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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

„Das Alter, das einem blüht.“

Hamburg

Seit Jahren boomen Ratgeberbücher und Biografien. Oft sind es vermischte Erzeugnisse, die sich aus dem eigenen Erleben speisen und persönliche Erkenntnisse als Lebensweisheiten der Öffentlichkeit servieren. Zuweilen winkt der Promibonus, der aufs voyeuristische Moment setzt und uns offenbart, dass auch Herr und Frau Promi sich mit Unzulänglichkeiten herumschlägt, die dann mehr oder weniger geschönt für eine interessierte Gefolgschaft zwischen zwei Buchdeckel gepasst werden.

Als ich knapp zwanzig Jahre war, flatterte mir ein Buch ins Haus, das Frauen die Wonnen der Wechseljahre nahe bringen wollte. Es war ein Geschenk einer gleichaltrigen Freundin, das über die Schenkende mehr sagte, als über die Beschenkte, die indigniert in diesem Ratgeber für die Frau über 50 blätterte. Mein heutiges Ich kann allerdings das Innovative und den Tabubruch erkennen, der darin bestand, dass sich eine Frau der 1970er Jahre selbst ermächtigte und, ermutigt durch Feministinnen wie Alice Schwarzer, Simone de Beauvoir und andere, über die Veränderungen ihrer reifenden Körper, Triebe, Lüste und ihres Intellekts in aller Offenheit berichtete.

Seither gab es zahlreiche Werke, die sich mit dem weiblichen Altern auseinandersetzten, gebundenes Papier, auf dem fast immer anekdotisch aus dem eigenen Erleben berichtet, die weiblichen Wechseljahre gefeiert, die Lust, endlich 50 zu sein, behauptet oder versucht wird, einer weiszumachen, dass man die ersten 50 Lebensjahre nur existierte, um dann, im 6. Lebensjahrzehnt von irgendetwas irgendwie befreit, noch einmal durchstarten und endlich so richtig aus dem Vollen schöpfen zu können. Dieses „Irgendetwas“ ist mal der Mann, den man von der Bettkante stieß oder der sich eines Tages zu einer Jüngeren vertschüsste, mal sind es die Kinder, die, flügge geworden, das mütterliche Heim verlassen, mal der Tod der gebrechlichen Eltern, der von Betreuungspflichten entbindet, und fast immer wird die Befreiung von monatlichen Blutungen gefeiert. Es wird wohl genug Markt für solche „Lebenshilfen“ geben, sonst würden sie nicht gedruckt werden. Schließlich werden wir alle älter und irgendwann alt, wenn wir uns nicht jung genug aus dem Staub machen.

Nun erzählt die Autorin und Intellektuelle Ulrike Draesner über die Mitten ihres Lebens. 2016 erschien ihr Hörbuch „Happy Aging“, in dem sie bereits ihre Wechseljahre thematisierte. Der leicht ironische Titel traf Ton und Anliegen von Draesners Ausführungen rund um ein glückendes Altern, die nun in Buchform vorliegen: Die Verwandlungsprozesse nicht zu verneinen, sondern sie offen in den Blick zu nehmen und die Veränderungen als Möglichkeiten zu sehen. Das Distanzierende des Buchtitels aber irritiert: „Eine Frau wird älter.“ Eigentlich müsste es „Ich werde älter“ heißen, denn „eine Frau“ ist Draesner selbst. Sie ist jenes Ich in den Wechseljahren, das sie in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellt, ein Ich, das der Bedeutung dieser Wechseljahre für die eigene Gegenwart und Zukunft nachspürt, denn

[d]ie üblichen Zuschreibungen (Wechseljahre, ältere Frau, nicht mehr familiengründungsfähig, asexuell) fand ich, gelinde ausgedrückt, nicht ideal.

Anlass ihres Nachdenkens war die abrupte Konfrontation mit Altersfragen, als sie nach zwanzig Jahren Beziehung von ihrem Mann verlassen wurde, der sich, ganz klassisch, einen „neuen Spiegel“ suchte und mit einer Jüngeren eine neue Familie gründete.

Ich war 37 geworden, hatte geheiratet, ich war 40 geworden, wir hatten gefeiert, ich war 47, wir versorgten ein dreijähriges Kind, ich wurde 49 und machte kein Geheimnis daraus, ich arbeitete, es ging mir gut. Kaum sah ich mich um, wurde ich 50, ich feierte diesen Geburtstag, nicht wir, kaum hatte ich mich umgesehen, bestand meine Familie nur mehr aus mir und meinem Kind. Als alleinerziehende Mutter war ich nun exakt das, wovor ich ein Leben lang davongelaufen war.

Dieses Ich ist „wütend, verletzt und traurig“, versucht der narzisstischen Kränkung beizukommen, die sie auch mit dem eigenen Altern konfrontiert. Draesner gesteht ihre bisherige Ahnungslosigkeit über das Altern als Frau zwischen 40 und 60, das sie bloß als ein Sprechen im Modus des Defizits wahrnahm oder im Zusammenhang mit medizinischer Fürsorge. Draesner beginnt nachzuforschen, wo, wie und als wer die Frau in den Wechseljahren in unserer Gesellschaft vorkommt, als sie bemerkt, dass sie auf einmal wie eine Mischung aus nützlichem Neutrum und einer Art sprechfähigem Möbelstück betrachtet wird. In mäandernden Bögen erzählt sie von ihrer Kindheit, in der Älterwerden verhieß, beim Sitzen endlich nicht mehr mit den Füßen in der Luft zu baumeln, von ihrem neugierigen Blick auf die Körper ihrer Großmütter, die nächtliche „Exterritorialisierung“ dritter Zähne im Wasserglas und dem in ihrer Familie geübten Umgang mit „den Alten“. Sie spricht über ihre 33 Jahre ältere Mutter, die „immer 39 bleiben“ wollte, erst in hohem Alter „über die Altersschwelle“ trat und mit dem Färben ihrer Haare aufhörte.

Die Tochter jedoch entscheidet sich gegen das Blüte-Verfall-Modell, das mit Anlauf, Höhepunkt und jahrzehntelanger Talfahrt den Verlauf jedes Menschenlebens beschreibt. Draesner entlarvt solche Denkmuster als sozio-kulturelle Konstrukte und setzt Auf- und Abstieg ein anderes Konzept der Entwicklung entgegen,

ein planes Fortschreiten in der Zeit als die Möglichkeit, als Mensch Facette um Facette ins Leben zu treten.

Draesner erzählt über sich selbst, über Altern als Aufgabe, Privileg und Geschenk. Sie beschreibt das Auseinanderklaffen von Innen- und Außenbild, erzählt von ihrem inneren, alterslosen Ich, dem ein anders mit weißem Haar, zunehmenden Falten und Runzeln aus dem Spiegel entgegenblickt. Konsequent lehnt sie das Wort „Menopause“ ab und ersetzt es durch das Wort „Metamorphose“. Denn sie pausiere nicht, sondern verändere sich. Mit

Ich werde „schichtiger“

beschreibt Draesner die Um- und Verwandlungen ihres Lebens, die mit der Geburt begannen, sich in der kontinuierlichen Erneuerung der Körperzellen auf mikroskopischer Ebene fortsetzen und nicht zuletzt in der „Freiheit des Alterns“ enden, die sowohl eine Freiheit von, als auch eine Freiheit für etwas ist. Draesner hinterfragt Schönheitsbilder, streift das Thema körperliche Fitness und widmet sich den Eigengesetzlichkeiten des weiblichen Oberarms. Und sie erzählt von hormonellen Irrfahrten, Irrtümern und Verheißungen, etwa von frühen Lektüren wie „Was Mädchen mit 12 wissen wollen“ als Zehnjährige auf einer Klassenfahrt, den Umständen ihrer ersten Monatsblutung und sie beschreibt Pubertät wie Wechseljahre als ähnlich komplexe Prozesse körperlicher Veränderungen, die mit Unsicherheit und Scham verbunden seien. Draesner führt auch die sich verändernden Bedürfnisse ihres Körpers nach Zärtlichkeit, Nähe, Begehren und Sex aus, ihr Abarbeiten an Rollenklischees, die Attraktivität jüngerer Männer und ihre Erfahrungen mit Datingplattformen.

Erst spät fühlte sich Draesner durch ihre Mutterschaft als in die Mitte der Generationenfolge eingetreten und erlebt nun das Privileg der sechsten Lebensdekade, deren „doppeltes Gesicht“ ermögliche, in zwei Richtungen zugleich zu sehen und mit der Generation vor und nach ihr „wissend“ verbunden zu sein. Dieses „wissend“ muss man angesichts der Lektüre in Zweifel ziehen. Denn das Ich hebt sich heraus, betrachtet von einem Inselpodest aus die vor und nach ihr kommende Generation und gibt sich mit einem Glauben und Vermuten zufrieden, das sich aus Beobachtungen dieses Ichs speist, das am eigenen Maßstab wertet. Dieses Nichtwissen gesteht Draesner zuweilen auch ein:

Bis heute weiß ich nicht, wie meine Mutter ihre Weiblichkeit empfindet und für sich entwirft. Allemal weiß ich nichts zu ihrer Weiblichkeit im Alterungsprozess. Es gibt kein Gespräch zu diesen Themen.

Wenn das Gespräch mit der eigenen Mutter schon nicht glückte, dann hätte Draesner allerdings mit anderen Vertreterinnen der Vorgängerinnengeneration über deren Wechseljahre sprechen können, ja müssen. Mehr noch: Das vorliegende Buch wäre vor 40 Jahren ein passendes Buch für Frauen in ihren Wechseljahren und als solches wagemutig und innovativ gewesen. Das sage ich im Wissen, derselben Generation wie Ulrike Draesner anzugehören. Doch 2018 man kann meiner Meinung nach kein relevantes Buch über die weiblichen Wechseljahre mehr veröffentlichen, das die Arbeiten der Vorgängerinnengeneration völlig außer Acht lässt. Oder anders ausgedrückt: Draesners Buch versucht den Eindruck zu erwecken, als sei sie die erste Frau, die sich mutig, ehrlich und zum Teil schonungslos mit den eigenen Wechseljahren auseinandersetzt. Doch nicht nur die Person Draesner, sondern auch ihr Buch steht in einer Generationenfolge. Wie schrieb man früher, vor 50 oder 30 Jahren, über die Wechseljahre, wie kann man heute darüber sprechen, was hat sich verändert? Die Autorin hätte Kenntnis haben und geben müssen von Auseinandersetzungen heute alter oder schon verstorbener Frauen mit ihren Metamorphosen, sich daran reiben und Erkenntnisse gewinnen können, die über die eigene Begrenztheit hinausgehen. Diese Möglichkeit blieb ungenützt. Und auch der Austausch mit Frauen gleichen Alters kommt in ihrem Buch zu kurz.

Als Frau, Tochter und Mutter kritisiere ich allerdings einen anderen Punkt, Draesners um das eigene Ego rotierenden Blick auf die nachfolgende Generation, der sich auf jene der Tochter beschränkt. Sie hat als reflektierende Autorin in aller Freiheit bewusst entschieden, was sie von sich selbst in ihrem Buch preisgibt. Dass sie als Mutter die sensible Phase der Pubertät ihrer Tochter und deren erste Regelblutung ans Licht der Öffentlichkeit zerrt, halte ich für einen schwer erträglichen Übergriff, der Grenzen und kindliche Persönlichkeitsrechte verletzt, selbst dann, wenn ihre Teenagertochter sich damit im Vorfeld einverstanden erklärt haben sollte.

Und so kann ich der am Buchdeckel abgedruckten Einschätzung „klug, unerschrocken, liebenswert“ (Zit. Sandra Kegel, FAZ) nicht vorbehaltlos zustimmen. Es ist ein persönliches Buch, in dem Draesner ihre Wechseljahre reflektiert, mit Anekdoten veranschaulicht und einen Blick in ihre nahe Zukunft wagt, ein leicht lesbares, im Plauderton geschriebenes, zum Teil amüsantes, selten überraschendes Werk, das unter der Höhe einer heute möglichen und wünschenswerten Auseinandersetzung mit den Wechseljahren bleibt.

Ulrike Draesner
Eine Frau wird älter / Ein Aufbruch
Penguin
2018 · 208 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-328-60002-2

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