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Kritik

Aufs Ganze? A-u-f-s GANZE! Oder: eine Form der Liebe.

Hamburg

Was ist das hier? Ein Langgedicht? Ein – vielleicht konstruiertes - Tagebuch mit Enjambements? Ein Reisebericht mit Enjambements? Ein Epos? Ist das wichtig? Form ist immer wichtig. Auch hier, denn Tomas Espedals Das Jahr entfaltet einen Teil seiner Wucht aus der Form als - nun in etwa: eposartiges Langgedicht (das Enjambements oft einfach einsetzt, das letzte Wort eines Satzes wird auf die nächste Zeile gezogen).

Worum geht es? Janne, wohl die Frau seines Lebens, hat ihn für einen guten Freund, mit dem er über seine Probleme mit ihr sprach, verlassen. Just tell me the truth about love: So funktioniert Liebe, wenn sie endet: Banal-brutal, that‘s life, einfach. Vieles, fast alles hier ist einfach, aber nicht simpel. Es ist das Modell der romantischen Liebe der Moderne – erstrebt, als existentielles Sinnzentrum erhofft, zugleich in ihren Aporien und Widersprüchlichkeiten strukturell aufs Scheitern gebaut. Diese banale Erkenntnis hilft Gefühlen nicht weiter, schmälert sie nicht, dämpft sie nicht. Was, wenn sie unerträglich sind? Was soll man tun? Espedal versucht es mit einer Reise auf den Spuren Petrarcas (plus nicht wenig Alkohol und Zigaretten), der so etwas wie ein doppeltes role model darstellt als Liebender und Schreibender:

Petrarca will ein schlichtes Leben führen
lesen schreiben
das will er.
Er will sein Leben um Lesen und Schreiben
herumorganisieren
er will etwas Wichtiges schreiben etwas Großes
etwas von Bestand das nach ihm bestehen bleibt
wie die Aeneis von Vergil geblieben ist

Kann Espedal sich daran orientieren? Er schlüpft in Petrarcas Wort-Haut, reist nach Frankreich, um dessen innere und äußere Reisen nachzuvollziehen. Zuerst, nach der Trennung von Janne, wollte er sterben, jetzt nicht mehr, Petrarca liefert also Trost, jetzt geht Espedal „diese Strecke/die Petrarca-Strecke um ein Buch über die Liebe/schreiben zu können./Das will ich.“

Espedal verfolgt ein Projekt, er will die Canzoniere „genau lesen“.

in der Art einer Meditation
vielleicht als Trost
oder als Untersuchung:
Ist es wirklich möglich dieselbe Frau zu lieben
das ganze Leben lang
auch wenn sie die Liebe nicht erwidert
und was für eine Liebe ist das
ist es eine größere Liebe
oder Selbstbetrug
anhand dessen der Dichter seine Leiden konstruiert

Espedal findet in sich also nur eine Form der Liebe, andere sind ihm verschlossen – die ewige, einzigartige Liebe mit einem Anfang aber ohne Ende (auch wenn sie bei ihm nicht in der engelgleichen Reinheit des Platonischen verblieb wie bei Petrarca, denn lange war er mit Janne zusammen).

Wenn Espedal Petrarca nach geht, dann darf die Besteigung des Mont Ventoux nicht fehlen und die Überlegung, was Petrarca daraus literarisch machte: „zugleich beschreibt er das Gehen/so dass die Wanderung beides in einem ist/Reflexion und Naturbeschreibung/ein Essay/darüber einen Berg zu besteigen.“

Bei Espedal erscheint die Reflexion am Berg eher im Ausagieren von Schmerz und Wut in Bewegung, im Sichablenken im Gehen und doch auch wieder lehnt er sich damit an Petrarca an und eignet ihn sich an. Aber irgendwann ist jede Reise zu Ende, der Trost, den sie spendet, die Ablenkung durchs Tun verpuffen. Espedal macht eine weitere Reise und zwar mit seinem Vater, der zweiten Person, in der er sich spiegelt, da dieser ebenso wie Petrarca ein ewig, monomonomonogam Liebender ist.

Lange war eine Mittelmeerkreuzfahrt mit Espedal père geplant, um sich mehr um ihn zu kümmern, Espedal fils sind Liebelei und Ent-Lieberei dabei nicht beschieden. Die Verlockungen am Essenstisch bleiben matt. Espedal hat weder Mut noch Kraft noch Lust Frauen anzugraben: „ich habe/nach dem Bruch mit Janne/die Liebesfähigkeit verloren/und vielleicht auch etwas noch Ernsteres/die Lebenskraft selbst ich bin ein Schattenmeiner selbst“, er will und kann Janne nicht ersetzen: „ich will keine neue Liebste/im Haus haben und will auch nicht umziehen/ich will alleine wohnen/das habe ich beschlossen“ und er hat noch etwas viel Entschlosseneres, Endgültigeres beschlossen: „Janne zu lieben so lange ich lebe.“ Er will nicht „dass die Vorstellung von ewiger Liebe/der Vergangenheit anheimfällt“, doch sein hehres Ideal angesichts der Banalität des Verlassenwordenseins bringt nichts als Qual: Liebeskummer, „das gehört zum Schlimmsten das einen/gesunden Menschen befallen kann“, und deshalb hat Espedal entschieden „zölibatär zu leben“ (was bei einigen Frauen, denen er das erzählt, Heiterkeit auslöst – ist das nicht bloß eine besonders abgedrehte Variante des Anbaggerns?)  

