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Kritik

Der aufrechte Gang der Bäume

Ulrich Kochs akrobatische Buchstaben-Entfesselung
Hamburg

Öffnet man Ulrich Kochs neuen Gedichtband, mutet es an, als stünde man vor einem schillernden Vollblutgestüt von Pegasussen, diesen schwer zu bändigenden Zwitterwesen, die irgendwo unbehaust zwischen Wirklichkeit & Phantasie weiden und einen, ergreift man die Gelegenheit, direkt in ein Land voll schauerlich-schönster Stimmungen führen, das man am liebsten gar nicht mehr verlassen möchte ... Was im ersten Moment vielleicht allzu verschnörkelt für den Auftakt einer Rezension daherkommt, hat seine Berechtigung; denn Ulrich Kochs Gedichte tragen den Leser nicht in die (wie auch immer beschaffene) Realität hinein-, sondern vielmehr aus ihr heraus. Man gelangt jedoch in keine exotische Fremde, man bleibt genau dort stehen, wo man zu lesen begonnen hat, nur sieht man das Altbekannte jetzt ganz anders:

Ich klebe meine zerkauten Augen
unter die Tischkanten vergangener Tage,

von dort kann man sie wieder vorholen, abwischen und weiterkauen. Ungewöhnlich an allen Gedichten des Bands ist die völlige Aufhebung der Zeit. Ein Vorgang, der unmittelbar zur Sprache kommt, wenn etwa ein „Greis in Turnschuhen“ durch die Küchentür der Kindheit tritt oder die angeblichen Notizen eines Zwölfjährigen zur Niederschrift finden. Aber diese erinnernde Rückgewinnung ist nicht die vorherrschende, offensichtlichste Methode zur Aufhebung der Zeit. Ulrich Koch addiert einzelne Eindrücke zu Berichten, daraus entwickelt sich jedoch kein narrativer Faden, entsteht keine Linearität; der kausale Zusammenhang und die zeitliche Einheit werden im Gegenteil jeweils zunehmend porös. Jeder Text erzeugt sein eigenes Sinnmuster, nämlich individuell hingetupfte Impressionen, Schlaglichter auf einer opaken Fläche, Stimmungsmalerei in Form einer Collage von Metaphern & Wortbildern. Das ergibt nie, wie man fürchten könnte, den Eindruck des Zerrissenen, Gestückelten, denn alles geht in einem duftigen Gesamtbild auf, leicht, schwebend, ineinanderfließend, hellbuntes Gras auf dürftigem Grund.

Unter den Kanalbrücken
wird das Haar wieder länger.

Bald bin ich den Bäumen
nicht mehr gewachsen.

Ich spreche mit niemand
und mit mir selbst
selten im Gedicht

und manchmal noch mit Tieren
im Glauben, daß sie mich verstehn,
während sie es tatsächlich tun.

Ich bin geblieben, als wär ich
gerade zurückgekehrt.

Ich will was sagen, aber
die Rehe fliehen.

Der an dieser Stelle beiläufig eingestreute Hinweis, daß der Autor selten mit sich selbst im Gedicht spreche, verdient genauer untersucht zu werden. Monologisch sind im Allgemeinen viele Gedichte, einige verweigern gar die Kommunikation, doch ist das hier nicht gemeint. Das „Ich“ im Gedicht bzw. der Schreibende scheint in dauernder Metamorphose begriffen, einige Details sind wohl tatsächlich der biographischen Lebenswelt entnommen, andere der Phantasie entsprungen, denn die Masken, in die das Ich schlüpft, sind vielfältig und als solche nicht immer zu erkennen. Es handelt sich um Versuche, das eigene Ich in vielen anderen zu erreichen. Unschärfe und Fließendes sind ihre erklärten elementaren Prinzipien, die ein Paradox erzeugen: das im Buchtitel beschworene „Selbst in hoher Auflösung“ hat im dissoluten Zustand die größte Scharfstellung erreicht. Zu einem solchen poetischen Prinzip paßt, daß eine — scheinbar — genaue Beschreibung wie:

Ein warmer Novembermorgen.
Die Feldwege sehen noch einsamer aus.
Ich erkläre mich einverstanden mit dem spärlichen Licht.

in unmittelbarer Nachbarschaft steht zum Bild, zur Metapher, zum Wortspiel, die ganz eigene Realitäten generieren; der folgende Absatz lautet denn auch:

Der Apfelbaum auf der Streuobstwiese
hat den Funkkontakt verloren.

Doch das geschieht meist unbemerkt, im Zauberstabumdrehen, plötzlich ist das Wortspiel die Realität, und zwar eine des geradezu kindlichen Staunens. Man könnte glauben, ein greises Kind schriebe, das alles neu und wie zum ersten Mal sieht, obwohl ihm schon alles bekannt ist. Ulrich Kochs Imagination scheint dabei kaum Grenzen gesetzt zu sein; die Wie-Vergleiche scheren sich einen Dreck um ihre angebliche Antiquiertheit, sie feiern Urstände, daß es nur so funkelt und sprüht. Vieles erinnert an surrealistische Poesie. Allerdings hat Ulrich Koch einen anderen Wirklichkeitsbezug und verfolgt völlig unterschiedliche Absichten. Jede einzelne Zeile wäre es wert, daß man sie zitiert; denn jede Zeile ist eine Welt für sich, ein Bild-Aphorismus. Was den Gedichten an weitläufigen argumentativen Zusammenhängen fehlt, machen sie wett durch starke Stimmungen. Daß das wunderbar funktioniert, zeigen beispielsweise die fingierten Dialoge im vierten Teil (ihr Titel besteht nur aus dem jeweiligen Datum), ein Pingpongspiel der Ideen, das ein vordergründiges Eingehen der ‚Gesprächs’partner aufeinander zugunsten verborgener Sinnbeziehungen meidet — oder solcher, die erst der Leser herstellen muß.

Dieses Gedicht beschäftigt weltweit zwei Menschen,

heißt es einmal im resignierten Ton, der so aussichtslos nicht ist, daß ihm nicht doch ein subtiles Wortspiel von der Zunge schlüpfte. Es bleibt zu hoffen, daß der Band deutlich mehr Leser und Leserinnen als nur diese zwei erreichen wird. Ob es wirklich so wenige „großartige Dichter“ in diesem Land gibt, wie Thomas Kunst auf dem Buchumschlag orakelt, wage ich mit einigem Recht anzuzweifeln, andererseits, Scharen sind es gewiß nicht ... Auch ohne einen solchen eher abschreckenden als werbewirksamen Holzhammer-Eyecatcher bestätigt sich, daß Ulrich Kochs Gedichte die wunderbaren Phantasien eines menschenscheuen Philanthropen, eines fröhlichen Melancholikers sind, der mit genauer Empfindung und subtiler Darstellung die Runzeln der Welt ausforscht. Nach der Lektüre ist die Welt unbedingt eine andere: kindlicher, trauriger, bunter —: was ließe sich Schöneres über einen Gedichtband sagen? Man nimmt teil an Tod, Verlust, Einsamkeit, übt aber auch „den aufrechten Gang der Bäume“ gemeinsam mit den Bäumen.

Ulrich Koch
Selbst in hoher Auflösung
Jung und Jung
2017 · 160 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
978-3-99027-098-1

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