Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

We now need a Dictionary Poem and I fish for one.

Hamburg

Das Schreiben in Fremdsprachen hat einen enormen Reiz. Nicht zuletzt dadurch, dass die Zahl an angewöhnten (Sprach-) Alltäglichkeiten reduziert wird, also die Wahl der Wörter den Zufall/ die Gewohnheit unterläuft. Alles ist Design, wenn man so will. Unter anderem hat Samuel Beckett hat dieses Changieren bekanntermaßen ausgiebig betrieben. Lustig wird die Sache, Sprachen nicht zu sprechen, und darin zu schreiben, bzw. über rudimentäre Kenntnisse und ein Wörterbuch zu verfügen und dann loszulegen, wie an anderer Stelle Ilija Trojanow in seinem neuesten Band mehr oder weniger zu unterstellen ist. Denn Sprachgefühl sollte, zumindest was eine germano-zentrische Satzbildungsgewohnheit voraussetzt, dahingehend ausschlagen, dass z.B. Deutsch und Englisch sehr voneinander abweichende Stellungen der Wörter im Satz zur Schau tragen und ein achtloses Umgehen damit recht witzige Ergebnisse hervorbringt. Vorhanden eine gewisse Selbstdistanz, ist das ganze erbaulich, um nicht zu sagen, durch solch eine vorgesetzte Naivität, auch schon wieder sprachforscherisch interessant, wie ein Krabbeln durch Denkwälder. Ebenfalls aus Bulgarien, jedoch kaum mit Trojanow vergleichbar, ist Tzveta Sofronieva. Die in Berlin beheimatete Dichterin hat soeben in der neu gegründeten Reihe Translingual des hochroth Verlags Bielefeld, herausgegeben von Johanna Domokos, den Band Anthroposzene herausgebracht. Deren erster Band.

Nach einer kurzen, etwas floskelhaften Vorrede Domokos, startet Sofronieva ihren eigenen, dadurch dass er so eigen ist, interessanten Sprachmix. Sie verwendet außer Bulgarisch und Deutsch die hineinfließenden Sprachen Ungarisch, eben Englisch, Spanisch, Französisch und in Teilen Arabisch und sicher noch einige Sprachen mehr. Bei ihr ist, im Gegensatz zu Trojanow, die Verwendung von zum Beispiel denglischem Englisch, eine eher gewollte Naivität, ein Programm, das die gefühlten Barrieren, das heißt Grenzen, zu überwinden versucht. Herausgehen, es versuchen, mit Sprache, oder vielmehr mit Sprechen sich anzubieten als kommunizierendes Individuum. Denn hierum geht es in Anthroposzene: dem buzzing Anthropozän, das in Vorwort und auch von Sofronieva selbst, als Zeitalter der Selbstinszenierung und Gipfelgenerierung mit sich selbst als BesteigerIn, eine Art polylinguale Position, ein "Multiversum" entgegenzusetzen. "Der Mensch braucht Epochen der Weltgeschichte nicht nach sich zu benennen". Sofronievas Lyrik ist im Grunde oft eine Reihung von Begebenheiten, Ausrufen, Definitionen oder Deklamationen in so-vielen-Sprachen-wie-möglich des Kommt-und-Sprecht. Niemand ist ein Gipfel, "eine Insel" etc. Sofronieva schreibt in dem als "Poetischen Pass" apostrophierten Band:

"3#

Market net-bags are most convenient
for transporting cabbage
to prepare it for the winter.

Nets emerge all the time,
both female and male, Zwitter, nature
only seems to have
hierarchy.

Formen, Ausdrücke, Kochrezepte,
weitere Algorithmen,
All go Rhythm,
Knoten von Assoziationen.

Ein Berg ist nicht immer ein Teil vom Gebirge,
doch das Gebirge ist ein Netzwerk aus Bergen
und ein Wald ein Netzwerk der Bäume.

A hill is not less of a mountain,
it's just another form of expression
of a curve of a landscape,
ein Ausdruck des Landstrichs, ein Strich.

Ein Ich beim Sauerkrautrezepte-Studieren,
nicht unbedingt glutenfreie."

Auch:

"14 #

[...]
this touch, that death
for my ear
t, d and th do not differ
so tickle
tinkle the ivories
tingling with the fear of
not hearing
year in yearning, sense in absence
as in asylum, some in awesome
miss in mission, om in .com
lust in loss since lust in Verlust
long is the longing
to touch
[...]"

Sofronieva zerlegt das Deutsche und das Englische. Sie bricht die Sprachen herunter, bildet ein neues, z.T. witziges, selbst-distanziertes Territorium heraus, in dem Rezept, Verhalten und Trauer genauso verhandelt werden wie politische Aussagen. Sie verwendet Unverfängliches wie direkt Kritisches gleichermaßen, lässt es in einander übergehen:

"6#

Auf der Bühne gewinnen
immer die Katzen.
Wildkatzen, faszinierend,
der Löwe als König der Tiere,
eine Krönung der Schöpfung, uns
annähernd gleich, etwa nicht?
Die Naturvideos im Netz bestätigen
die Herrscher-Rolle des IS:
Auf der Bühne, nach dem Kampf
tötet der Löwe seine Rivalen
und alle männlichen Nachkommen,
vergewaltigt die Töchter
und lässt die Frauen Essen jagen."

Eine deutliche, um nicht zu sagen überdeutlich-ironische Darstellung von Sofronievas Absichten findet sich in dem Gedicht:

"26#

Im Publikum rege Gespräche
(vom Ende des 20. Jahrhunderts)
[...]

Szene 3:

What's the name of your native people?
                asks the young lady from Australia.
They are called by many different names.
In general Inuit and American Indians, says the Inuit.
Ah, similar to the Aborigines, concludes the Australian Man.
They should have a name in their own language,
                shouldn't they? I say.
They have so many languages, says the Australian man.
Oh, yes, I understand – the Englishman shakes his head.
Why don't we read a poem? I say.
A very good idea, says someone.
Freedom, freedom, freedom,
                freedom,
freedom, freedom –
the Zulu sings with many voices.
What a lovely poem! says the Englishman."

Anthroposzene ist eine eigenartige Mischung aus scheinbaren Zufälligkeiten, Naivismen, Klaren Ansagen, Fortsetzungstexten, abgeschlossenen Statements, anregenden Begebenheiten und über allem einer verspielten Sprachverwirrung. Die Ungeschlossenheit des Bandes ist seine Absicht und auch seine Stärke. Sofronieva will ebenjenes: das Unterlaufen des konzeptuellen Darstellungswahns der "Anthroposzener" mit einer zerfließenden Substanz. Nicht alles muss gelingen, es ist wie es ist. Lyrik nach der Lyrik.

Tzveta Sofronieva
Anthroposzene
Reihe Translingual Bd. 1 / mehrsprachig
hochroth Bielefeld
2017 · 46 Seiten · 8,00 Euro
ISBN:
978-3-902871-98-5

Fixpoetry 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge