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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
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ULF – Das Unabhängige-Lesereihen-Festival
Kritik

Ich kann kein Griechisch und weiß nichts über Alkman

Hamburg

Mütze 23 ist eine Fundkiste. Frank O'Hara, erst kürzlich als Aby Ohrkranf gesampelt, eröffnet mit einem seltenen Nichtgedicht, einem Manifest stattdessen, Personismus, das ein sprachliches Kreisen um Anziehung und Loslassen bereithält, "Kartoffeln mit Bratenfett (Tränen)", übersetzt von Vincent Sauer. Wie üblich bei O'Hara mischt sich Eiligkeit mit Extremtiefe.

Personismus, eine Bewegung, die ich kürzlich gegründet habe und von der keiner weiß, interessiert mich riesig, weil sie dermaßen entgegengesetzt ist zu dieser abstrakten Distanzierung und damit zum ersten Mal in der Geschichte der der Poesie an eine echte Abstraktion heranreicht. [...] Er wurde von mir nach dem Mittagessen begründet [...] einem Tag, an dem ich mich in jemanden verliebte [...] Ich bin zurück zur Arbeit und schrieb ein Gedicht für diese Person. Während ich schrieb, begriff ich, dass ich den Telefonhörer benutzen könnte, anstatt das Gedicht zu schreiben; und so wurde der Personismus geboren. Er ist eine sehr spannende Bewegung, die zweifellos viele Anhänger finden wird. Er setzt das Gedicht direkt zwischen den Dichter und die Person, im Lucky-Pierre-Style, und das Gedicht ist dementsprechend befriedigt.

Gisela Trahms übernimmt mit einer dichten, ökonomischen Prosa Der Tapir. Schweinehirt Paul, in einer vergletscherten Sprache aus Zwangsläufigkeit, arbeitet auf den Hangweiden von Marias Hof, "Wer ohne einen von ihr gebilligten Grund verschwindet, darf nicht wieder über die Schwelle, das ist Maris Gesetz." Er ist enigmatisch gebunden, hat durch einen entlaufenen Tapir überhaupt erst diesen kargen Ort ausfindig gemacht, "dort, wo er am dunkelsten ist, lebt der Tapir [...] bin ich nahe genug, öffnet er das Maul und lacht." Wie ein Atom ist Paul in ein Netz versponnen, das immerhin die rätselhafte Lisette für ihn bereithält. "Sie lässt es geschehen, wie sie alles geschehen lässt." Dennoch "gibt es berühmte Gegenden, die ich nie kennen werde."

Eins der wenigen Gedichte Paul Bowles' folgt, Kein Dorf. Schwer zwischen Prosa und Steinen vergraben.

Viel abgehobener ist die experimentelle Prosa von Elisabeth Wandeler-Deck Frühling nach Hörglück, ein Parerga gefußnoteter Text, der sich im Wesentlichen an der Beschreibung einer Villa mit Garten entlang formuliert, dabei mit seiner eigenen Haftung spielt. Mit angenehmer Absage an die Syntax. Durchaus zieloffen.

Nils Röllers Limmatkapsel ist gerichteter und wirkt dementsprechend gewollt, an entsprechenden Stellen nicht ganz ohne Trittangst, scheints. Röller schreibt hier eine merkwürdig sich beobachtend gebende Prosa, die allerdings doch lieber etwas geschehen lässt, denn zu notieren. Die sich möglicherweise als Anleitung lesen lässt. Für was?

Konkret sehe ich heute Schnecken auf dem Gehweg.

Es folgt das Highlight der Mütze 23: Robert Kellys Sitzordnungen, von Urs Engeler übertragen. Der amerikanische Papst listet eine rekurrierende Begriffslyrik, die versmäßig beschleunigt, dann wieder abbremst und zum Bauprinzip das Klären oder Ersetzen von Wortwerk hat. Phänomenal in Formwillen und Spieltrieb.

I run this river
ich halte diesen Fluss am Laufen

I = you
ich = du

[...]

Türen sind vor allem dazu da, es den Möbeln zu erschweren, das Zimmer zu verlassen

[...]

lieben = Treppensteigen

[...]

[wir sprachen nicht dieselbe Sprache, aber wir hatten beide viele Bergmann-Filme gesehen, also versuchten wir auf Schwedisch zu kommunizieren)

[...]

Brot = etwas, was du mit dem Mund machen kannst, während das Wort wartet

[...]

draußen ist, wo Sachen gemacht werden

[...]

erinnern = Lügen erzählen

[...]

Rose = Ding, das den Tau fängt

Stuhl = stumme Haubitze

[...]

Ende = das Licht kommt über den Hügel und es ist so oder so heute

Drei kurze Gedichte Jude Stéfans, übersetzt von Martin Zingg, schließen sich an. Sie machen einen eher geschlossenen Eindruck, eine knappe Wiese, "meine schuhe an der sonne vergessen".

Zum Schluss Fragmentgedichte des Alkman, übersetzt von Engeler aus dem Englischen nach einer Übertragung aus dem Griechischen von Guy Davenport: mystisch und durch viele Ecken gekommen. Noch ein Highlight.

[...]

Mädchen
Hühner und Falkenschatten.

Wenn ich daran gedacht hätte
für uns!

Einfach so
schönes kleines Lied.

Alle Mädchen
spielen die Zither.

Sie spielt Flöte
und wir singen.

Als ich eine Frau war.

[...]

Urs Engeler (Hg.)
Mütze #23
Engeler
2019 · 6,00 Euro

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