Wie aber soll man (im Ausnahmezustand) leben? Wie soll man überhaupt leben? Man muss versuchen, sich mit Routinen gegen das Aufgefressenwerden durch Trauer und Unerträglichkeit zu wehren, man muss sich ein Exoskelett der Gewohnheiten geben, damit man nicht zerfällt. Doch wie soll es gelingen, bloß einen Tag zu überstehen, einen Tag zu ‚machen‘?  Das ist schwierig, da ist ja auch noch sein Vater, 78 Jahre, der geht kaum raus, bewegt sich kaum, obwohl er es gesundheitlich noch könnte. Doch seine Frau ist seit siebzehn Jahren tot: „Er hat es nicht geschafft nie gewollt/eine andere Frau kennen zu lernen/er wollte mit der Toten zusammen sein/so lange er lebt.“ Was dann also kam, das war nur noch Warten auf den Tod, sinnlos, leer ohne seine Frau, und eine andere will auch er nicht, die seinem Leben Halt oder Sinn verleihen könnte: „Man kann sich niemand neuen suchen/wenn man noch liebt“ – das hat auch Espedal inhaliert, der sich in seinem Vater spiegelt: „Du hast deinem Vater gleichen wollen/du gleichst deinem Vater.“   

Damit der Vater sich aber mal bewegt, gibt es die Abmachung, dass Sohn Tomas ihn jeden Donnerstag zum Essen einlädt. Wenn er die kurze Strecke Wegs zwischen seiner und der Wohnung seines Sohnes zu Fuß macht, bekommt er ein Menü, Alkohol  und Gespräche (die, so darf man sich vorstellen, eher trist verlaufen bei diesen beiden liebeskranken Todkranken) – sonst nicht. Espedal père ist hin und wieder bockbeinig (schlechtes Wetter, Lustlosigkeit) und dann gibt es Zoff. Doch wie soll man es dann schaffen, dass ein Tag aus dem Leid herausgemeißelt wird, wenn Paps querschießt? Dann misslingt der „Tag an dem ich so hart gearbeitet habe damit er/anderen Tagen gleicht.“

Nachfolgend laufen zwei Erzählstränge über Gewalt eine Zeitlang parallel. Espedal ist in seiner Trauerarbeit nicht von der Welt abgewandt, er nimmt sie wahr, sie bleibt in ihrer Brutalobanalität ebenso existent wie das Scheitern der Liebe. In einer Passage werden die Vorbereitungen junger Selbstmordattentäter beschrieben:

Eines Tages im Oktober
werden sechs junge Männer
wir wissen nicht wie alt sie sind

[…]

sich mit Sprengstoff gürten

[…]

und in die Stadt gehen.

Inzwischen ist es November geworden, auch Espedal verlockt die Gewalt, auch er will in die Stadt, nach Oslo,  um Jannes Neuen zu verprügeln: „Endlich/tue ich was ich tun müsste/eine Bewegung/in der falschen Richtung“, was dann dazu führen soll, dass sein „Leben mit Janne/bald […] vorüber sein“ wird. Zumindest hofft und glaubt er das, zumindest verschafft ihm der Plan Erleichterung, zumindest ist er „fast glücklich/dass alles so schön ist/wenn man hasst.“

Er lauert also Jannes Neuem auf, doch das Schicksal hat Vergebung und Beschämung für ihn parat. Janne ist bei ihrem Neuen – und plötzlich ist bei Espedal die Wutluft raus: „ich darf nicht will nicht/ihre Liebe/zu ihm zerstören./Ich kann die Liebe nicht zerstören/die ihr gehört.“

Aber wie jetzt weiterleben? Aufs Ganze zu gehen, kann auch noch eine Steigerung erfahren. Espedal sinniert über den Tod, den er sich vorstellt

wie den endgültigen Orgasmus
den du erleben wirst
mit der dunklen Frau
die deine letzte Beziehung ist ja
du stellst dir den Tod als Frau vor
und niemand auf der Welt kann sie dir rauben
diese Vorstellung
diese Liebe
die deine letzte ist   

Das nun wieder ist eine arg sich ins Leid hineinwühlende (oder auch –fühlende?) Vorstellung, und Frau-und-Tod, das ist nun ja doch stereotyp. Und haben diese Vorstellung wie auch Espedals Furor nicht etwas von männlicher Weinerlichkeit oder einem kindsköpfigen Trotz, nicht lassen zu wollen von Janne oder nicht lassen zu wollen von der Idee einzigartiger Liebe? Man weiß nicht recht, ob man Espedal ob seiner monomanen Liebeswut beglückwünschen oder bemitleiden soll. Hat er bloß Literatur aus Leben geschnitzelt? Das ist immer doof, das zu sagen, denn das ist ja immer irgendwie so (besagt also nichts). Woher sollte man denn seine Sätze sonst nehmen, wie vermittelt oder sublimiert oder verdreht oder verrätselt das auch immer sein mag? Das Interessante aber an Espedals Jahr ist, dass es ihm gelingt, das Existentielle unerwiderter Liebe, zerstörter Liebe in eine klare und transparente Sprache übersetzt zu haben – selten hat man eine Form der Liebe so intensiv begutachten können, was auch sonst man darüber denken mag.  

Tomas Espedal
Das Jahr
Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel
Matthes & Seitz
2019 · 196 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-773-3

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