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Kritik

Über das Grenzenziehen und nicht mehr außerhalb von ihnen denken

Zu Toni Morrisons Vorlesungen in „Die Herkunft der anderen“
Hamburg

Toni Morrison gehört zu den wichtigsten Vertreterinnen der afroamerikanischen Literatur. Ihre Romane – wie etwa Paradise oder Beloved – verhandeln nicht nur essentielle, tiefgreifende Konflikte, auch in formaler Hinsicht, im Aufbau der Perspektiven, in der Präzision des Ausdrucks und der sprachlichen Verdichtung finde ich sie immer wieder beeindruckend. In seiner Gänze bildet dieses Romanwerk eine beachtliche Anzahl afroamerikanischer Lebenswirklichkeiten ab, aus vielen Episoden ihrer Geschichte: von der Sklaverei über das Jazz-Age und die Bürgerrechts- und Emanzipationsbewegung bis ins 21. Jahrhundert.

Im Rowohlt Verlag sind nun die Texte erschienen, die anlässlich der Charles-Eliot-Norton-Vorlesungen entstanden, die Morrison 2016 an der Harvard University hielt. Der Originaltitel lautete The Origin of Others - The Literature of Belonging.

In diesen sechs Texten beschäftigt sich Morrison, wie der deutsche Untertitel bereits verrät, mit Rassismus und seinen speziell in den Gesellschaften der USA verwurzelten Kontexten. In den Vereinigten Staaten ist die Ausprägung und Dimension des Rassismus, historisch bedingt, eine andere als beispielsweise in Europa (wobei mit dieser Feststellung natürlich nicht die eine gegen die andere Art ausgespielt werden soll – Rassismus bleibt Rassismus und keine Art ist einer anderen gegenüber höher oder niedriger einzustufen).

In Europa lebten über lange Zeit nur wenige aus Afrika stammende Menschen, sie bildeten zumindest lange Zeit nur einen kleinen Anteil (in einer 1953 erschienen und 2016 in der Edit auf Deutsch publizierten Erzählung beschäftigt sich der Autor James Baldwin mit der Diskrepanz zwischen dem europäischem und amerikanischem Bild und dem Verhalten gegenüber einer Person mit dunkler Hautfarbe). Auch aus Afrika stammende Sklaven gab es auf den europäischen Kontinent verhältnismäßig wenige, Europas Nationen importierten eher die von Sklaven erwirtschafteten Güter aus ihren Kolonialterritorien.

In manchen Gebieten der USA (und auch teilweise in Südamerika und vielfach in der Karibik) war der afroamerikanische Anteil der Bevölkerung hingegen, seit den Anfängen der Sklaverei, sehr hoch. Europa war nicht direkt mit der Unterdrückung und Ausbeutung in den Kolonien konfrontiert; in den USA hingegen (wo die Afroamerikaner, obwohl sie einen größeren Teil der Bevölkerung stellten, keine Rechte und keine Repräsentation hatten und offen als Menschen zweiter Klasse, als Arbeitsmaterial, behandelt wurden) sah sich die weiße Bevölkerung immer mit dieser Unterdrückung konfrontiert: mit der Ausbeutung von Menschen, mit denen sie jeden Tag Umgang hatten.

Noam Chomsky schreibt in seinem Buch Requiem für einen amerikanischen Traum davon, dass die amerikanische Gesellschaft, die Gesellschaft der großen Freiheit, bis heute von zwei Ursünden belastet wird: der Dezimierung (oder direkter: Ausrottung) der indigenen Bevölkerung und der institutionalisierten Sklaverei. Im Selbstverständnis vieler weißer Amerikaner*innen werden diese beiden Ursünden jedoch ausgeblendet. Die Indianer sind für sie die Schurken in den Westernfilmen, die aggressiven Wilden, die man töten muss und die Afroamerikaner sind die tumben und potenziell gefährlichen Wilden, die man kontrollieren und über die man herrschen muss. Morrison veranschaulicht die Gründe für diese nach wie vor anhaltende oder zumindest unterbewusst nachwirkende Einstellung am Beispiel der Einwanderungswelle in der Zeit von 1890-1920:

Den Einwanderern, die damals [zu fast 23 Millionen] in die USA kamen, wurde offenbar schnell klar, dass sie, wollten sie «echte» Amerikaner werden, ihre Bande an die Herkunftsländer lockern und sich stattdessen auf ihre weiße Hautfarbe berufen mussten. Die Definition, was es bedeutet, «amerikanisch» zu sein, bleibt für viele, traurigerweise, eine Frage der Farbe.

Wer dazugehören wollte, der musste also quasi ein Rassist werden; und Morrison geht soweit, denn tiefverwurzelten Rassismus in den USA zumindest zum Teil als einen Schutzreflex zu sehen (natürlich nicht in der Absicht, den Rassismus damit zu entschuldigen oder zu verharmlosen). Denn gerade weil die amerikanische Gesellschaft sich nicht mit den Schattenseiten ihrer Geschichte auseinandersetzen wollte und will (wobei Europa hier auch noch hinterherhinkt und fast nur die innereuropäische Vergangenheit aufarbeitet), war und ist sie gezwungen, diese Schattenseiten zu leugnen oder umzudeuten. Solches Leugnen bildet den Kern der vor allem in den Südstaaten immer noch tiefverwurzelten Ansicht, dass die Hautfarbe etwas über den Wert, den Charakter und das Wesen eines Menschen aussagt, ja, dieses Wesen geradezu definiert.

Wie wird man Rassist, oder Sexist? Niemand wird als Rassist geboren, und nichts bestimmt einen Fötus, rassistisch zu werden. Menschen zu anderen zu machen wird erlernt – aber nicht durch Lektüre oder Unterweisung, sondern durch das Beispiel.

Der Rassismus ist für Morrison nicht nur ein theoretisches Konstrukt, welches die Identität einer anderen Person gewaltsam festlegt und vereinfacht und zusätzlich eine zweite Identität für den Rassisten erschafft, die sich vorteilhaft gegenüber der anderen Identität positioniert, sondern eine Lebensart, die sich aus einer Tradition der Verdrängung und Stigmatisierung speist, die nach aus den Zeiten der Sklaverei stammt. Schon die Sklavenhändler und Plantagenbesitzer, die einen offensichtlichen finanziellen Nutzen aus der Sklaverei zogen, müssen gewusst haben, dass ein solches System inhuman ist; und welcher Mensch kann ernsthaft behaupten oder glauben, dass eine Diffamierung und Diskriminierung anderer Menschen human oder gut sei – diese Menschen können sich lediglich einreden, dass es zwar inhuman ist, aber kein Unrecht und somit kein Problem.

Ob dieses vermeintliche Recht auf der Idee genetischer, finanzieller, religiöser oder moralischer Überlegenheit aufbaut, ist erstmal unerheblich. Wichtig ist, dass der Rassist die Angst um den Verlust seiner privilegierten Position und seine Grausamkeit gegenüber anderen vor sich selbst kaschiert, in dem er seiner Einstellung und seinen Taten den Anstrich der Rechtmäßigkeit und dieser Rechtmäßigkeit wiederum den Anstrich der Gewissheit gibt. Indem er dem „Anderen“ aggressiv und gewalttätig gegenübertritt – oder seine Lage, sein Schicksal romantisiert, zum Beispiel in dem er ihn als schutz- oder anleitungsbedürftig darstellt oder meint, besser als er selbst zu wissen, was seine Lebenswirklichkeit bedingt.

Morrison beleuchtet sowohl das gewaltsame als auch das romantisierende Verfahren. Sie schreibt über die Tagebücher eines Plantagenbesitzers, der die Vergewaltigung seiner Sklavinnen nüchtern zwischen den anderen Einträgen einstreut (auf Latein), aber auch über Harriet Beecher Stowes Buch Onkel Toms Hütte, in dem die afroamerikanische Lebenswirklichkeit zu einem harmlosen Dasein stilisiert und ein Mythos vom braven, liebenswerten, gut- und demütigen Sklaven aufgebaut wird.

Von diesen historischen Umfeldern ausgehend, stößt sie immer wieder zum theoretischen Kernthema ihrer Vorlesungen vor: dem grundsätzlichen Konflikt, in dem wir uns wiederfinden, wenn wir eine Begegnung mit dem „Fremden“ haben. Sich diesem „Fremden“, in welcher Gestalt es auch immer auftritt, zu nähern ist schwierig, wenn es bereits als „Fremdes“ stigmatisiert ist und man gelernt hat, es so wahrzunehmen. Jedes Verhalten dem Fremden gegenüber birgt die Gefahr, dass Spuren von Ablehnung oder Vereinnahmung darin enthalten sind – weil man glaubt, seine eigene Position gegenüber dem „Fremden“ bei einer Annäherung festigen oder behaupten zu müssen; denn nichts fürchten wir doch mehr als uns selbst fremd zu werden. Und glauben, wir können das verhindern, in dem wir das Fremde von uns fern halten.

Großartig, wie Morrison eine eigene Begegnung mit dem Fremden beschreibt und wie sie im Anschluss, nach einer Weile, an den Punkt kam, wo sie

„Begriffen hatte, dass ich in Wahrheit eine Facette meiner selbst vermisste und suchte – und dass es so etwas wie Fremde nicht gibt. Es gibt nur verschiedene Versionen unserer selbst, von denen wir viele nicht realisiert haben und die meisten von uns fernhalten wollen.

