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Kritik

"… die schwarzen see lert mich ain vas begreiffen …"

Hamburg

Der zweite Gedichtband von Tristan Marquardt, Ende '18 erschienen bei Kook, heißt "Scrollen in Tiefsee". Schon klar: es geht um die Verselbständigung der Interaktion Mensch-Maschinengedächtnis, eine neue Sorte aufmüpfigen Unterbewusstseins. Oder: Neuverhandlungen darüber, was zwischen Naturzeug und Menschenwelt die Metapher ist, und was das metaphorisch Bezeichnete … Wir rechnen also, bevor wir den Band aufschlagen, mit ca. folgendem:

Abgrundtiefe Kataloge, in denen versunken wird; Neuerungen der Technik als Neuerungen des Bewusstseins- und Sprachvorrats; Externalisierung->Internalisierung->Versinken->Vereinsamen im Sprachstrom der Maschinen, als wäre er ein menschenleeres Andersland under the sea; die Sprache zeitgenössischer Sachtexte als eine Sprache, die dem Unbewussten (drei Uhr morgens, den Finger an der Maus-Taste, nur noch ein! Wikipedia-Artikel …) zu Gebote steht.

Wie sich schnell herausstellt, wenn wir tatsächlich blättern, fehlt in dieser Liste etwas: nämlich das Mittelhochdeutsche, mit dem sich Marquardt gut auskennt, im konkreten Fall: Texte des Eschenbachers, Reinmars und Heinrichs von Morungen. Eine andere Sorte Tiefe, das, können wir denken: Grammatikalische, semantische, klangliche Kräftefelder, die so im Neuhochdeutschen nur noch halb vergessen herumliegen; Vorbewusstes, Tiefsee auch hier.

Das Kapitel "parzival-lexikon. sekundärpoesie" – laut den Nachweisen wurde es

Initiiert durch ein im Entstehen begriffenes Kooperationsprojekt zum Parzival mit Alexander Kluge.

– besteht aus poetischen Begriffsgeschichten zu den mhd. Worten schanze, wilde-wilt, werren und triuwe, entwickelt in kurzen Skizzen über Handlungsmomente im Parzival. Der Text changiert zwischen einem Langgedicht aus Sachtext-Stückchen, Foucault'scher Ideenhistorie und einer Art Traumzeit-Variante germanistischen Zitierens. Geht es um den reinen Narren Parzival, geht es um unsere Sprache, geht es ums kulturelle Erinnern? Was ist Zeichen, was Bezeichnetes?

Der titelgebende Abschnitt – "Scrollen in Tiefsee" – umfasst sechs streng komponierte 2x5-Zeiler, und behandelt – durchtaucht – genau das wie oben geschildert Erwartbare, aber dann doch strenger, enger, weniger Wischiwaschi, als auch noch drin gewesen wäre:

vorspulen, in dieser luft. fahrtwind fast spüren. sicht genug,
um zu glauben, du könntest die clips schneller schauen,
als sie laufen. ins leere gehen, die sicht außer sich, blicke
wie strahlen, schneller als licht. du schließt, du öffnest
eine neue situation. das internet landet auf dem mond.

Das Kapitel "alle posts von gestern. zweizeiler" (auch hier betreibt der Verfasser zum Teil "Hypertext", bezeichnet die Nachweisseite Autoren, von denen hier einzelne Sätze variiert werden) – es wird Lesern gefallen, denen so etwas gefällt. Epigrammatik ist nichts Ehrenrühriges, und Marquart entlockt seinem Material wohl überraschende Kippeffekte. Aber der Rezensent blättert, Opfer seines Privatgeschmacks, unberührt weiter Richtung Anfang1.

Dort finden wir: "tag- und nachtlieder". Auf rechten Seiten kurze Tagliedparaphrasen nach den oben genannten Autoren, Mittel- mit Neuhochdeutsch kombiniert, Gedichte, die so tun, als wären sie Interlinearübersetzungen, und die der Kombination Reizvolles entlocken. Diesen Gebilden gegenüber auf den linken Seiten je 5x5-zeilige, streng komponierte Texte, die in der Gegenüberstellung wie kalt-sozialrealistische Alltagsschilderungen einer Cyberpunk-Welt wirken, tatsächlich aber bloß eine Existenz im Bewusstseinsstrom zwischen Fleisch und Internetmaschine mit ihren jeweils "natürlichen" Rhythmen abbildet. Hier geschwätzige Alltagswelt, dort das stille Liebeslager (zweier Sprachen, zweier Bewusstseinsebenen …).

Zwischen den Kapiteln stehen dann noch Auszüge aus "Katalogen" – "auszüge eines lichtkatalogs", "auszüge eines fehlkatalogs", "auszüge eines postkatalogs" – Listen spielerisch-apodiktischer Definitionen von Worten aus dem jeweiligen Feld. Sie erst beenden das Stück produktive Verwirrung, in welche den Rezensenten das Motto des Bandes versetzt hatte – ein Zitat von den ersten Seiten des "Manns ohne Eigenschaften", das in diesem Kontext nicht von speziell österreichischen Nationalmarotten handelt, sondern viel weiter gefasst und sozusagen "unschuldiger" gelesen werden will – eben beispielsweise auf die Definitions- und Übersetzungsvergnügen bezogen, die Marquardts Band dem bewusstlosen "Scrollen in Tiefsee" entgegensetzt:

"Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwa geben, daß man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen, sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist."

  • 1. denn es wurde diese ganze Aufzählung von hinten, mit dem Finalkapitel begonnen
Tristan Marquardt
scrollen in tiefsee
kookbooks
2018 · 80 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3937445953

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