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Kritik

tantchenschema

Hamburg

Ulf Stolterfoht knüpft den Teppich. In seiner unverwechselbaren Weise ist nach vier Bänden Fachsprache bei Urs Engeler nun die lang erwartete Fortsetzung Fachsprachen XXXVII-XLV bei kookbooks erschienen. Das Projekt, das wie es heißt auf insgesamt neun Bände angelegt ist, führt Sprechen in Sprechs vor. Abschnitte widmen sich mal mehr, mal weniger verschleiert Perioden des Sprechens mit ihren jeweils ausgebildeten Weisen. Zwar ist nur ein Gutteil wirklich Vorgefundenes, neben Rhythmen, Grammatiken, Ortsnamen, Autos und vielviel Musik und Geist auch Historien und fakes à la, der Rest oder das Große ist die typischerweise nicht mehr weiße Seite Stolterfohts: von breiten Langversen und Balkenstrophen gepflastert, eine arbeitsame Ziegelei der Lyrik, voller Überraschungen, Freiheiten und Spielen.

Was nun diese neueste Sammlung angeht, so klärt eine Einladungsgalerie am Ende auf, dass die einzelnen Abschnitte jeweils über einen Zeitraum von vielen Jahren entstanden sind, hier also sozusagen als Kompilation einer für viele Anlässe entstandenen Auseinandersetzung Stolterfohts zu Themen vorliegen, ein Verstreutes-Album, wenn man so will, innerhalb dieser großen "fachsprachlichen" Klammer. Die Buchklammer in Stringenz und Sequenz allerdings fehlt, und für die Werkvertrauteren bietet sich nicht unbedingt eine Lektion in Unerwartbarem. Vielmehr hat man es mit einer Art Ambient zu tun. In jedem Dichtungsraum knüpft Stolterfoht komplexe Strukturen aus geliehenen Vokabeln und Stilen, die Pseudo-Saga Holmgang zum Beispiel, ohne jedoch die Wucht der Topoi in den Vordergrund zu lassen. Vielmehr bilden sich scheinende Oberflächen mit lustvollen Anglizismen, Raps oder Expressionismen, bei denen wie bei einer humorigen Fibel die Gedichte ständig von sich selbst unterbrochen und kommentiert werden: gleich kommts..spielt aber keine weitere Rolle..wir kommen gut rein..das stimmt..man..wir..das ist registriert usf. Dadurch wird jeder Ismus vermieden, kommt Kitsch nicht auf, allerdings auch nicht unbedingt Flow im Sinne Bandspanne. Je Abschnitt mag man auf seine Kosten kommen, für alle, die Heslach oder Neu-Jerusalem kosteten, viele tonale Grundfiguren zwischen Manischem und Tieren, Gruppenbewegung und Dorfschildern fügen sich nahtlos an.

Dennoch gibt es einige fast ausreißende Gedichte, die durchaus persönlich gefärbt scheinende Koordinaten anbieten, jenseits dieser Roben aus sich häufig wie lustig machender Sprechenden-Lyrik. Z.B. (9) in fachsprachen XLI aggregate:

ich mache die sache und du macht sie nicht – das ist vielleicht
der unterschied. oder du machst sie doch, aber anders – dann
wäre das der unterschied. ich mache die sache. du machst sie
anders oder nicht. ich mache die sache. du machst sie nicht. oder

doch? dann sag: wie machst du die sache? gut oder schlicht? wo-
möglich nach vorschrift? dann machst du sie nicht. ich mache die
sache. du machst sie nicht. du machst sie schlecht, zwischen uns
passt ein baum. du entstammst einem raum? gut. du hältst die ber-

liner lyrik für stylish und schwierig? gut. in teilen langwierig? gut.
doch bedenke: wir machen die sache. du machst sie nicht. oder
schlicht. also schlecht. dein gutes recht. du machst die sache in
sachsen? das ist wahrscheinlich möglich. die sache lässt sich auch

in hessen machen, in franken, pommern und schwaben. gar keine
frage. zwischen uns passt ein ast. passt ein schwamm. aber pisst uns
nicht an. wir sind ein haufen uns reichlich gefährlich – wenn wir
nicht grad die sache machen. wir machen sie gut. und voller glut

und lernen voneinander. sich messen an den liebsten – das ist der
kick. es gibt kein zurück. zwischen uns passt ein hauch. und – kein
scheiß: komm zu uns und stell deine sache unter beweis. willst du
gewinnen, bleibst du zuhaus. willst du es machen, trägst du es aus.

Der ganze Band ist gefüllt mit Absurdismen, neo-logistischem Slapstick und trash und einer detailverliebten Achtung für Namen. Stolterfoht schafft es, verbunden durch ihre laut/ rhythmische Struktur, alle möglichen Seme und Silben, Benennungen, Termini und Tu-Wörter (und anderes) miteinander zu verhaften und solcherart in Beziehung zu setzen. Sie fangen an zu hüpfen und keilen überall hin, so man sie lässt. Ob jenseits dieser strukturbildenden Eigenschaften die Teppiche der fachsprachen mehr können, überlässt Stolterfoht gern den Lesenden, vergnüglich durch die Assoziationsräume geführt. Oder wie es in (2) aus in fachsprachen XLI heißt

[...] meine sprache ist eine stumpfe sprache: jedes urteil ist sus-
pendiert, der terror des sinns ist aufgehoben. sie szene ist "elektrisch". [...]

Dance to it.

Ulf Stolterfoht
fachsprachen XXXVII-XLV
kookbooks
2018 · 112 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3937445939

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