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Kritik

Ein libellenartiges Boot

Hamburg

Ein Länder und Kulturen übergreifendes Lyrikmagazin, benannt nach dem libellenartigen Boot „mit den drei wie frei schwebend erscheinenden Rümpfen“, einem Trimaran, „als Ausdruck der intensiven länderübergreifenden Zusammenarbeit von Dichterinnen und Dichtern, Übersetzerinnen und Übersetzer, Verlagen und Institutionen“ – die Kunststiftung NRW, Nederlands Letterenfonds und Vlaams Fonds voor de Letteren setzen mit dieser Gründungspublikation ein besonderes Zeichen. Ausgehend von ihren Erfahrungen, dass die Poesie in den drei benachbarten Sprachräumen Deutschland, Niederlande und Flandern „höchst lebendig, vielfältig und immer wieder überraschenden“ ist, wollen sie mit der Herausgabe dieses Magazins den bereits bestehenden literarischen Austausch zwischen Lyrikerinnen und Lyriker aus den drei Sprachlandschaften vertiefen. Grundlage für diese institutionalisierte Annäherung ist der sprachliche Übersetzungsprozess, der in der vorliegenden ersten Ausgabe eine ebenso wesentliche Rolle wie die abgedruckten Gedichte, Essays, Fragebögen, Empfehlungen für Poesie-Zeitschriften wie auch die Hinweise auf jüngst publizierte Poesieübersetzungen spielt.

Bereits die eingangs abgedruckten Beiträge führen in unterschiedliche Bereiche der internationalisierten Poesiewelten. Bak Kwakmann, der aus den Niederlanden stammende Direktor des Berliner Poesiefestivals 2016, verweist auf markante Stellungnahmen von Teilnehmern /innen zu Repressionen in Staaten wie die Türkei, Israel, Ukraine und Polen. Esther Kinsky, eine renommierte, international anerkannte deutsche Dichterin, Übersetzerin und Schriftstellerin empfiehlt Friederike Mayröckers Gedichtband dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif. Der niederländische Dichter Carl De Strycker gibt Auskunft über sein literarisches Schaffen und verweist auf Übersetzungen, die in der Zeitschrift Poȅziekrant erscheinen. Patrick Peeters präsentiert einen literarhistorischen Beitrag über die Poesie in Flandern ab 1945: dynamisch, offen und vielfältig, in dem die Rolle der Poesie in der kulturellen Öffentlichkeit wie auch in den Schulen Belgiens erläutert wird. Es ist auffallend, dass der literaturdidaktischen Arbeit in diesen Nachbarländern viel mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als in Deutschland. Und dieser Erfahrungsaustausch ist auch ein Schwerpunkt der mit viel Elan gegründeten Zeitschrift.

Im Mittelteil der Trimaran stellen zwei Dichterpaare gegenseitig Gedichte unter Einbeziehung ihrer aus der jeweilig anderen Sprache übersetzten Gedichte vor. So überträgt der deutschsprachige Ulrich Koch auf der Grundlage von Interlinearübertragungen Gedichte von Erik Spinoy aus Lüttich und im Gegenzug präsentiert Erik Spinoy Gedichte seines deutschsprachigen Kollegen. Während die beiden sich erst während der Entstehung der Zeitschrift kennenlernten, fand der dichterische Dialog zwischen Esther Kinsky und Annelie David bereits vor der Entstehung der Zeitschrift statt. Das verdeutlicht auch die zwischen beiden Dichterinnen im Jahr 2016/17 abgelaufene Korrespondenz, die ebenfalls in Trimaran abgedruckt ist. Um den druckgrafischen Charakter der Zeitschrift aufzulockern, sorgen zahlreiche Farb- und Schwarz-Weiß- Photographien für optisch verdichtete Leseeidrücke.

Ein ganz besonderes Highlight ist das im Schlussteil publizierte Selbstporträt von Manfred Metzner, Verlagsleiter von Das Wunderhorn, einem besonders zu empfehlenden Verlag, in dem bislang rund 230 Gedichtbände veröffentlicht wurden. Er verweist auf die in jüngster Zeit nach 2007 entstehenden Lyrik-Anthologien, die sich dem lyrischen Dialog zwischen Europa und anderen Kontinenten im Rahmen von länderübergreifenden Projekten widmen. Aufschlussreich für die Rezeption der oft vernachlässigten Poesie sind die im letzten Teil der Zeitschrift abgedruckten Interviews mit Literaturkolumnisten, Verlegern und Dichterinnen aus den drei Ländern. Ihre Aussagen greifen einige wesentliche Phänomene im gegenwärtigen sprachlich-turbulenten Entwicklungsprozess im Deutschen, Flämischen und Niederländischen auf.

Die abschließend abgedruckten Publikationen zur Lyrik, darunter auch Übersetzungen von Ernst Jandl, A.C. Artmann und Hans Arp, wie die Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren und der Übersetzerinnen und Übersetzer verstärken den Eindruck, dass mit der 2019 erschienenen Trimaran die europäische Lyrik in internationale Gewässer vorgestoßen ist. Ob ein solch starker Impuls von anderen europäischen Ländern aufgegriffen wird, hängt auch von der zukünftigen Zusammenarbeit zwischen den EU-Ländern ab.

Uitgever Kunststiftung NRW & Nederlands Letterenfonds Amsterdam (Hg.)
Trimaran (# 01/2019) / Lyrikmagazin für Deutschland, Flandern und die Niederlande
Lilienfeld
2019 · 136 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-940357-76-2
ISSN:
2567-1987

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