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Kritik

Der lange Marsch durch die Illusionen

Hamburg

Ulla Hahns neuer Roman, Wir werden erwartet, schließt als vierter Band ihren umfangreichen, autobiografisch gefärbten Zyklus über den Lebensweg ihres Alter Ego Hilla Palm ab. Das katholische Arbeiterkind beginnt in Köln mit dem Studium der Germanistik und gerät in die turbulente Zeit der 68iger und früher 70iger Jahre. Diese beschreibt Ulla Hahn mit vielen Details und anhand so ziemlich aller wesentlichen politischen und kulturellen Ereignissen. So bleibt es nicht aus, dass ich mich, die ich zur gleichen Zeit (allerdings im braven Mannheim) studiert habe, mich in zahlreichen Beschreibungen der politischen Diskussionen der sogenannten K-Gruppen wiederfinde. In meinen WGs hingen ebenfalls Plakate von Che Guevara und Angela Davis und natürlich habe auch ich die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss gelesen sowie mich über den Friedensnobelpreis für Willy Brandt gefreut.

Im ersten Teil des Romans muss Hilla Palm erst einmal mit ganz anderen Problemen fertig werden, denn ihr Geliebter Hugo, den wir schon aus dem vorangehenden Band kennen, stirbt bei einem Autounfall, was die junge Frau naturgemäß völlig aus der Bahn wirft. Sie nimmt Pillen, probiert Drogen aus, stürzt sich ins studentische Partyleben und begegnet linken Gruppen anfangs recht distanziert.

Auch hier galt eine Kleiderordnung. Rissige Jeans, Mähnen, Bärte: K-Gruppen und Maoisten. Scheitel, Bügelfalte, Lederjacke: die Traditionalisten, DKP und Spartakus, die von Lenin und der Sowjetunion sprachen wie die Großmutter einst vom Papst und Vatikan.

Dieser etwas klischeehaften Kleider- Einteilung folgt eine Beschreibung der damaligen Stimmungslage, die die Realität eher trifft:

Die Musik verband alles und alle mit allem. Politik und Party, Haschisch und Habermas, Beatles und Bakunin, Lenin und Liebe, Marx und Mao, The Who und Abendroth, Links ist, wo das Herz schlägt. Und Links hatte ein weites Herz, da passten wir alle rein. Noch. Links war gut und gut waren wir alle. Weil wir uns gut fühlten. Solange die Beatles sangen She loves you, und wir reinen Herzens brüllen konnten: Yeah Yeah Yeah.

Obwohl sie anfangs allen K-Gruppen skeptisch gegenübersteht, tritt sie durch den Einfluss ihrer neuen Freundin Marga in die DKP ein und begründet an mehreren Textstellen, diesen Entschluss. So nennt sie den Wunsch, die Theorie durch Praxis beweisen zu können, will großen Worten politische Kleinarbeit gegenüberstellen und sei von Margas Energie und Begeisterung angesteckt. Diese Textstellen, die sich um Hillas Parteieintritt bewegen, sind für mich die Schlüsselstellen in dem Roman, denn erstens wird für mich nicht ganz deutlich, weshalb sie in die DKP eingetreten ist und zweitens lesen sich die Stellen wie eine Rechtfertigung nicht nur der Protagonistin, sondern mehr noch der Autorin.

Dass dies so ist, zeigt auch ein Kommentar Ulla Hahns, mit dem sie – wie auch an anderen Stellen – aus der Erzählung heraustritt und aus heutiger Sicht diesen Schritt erläutert.

Viel später fragte ich mich, ob ich Marga auch in eine der K-Gruppen oder in die SPD mit ihrer Stamokap-Fraktion gefolgt wäre? Nicht von der Hand zu weisen, musste ich mir eingestehen. Wie bei vielen war auch »die Sache« eng verbunden mit der Person, die sie vertrat, nein verkörperte. Eine Überzeugung verkörpern, besser kann man es nicht sagen. Menschen wie Marga versprechen Halt und Sicherheit und ich brauchte damals beides.

