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Kritik

Fauchtomaten, Logik-Schrate

Hamburg

Fast 200 Seiten stark ist die achte Ausgabe des Underground-Literatur-Zines Maulhure geworden. Es findet sich nicht nur ein Gros einschlägiger Namen, sondern vor allem ein längeres Dossier zu Jürgen Ploog, jüngst verstorbenem Pionier der schreibenden Luftfahrt, sowie einige erstgedruckte Texte des frisch ausgezeichneten Open Mike Gewinners Nail Doğan. Das von Urs Böke und Jerk Götterwind herausgegebene Zine ist bei Rodneys Underground Press erschienen, mit Farb-Cover (artscum as usual) Premiere.

Es wird wie immer hart gerantet, unter der Gürtellinie konjugiert, im Dunkeln buh gerufen, sich um wenig geschert, aber Stimme gezeigt. Dabei sind die auszumachenden Themen doch durch die Bank ziemlich allgemeingültig, besonders zu momentanen Inselzimmer-Zeiten. Niederlagen, Vereinsamung, Resignation, praller Gedankensex, Bier decken sich in mannigfacher Gestalt & diversen Genres mit stets souligem anti-literarischem Jargon ein – da wird politisiert, herumgeschoben, gepöbelt, gepullert und aus dem Fenster geschaut. Gegen Ignoranz in allen Verkleidungen, gegen rechte Refrains, Hegemonialkultur, gegen Metaphern-Establishment, gegen Grammatik, dafür viel für Phantasie, Brückenschlag und eben für Jürgen Ploog.

Zu einzelnen ausgewählten Barometern:
Rüdiger Saß schreibt:

Schläfrige, verschlafene Zeit ... Ich könnte mich in den Tag hineinschrauben, könnte die eine oder andere Hand an meinen verwahrlosten Wohngully legen, könnte auf Butterberge klettern, mit Toten telefonieren, könnte Tote zum Tanzen bringen ... oder auch nicht ...

Fatima Djamila schreibt:

Ich weiß, gleich reißen ihre Zähne den gefüllten Darm entzwei und Fett wird spritzen.
Das muss die wohl schlimmste Formulierung sein, die mir je eingefallen ist.
Und dennoch ist sie wahr, und Heimat isst noch immer Wurst.

Fabian Lenthe schreibt:

2.
Für nichts entscheiden
Und nicht einmal dafür

Nur immer wieder aufgewacht
Und immer wieder eingeschlafen

&

17.
Keinen Platz mehr
Zwischen Matratze und Boden

Alle Monster
Schlafen im Bett

Clemens Schittko schreibt:

[...] der Durchmesser wird geprüft
der Anschlag wird getastet
der Bär wird befragt
der Tauchsieder wird aktiviert

Joachim Pfaffmanns Erzähler „nimmt auch das nicht wahr“: "Ein fetter Sonnenstrahl durchbohrte die Blätterdecke und schoss in das von Sickerwasser freigespülte Wurzelwerk einer Buche im Hang. Es sah aus, als sei dieses Wurzelhaus erleuchtet, als ob ein Zwerg gerade sein Mittagessen kocht." Herausgeber Götterwind schreibt:

Ich bezahlte ging hinaus holte
Mir ein Eis um die Ecke und
Wartete auf die Straßenbahn
Richtung Innenstadt

Ní Gudix schreibt:

Früher gab es überall diesen Button mit der Aufschrift „Lach mal wieder!“ Heute würde Hylaia am liebsten Buttons vertreiben, auf denen stand: „Hör mal wieder auf zu lachen!“

Lütfiye Güzel präsentiert einige ihrer Black-outs. „Diese verdammten Jalousien“, sind die letzten Worte von Sybille Lengauers Protagonisten, der sich aus einem Wecker und Tiefkühlerbsen einen Schwebe-Apparat baut, schließlich ein Verschwinde-Gerät. Jenzzz Dieckmann schreibt über das „abgewandte Gesicht dieses verzweifelten Planätän.“ 
Nail Doğan schreibt:
 

Die letzten Monate wenig gearbeitet,
viel geschrieben. Und
ausgewirtschaftet ist ein tolles
ganz tolles Wort.
Ja, selbst der Gang,
wenn du pleite,
verändert sich.

Johannes Witek schreibt:

5.
Die amerikanische (?) Obdachlose (?)
die mit einem Stadtplan vor mir steht
und mir erzählt dass sie von der
University of Southern California (?)
kommt und mich immer wieder „My Darling“
nennt.

Sie sagt: “Somebody has been lying to me.
But it is okay. It is not your fault, my Darling.”

Es folgt der Ploog Brevier mit Grüßen, Erinnerungen, Mailverkehr und Ploog selbst: “Wenn die Geranien auf dem Fensterbrett zum Thema eines Gedichts geraten, ist es Zeit, die Koffer zu packen ...“ Im dichten Dossier außerdem produktive Interviews mit Ploog, die dessen Sprachkompetenz eindrucksvoll, uneitel unter Beweis stellen. Up the Cut-ups! sagt Maulhure 8. Ein besonderer Schlag, ein Hauch Straße in dieser seltsamen Zeit.

Urs Böke (Hg.) · Jerk Götterwind (Hg.)
Maulhure 8
Rodneys Underground Press
2020 · 200 Seiten · 10,00 Euro

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