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Kritik

Den "Greek way of life" verstehen

Hamburg

Ulrike Krasberg, die in Frankfurt am Main lebt, besitzt seit 1980 ein altes Steinhaus in Filia, einem sehr lebendigen Dorf auf der griechischen Insel Lesbos. Sie ist Ethnologin, und bei ihren ein bis zwei Aufenthalten pro Jahr in Filia kann sie quasi ihrem Beruf auch im privaten Rahmen nachgehen, Feldforschung vor Ort betreiben. Das war gar nicht so einfach, denn am Anfang haben die Dorfbewohner sie als einen Fremdkörper, eine, die nicht dazu gehört, behandelt. Es hat Jahre gedauert, gerade bei den alten Männern, bis sie im Dorf als vollwertiges Mitglied der Dorfgemeinschaft akzeptiert worden ist. Und so hatte und hat sie die Möglichkeit, griechisches Leben im ländlichen Bereich intensiv zu studieren, quasi als eine unter den Griechen (lebend).

Durch die griechische Staats- und Finanzkrise seit 2010 ist Ulrike Krasberg aufgerüttelt worden, hat doch das Bild, das die Medien von Griechenland, von den Griechen zeichnet, mit ihrer eigenen Wahrnehmung - vor Ort - nur wenig zu tun. Und so kam ihr die Idee zu "diesem Buchprojekt über das heutige Griechenland". Die wirklich große Aufgabe, die sie sich gestellt hat, war, die Identität Griechenlands, also der Griechen, ihr Selbstverständnis und Selbstbewusstsein, genau zu untersuchen. Dazu musste sie schon weit in die Geschichte zurückgreifen. Zu der griechischen Geschichte gehören dabei grob gesagt drei Abschnitte: die griechische Antike, das byzantinische Zeitalter und die Griechen im Osmanischen Reich. All diese Epochen haben gleichermaßen das heutige Griechenland geprägt - das ist quasi die Kernaussage dieses Buches, die nicht selbstverständlich ist. Durch die Betrachtung der griechischen Geschichte ist das Buch schon recht "belesen" geworden, ist in seinem Kern ein Sach- wenn nicht sogar Fachbuch. Was es aber auszeichnet, und es damit auch für ganz normale Menschen so lesenswert macht, sind die zahlreichen selbst erlebten Episoden, die Krasberg an den verschiedenen Stellen im Buch immer wieder geschickt einfügt. Also das, was sie in ihrem Dorf selbst erlebt hat, was ihr die Nachbarn erzählt haben, aber auch anderes, was sie - als scharfe Beobachterin - auf ihren griechischen Reisen erlebt und erfahren hat.

Gleich zu Beginn des Buches räumt Krasberg auf mit dem Begriff Nation: "nicht nur die Griechen [gehen] mit einer erlernten, ja weitgehend erfundenen nationalen Identität durchs Leben". Die Gleichung "eine Nation = ein Volk + eine Kultur + eine Sprache + ein festumrissenes Territorium" geht geschichtlich betrachtet nicht auf. Europa hat sich dabei immer vom Osten abgegrenzt, das heißt vom Islam, aber auch vom orthodoxen Christentum. Demnach gehört Griechenland nicht zu Europa. Nur dadurch, dass Griechenland auf sein antikes Erbe, als "die Wiege der Demokratie", beschränkt wurde, konnte es zu Europa gehörig gezählt werden. Das ist die Sicht der europäischen Philhellenen, die damit das byzantinische Zeitalter ausblenden und "die Epoche Griechenlands als Teil des Osmanischen Reichs als beherrscht und fremdbestimmt durch die Türken definiert" haben.

Die offiziellen griechischen Staatsbürger bezeichnen sich als hellenisch, das ist die europäische Sicht. Daneben gibt es die romäische Identität, die auf der christlich-orthodoxen, byzantinischen Tradition Griechenlands fußt. Und dann gibt es Griechen, allen voran Nikos Kazantzakis, die "auf der Suche nach authentischer griechischer Lebensweise waren", dem "Greek way of life". Sie haben Griechenland nicht auf die Antike beschränkt, sondern auch das byzantinische sowie das osmanische Erbe als Teil des Griechischseins angenommen. Und erst in dieser Vollkommenheit zeigt sich der ganz eigene griechische Lebensstil, also "Griechenlands Identität".

Im vierten Kapitel geht Krasberg ein auf die ganz einzigartige Bedeutung der Familie für die Griechen. Die erweitere Familie ist in Griechenland eine staatlich unabhängige familiale Wirtschaftseinheit. Sie dient auch und gerade der Absicherung des Einzelnen, unabhängig vom Staat. Und diese Überlebensstrategie wurde über Jahrhunderte hinweg von den Griechen gelebt und geprägt, und ist auch heutzutage, in Zeiten der griechischen Krise, ein wesentliches Moment.

Die Bedeutung der sogenannten griechischen Gastarbeiter ab 1960 wird in mehrfacher Weise hervorgehoben. Anfangs haben deren Auslandsüberweisungen in die Heimat dazu geführt, dass die Lebensbedingungen der Griechen gerade im ländlichen Bereich sich verbessern konnten. Die dann ab den 1980er Jahren zurückgekehrten Gastarbeiter der ersten Generation haben in ihren Heimatdörfern Kafenía, Tavernen etc. eröffnet, und haben damit die wirtschaftliche Entwicklung in den Dörfern massiv verbessert. Zum anderen ist die "Weltoffenheit der griechischen Bevölkerung auch gerade auf dem Land, die sich in Mehrsprachigkeit und Gastfreundschaft zeigt“, darin zu sehen, dass es kein Dorf in Griechenland ohne Menschen mit Erfahrung der Arbeitsmigration mehr gibt.

Interessant sind auch die Parallelen zwischen dem aktuellen Geschehen in Griechenland und der Geschichte. "Zwischen 1879 und 1890 musste der Staat sechsmal weitere große Staatsanleihen im Ausland aufnehmen, die den Staatsbankrott 1893 aber nicht verhindern konnten. London, Berlin und Paris waren bereit, weitere Kredite zu geben unter der Bedingung, eine 'Internationale Finanzkommission' in Athen zu installieren, die die Schuldentilgung überwachen sollte." Heute nennt man so etwas Troika. Aufgrund der Kleinasiatischen Katastrophe von 1922 kam es zu einem Völkeraustausch zwischen Griechenland und der Türkei. Damals galt jemand als Grieche, wenn er einen orthodoxen Glauben hatte, und als Türke, wenn er muslimisch war. "Durch den Zuzug der Griechen aus dem anatolischen Festland und dem Pontos hatte Griechenland eine Flüchtlingsquote von ca. 25 %". Die Flüchtlingsproblematik ist für Griechenland also eigentlich nichts Neues.

Wer also etwas mehr über die modernen Griechen erfahren will, über ihren Lebensstil, ihren Familiensinn, ihr Selbstverständnis gegenüber dem Staat, dem sei dieses Buch von Ulrike Krasberg wärmstens empfohlen.

Ulrike Krasberg
Griechenlands Identität
Geschichte & Menschen verstehen
Grössenwahn Verlag
2017 · 12,90 Euro

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