Denn die Fremde kommt nicht aus einer fremden Welt, sondern aus einem Reich des Zufalls, ist uns nicht unbekannt, sondern nur unbewusst. Und es ist diese Zufälligkeit der Begegnung mit einem geahnten, aber nicht wahrgenommenen Aspekt unserer selbst, die uns mit einem Gefühl der Beunruhigung reagieren lässt. […] Auch deshalb wollen wir den anderen besitzen, beherrschen, steuern oder, wenn wir es denn schaffen, zu unserem Spiegelbild verklären. In beiden Fällen, der Beruhigung wie der falschen Verbeugung, verweigern wir dem Gegenüber die Individualität, die Fülle der Persönlichkeit, auf der wir für uns selbst bestehen.“

Es ist schwierig, den anderen so zu sehen wie er ist und nicht nur als Spiegelfläche unserer eigenen Erkenntnisse oder Sehnsüchte. Vielleicht ist es sogar fast unmöglich. Unverzeihlich ist es in jedem Fall, wenn wir glauben, einen Menschen von vorneherein wegen irgendetwas, das er nicht direkt sagt oder tut (und selbst hier gelten natürlich Ausnahmen und Einschränkungen), beurteilen und ihn deswegen auf eine bestimmte Art behandeln zu können. Rassismus und Sexismus funktionieren genau so (nur, dass wir es bei diesen systeminhärenten Diskriminierungen schon fast nicht mehr merken).

Und nicht nur mit Menschen, mit ganzen Kontinenten wurde so schon umgegangen. In einem Kapitel schreibt Morrison über ihre Lektüre von Büchern, die in Afrika spielen oder Afrika zum Thema hatten:

„Mit ein oder zwei Ausnahmen war das Afrika der Literatur eine unerschöpfliche Selbsterfahrungsarena für Touristen und ausländische Besucher. Ob von konventionellen westlichen Vorstellungen eines in Finsternis gehüllten Afrikas durchdrungen oder gegen sie anschreibend, haben Joseph Conrad, Tania Blixen, Saul Bellow und Ernest Hemingway die Protagonisten ihrer Bücher in einen Kontinent versetzt, der leer ist, ein Gefäß, das nur auf die Kupfer- und Silbermünzen warten kann, die die Vorstellungskraft zu spenden geruht.“

Die Europäer*innen, und leider auch die europäischen Autor*innen, haben Afrika (und selbstverständlich auch andere Regionen) und seine Bevölkerung über Jahrhunderte hinweg entweder bagatellisiert oder mythologisiert – entweder waren sie der Spielplatz ihrer Überlegenheit oder der Abgrund ihrer dunkelsten Phantasien.

Um all dies und mehr geht es in Morrisons klugen und teilweise kompromisslosen Vorlesungen. Der/die Andere, so zeigt sie deutlich, ist ein Konstrukt. Wir glauben ihn anhand bestimmter Merkmale erkennen und beurteilen zu können, aber letztlich wird er durch diese Merkmale nur mehr zum Konstrukt und weniger greifbar; was einfachen Weltvorstellungen in die Hände spielt, aber nichts mit der Wahrheit über uns oder den anderen zu tun hat.

Letztlich sind wir selbst der/die Andere. Und jeder andere Mensch stellt eine Schwierigkeit da, denn ihm gerecht zu werden fordert unsere Lebenswirklichkeit heraus und verlangt uns viel ab. Aber nicht zu viel. Denn was sind wir ohne den anderen? Niemand hat es schöner gesagt als die schwedische Dichterin Edith Södergran:

Ohne den andern in uns selbst gefangen
aller Vielgestalt und Schönheit des Daseins beraubt.
Wer glaubt, es blieb noch irgendwas zu hoffen,
wenn es keinen gibt, der die Liebe dazu glaubt?

(Übersetzung Karl R. Kern)

Ich empfehle sehr, dieses Büchlein zu lesen. Es behandelt das Thema Rassismus nicht erschöpfend, aber es vermag einen sehr guten Einblick zu geben – und ist außerdem ein hervorragender Anreiz, sich manch großartigen Roman von Morrison, auf den sie im Text Bezug nimmt, ebenfalls zuzulegen.

Ich bin entschlossen dem billigen Rassismus die Zähne zu ziehen und den allgegenwärtigen, gedankenlosen, wohlfeilen Hautfarbenfetischismus zu brandmarken und auszutilgen. Denn er ist nichts anderes als ein Echo der Sklaverei.

Toni Morrison
Die Herkunft der anderen
Übersetzung:
Thomas Piltz
Rowohlt
2018 · 112 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-498-04543-2

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