzählt wird. Mit Bedacht wählt er diejenigen Splitter, in denen sich das Leben in all seinen Brechungen spiegelt. Espedal verknüpft Fäden aus Kindheit, Jugend und Alter, aus Werden und Vergehen, lässt sie nebeneinander her laufen, bis sie sich kreuzen, eine Zeitlang miteinander verwickelt bleiben, um sich schließlich wieder in unterschiedliche Richtungen fortzubewegen.

Die Geschichten (die sich dennoch entspinnen, auch wenn sie nicht erzählt werden) überlagern sich, Mutter, Tochter, Geliebte, die Bilder und Erinnerungen fließen ineinander.

„Aus dem Schlaf kann sie immer zurückkommen, aber sie schläft nicht, der Schlaf hat sie verlassen, und sie kommt nicht zurück, endlich ist sie davongekommen, sie vermisst uns nicht einmal.“

Dieses Zitat findet sich unter der Teilüberschrift „Wo“ im ersten, Biografie betitelten Teil und bezieht sich auf den Tod von Espedals Frau, die kurze Zeit nachdem er seine Mutter verloren hatte, starb. Überhaupt ist der Tod immer anwesend in dem, was Espedal schreibt. In den Gewittern der Kindheit als „[…] Licht, das aufsteht in der neuen Bedrohung eines wolkenfreien und angstlosen Todes“, und später natürlich, wenn geliebte Menschen im Tod verschwinden, ohne die Hinterbliebenen zu vermissen.

Später wird das Verschwinden des Vaters zum eigenen Verschwinden, und alles geht ineinander über, die Grenzen zwischen den Generationen, aber auch zwischen Leben und Tod, ist fließend.

„Jede Beziehung beinhaltet mehr Menschen als die beiden, die einander bei der Hand halten. Mit ihr habe ich die Empfindung, ich wäre mit einem ganzen Roma zusammen.“

Es gibt rätselhafte Sätze. Sätze, in denen Novellen eingedampft, konzentriert, verdichtet sind. Auf dem Papier steht nur der Kern, aber jedes Wort atmet die Ahnung von mehr, von verschwiegenen Zusammenhängen und einer unzähligen Vielfalt von Details.

Manchmal wimmeln die kurzen Texte vor Paradoxa. „Eingesperrten Himmel“ und der „Bedrohung […] eines angstlosen Todes“ Die doppelte Abwesenheit, die die Wohnung füllt. Für viele der Paradoxe, die ein ein Menschenleben ausmachen, findet Espedal eine Form, die das Unverständliche, Widersprüchliche, diese elementare Zerrissenheit, nicht nur ausdrückt, sondern spürbar macht.

Espedal genügen dafür Puzzleteile, die der Leser selbst zusammensetzen kann, darf und soll. Manch einer mag das als Zumutung empfinden, es ist aber auch eine Möglichkeit ganz eigene Erfahrungen beim Lesen zu machen.

„Alles ist verändert, nichts ist mehr dasselbe, abgesehen von den Treppenhäusern und dem Fahrstuhl und den Zimmern und dem Tod.“

Dieser Satz ist so etwas wie die Kernaussage, die allem zugrunde liegt, was Espedal schreibt (die möglicherweise jedem ernsthaften Schreiben zugrunde liegt), eine Aussage, eine Einsicht, die sich in unzähligen Variationen wiederholt. Und die ergänzt wird durch ihr Pendant:

„Es gehört nichts dazu, zu reisen, neue Orte zu sehen, schwieriger ist es, jeden Tag dieselbe Strecke zu gehen, dieselben Orte zu sehen, auf eine neue Weise, vielleicht, aber dennoch, dieselben Straßen, dieselben Häuser, um einen neuen Gedanken zu finden, eine ganz neue Art, derselbe zu sein.“

Die Veränderung, die fast unbemerkt geschieht, und die Herausforderung, ihr vor der scheinbar immer gleichen Oberfläche, stets aufs Neue zu begegnen.

Die Themen des Biografie genannten Gewebes sind die ganz großen Themen des Lebens, Liebe, Tod, Verlust. Und dann im zweiten Teil: das Trinken.