Folgerichtig beschreibt Ulla Hahn die rasche Entfremdung ihrer Protagonistin von der Partei. Da merkt die zukünftige Schriftstellerin bald den phrasenhaften Umgang mit Worten und weil in einer Parteiversammlung das Wort »Herz« aus einer Grundsatzerklärung gestrichen wird, denkt sie bereits wieder an Austritt. Dazu sollte es so schnell nicht kommen. Die Begegnung mit alten Genossen, die unter den Nazis wegen ihrer KPD-Mitgliedschaft gelitten hatten, hält sie, wie auch mehrmals später, von diesem Schritt zurück.

Ich gab das Parteibuch nicht zurück. Es musste eine Verbindung geben von unseren heutigen Erfahrungen zu diesen Foltern, diesem zerquälten Rücken. Von unserer Gegenwart zur Geschichte der Arbeiterbewegung.

In diesem Zusammenhang verweist Hilla auf die Ähnlichkeit ihrer Haltung der Katholischen Kirche und der Partei gegenüber.

Zudem: Ich brachte alles mit, was man für eine Religion braucht. Bindungswille, Ergebenheit. Den bereitwilligen Blick, die Wirklichkeit zu formen nach einer höheren Wahrheit. Die Wahrheit der Kirche. Die Wahrheit der Partei.

Wegen ihrer Doktorarbeit zieht Hilla von Köln nach Hamburg, wohnt zusammen mit Marga in einer WG und wird dort bald auf verschiedenen Bereichen in die Parteiarbeit hineingezogen. Sie klebt Plakate, verkauft die Parteizeitung UZ und kämpft in Wohngebietsgruppen für Sandkästen. Gleichzeitig verzweifelt sie immer wieder am Dogmatismus der Partei und fühlt sich bei der in der Hierarchie aufgestiegenen Marga nicht mehr wohl,

hatte die Parteiarbeiterin hinter der Freundin … nicht erkannt.

Ähnlich widersprüchlich wie Hillas (und Ulla Hahns) Gründe für den Parteieintritt ist ihre Haltung gegenüber der DDR. Schon ehe sie im Rahmen einer DKP-Reise in die DDR reist, stellt sie Margas enthusiastischen Bericht über Arbeiterfestspiele in Frage. Und wenn sie später behaupt, sich in der DDR am rechten Fleck, im richtigen Vaterland zu fühlen, nimmt man ihr das nicht so recht ab. Auch wundere ich mich über ihr Erstaunen an der Grenze kontrolliert zu werden und nicht jedes Buch mit ins Land nehmen zu dürfen. Auch dass Akademikerkinder nur bedingt studieren können und dass Literatur zensiert wird, hat man im Westen schon gehört. Jedenfalls wird dieses richtige Vaterland größtenteils sehr negativ und über weite Strecken ironisch beschrieben. Diese mangelnde Eindeutigkeit ihres Verhaltens im Zusammenhang mit der DKP und den Genossen zieht sich durch das ganze Buch und macht es dem Leser manchmal schwierig, die wahren Gefühle der Protagonistin zu erkennen.

Eindeutig sind hingegen die beiden anderen Lebenslinien, die Hillas Leben neben ihrem politischen Engagement bestimmen. So macht sie in Bezug auf ihre Familie eine Entwicklung durch und entwickelt für ihre Eltern, vor allem für ihren Vater großes Verständnis. Diese Textstellen sind ganz eindeutig und sehr zart.

Als ich Abschied nahm, ließ ich zwei Kinder zurück. Sie hießen Maria und Josef Palm. Meine Schützlinge. Und ich schwor mir, ihnen Tochter zu sein und Vater und Mutter und alles zu tun, damit ihre kommende Zeit eine glückliche Zeit sein würde.
Sie standen am Gartentor und sahen mir nach. Und ich drehte mich um wieder und wieder und dachte: Vielleicht ist man nur zu Hause, wo man sich umdreht, wenn man weggeht.

Dann ist da noch der Weg Ulla Hahns zur Lyrikerin und durch die zahlreichen Gedichte werden Fiktion und Realität ein weiteres Mal vermischt.

Die Ablehnung des Eurokommunismus durch die DKP und die Ausbürgerung Wolf Biermanns sind übrigens die letzten Gründe, weshalb Hilla ihr Parteibuch zurückgibt.

Ulla Hahn
Wir werden erwartet
DVA
2017 · 640 Seiten · 28,00 Euro
ISBN:
978-3-421-04782-3

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