Tagebuch

Das Tagebuch ist das Medium, in dem die Freiheit, mit der Hand zu denken ausgeschrieben werden kann.  

„Die Maschine arbeitet, die Sprache läuft rund. Ich zünde mir eine Zigarette an. Es ist bewölkt. Schon vor langem habe ich aufgehört, Bücher zu schreiben. Ich schreibe, das ist alles.“

Espedal erschreibt immer neue Varianten von Schnee, Winter, Trauer und Verlust. Es sind kurze, hoch verdichtete Stücke.

Vielleicht geht es immer nur darum: Die Veränderungen und unser Widerstand dagegen (diese sinnlose Auflehnung). Die Umkreisung des Todes, aber mehr noch die der Trauer, der Unmöglichkeit nach dem Tod des anderen weiter zu leben, ohne sich selbst zu verlieren. In Meditationen zu Fotos, oder Überlegungen zum Gehen, beständig umkreist Espedal das Unsagbare. Denn das, worum es eigentlich geht, kann nicht in Sprache gefasst werden, nur darum herum findet Sprache statt, und wenn diese Sprache Sätze hervorbringt, die den Leser etwas von dem eigentlich Unsagbaren spüren lassen, handelt es sich um Literatur. Keine Geschichten, sondern das, was unter den Geschichten liegt. Eine Ahnung des bodenlosen Untergrunds.

Briefe

„Der Brief über mein Unglück“ handelt von Gewalt. Von der ersten Schlägerei, vom Boxen, es ist ein langer Brief über Kindheit und Jugend, über gescheiterte Beziehungen, über Selbstzerstörung. Krankheit und Hoffnung, Veränderungen und Wiederholungen. „Ich wiederhole mich langsam“. Die Texte Espedals sind die Geschichte seines Lebens, einschließlich der Verlangsamungen und Wiederholungen des Älterwerdens.

Auf den „Brief über das Unglück“, folgt der „Brief“, in diesem Brief spricht Agneta, die verstorbene Frau Espedals selbst. Agneta, die weiß, dass sie sterben muss, die nicht sterben will. Nach dem Brief, ihrem von ihm geschriebenen Brief, der „Liebesbrief“, der von der Unmöglichkeit einer Liebe handelt.

Espedal behauptet, dass wir auch mit den Räumen kämpfen, dass es Häuser gibt, die uns abweisen und Menschen, die mehr Talent haben, zu wohnen, Räume in Besitz zu nehmen als andere, die sich viel leichter abweisen lassen, sich als Eindringling empfinden, unfähig etwas in Besitz zu nehmen.

Wenn Espedal von Räumen spricht, vom Wohnen, dann geht es nicht zuletzt um die Räume, die das Schreiben, die die Literatur öffnet und bereitstellt. Für den Autor, aber auch für den Leser.

Es ist ein ruhiges, meditatives und kontemplatives Buch, diese Zusammenstellung aus den drei Einzelbänden, die in Norwegen 1999, 2002 und 2005 erschienen sind.

Letztendlich ist alles eine Einladung und ein Versuch.

„[…] dass die einzige Berechtigung des Schreibens
für mich darin liegt
dass es hinausweisen muss
über die Grenzen
die ich selbst setze.“

Vielleicht geht es bei allen Büchern Espedals um die unterschiedlichen Möglichkeiten, die immer gleichen Erfahrungen begreifbar zu machen. Aber das ist natürlich trivial. Darum geht es immer beim Schreiben. Und darum, seinen eigenen Weg zu finden.

„[…] ich mache nichts als Fehler
aber es sind große Fehler
und große Fehler sind besser als kleine
Genauigkeiten
[…] eine Spinne, gefangen
in einer anderen Spinne Netz.“

Die Auseinandersetzung mit Form und Inhalt, das Verständlichmachen des Unsagbaren und gerade darum umso tiefer prägenden, das ist es, worum Espedals Schreiben immer wieder kreist. Radikal im besten Sinne des Wortes, weil er immer wieder versucht, zur Wurzel des Schreibens zurück zu kehren.

Tomas Espedal
Biografie, Tagebuch, Briefe
Übersetzung: Hinrich Schmidt-Henkel
Matthes & Seitz
2017 · 347 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-367-4

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