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Kritik

Ich floh nicht von irgends

Hamburg

Im Eingangs-Gedicht, das Ronald Johnson begonnen hat, erwähnt Guy Davenport das "dichteste der Lichter, die Finsternis" in einem auch sonst positiv schauenden Text, bei dem Aphrodites Wagen gezogen wird, "wie das Innere eines Spiegels".

Bertram Reineckes daran anschließender Beitrag nimmt den griechischen Bezug auf. Seine Anklage des Daidalos ist eine Anmerkung zu männlich-generationeller Zeugenschaft im Spiegel der Kunst:

Nicht das Fliegen war schlecht, nicht die athletischen Künste des Ikaros, sondern dass ein Vater seinen Sohn nicht in die Verantwortung entließ. Dieser Glaube, dass jede Zeit dunkler sei als die vorherige und dass diejenigen, die nach uns kommen, unsere Tugend nicht hätten und unsere Künste nur mangelhaft ausübten, diese andere Eifersucht das Daidalos laste nicht wie eine Wolke auf den Zeiten.

In der Beschreibung der Werkstatt dieser Daidalos-Allegorie heißt es:

Und weil niemand gegen seinen Ruhm aufkommt, messen wir uns darin, den Edlen weiszumachen, was sie uns immer glauben mögen über das Unmaß seiner Kunst. Vor wenigen Tagen noch war einer dieser jungen Philosophen, der sehr stolz auf seine Verse ist, bei mir und ich erzählte ihm, in Daidalos Werkstatt sei einst selbst eine Säge erfunden worden, eine in Eisen nachgebildete Fischgräte; ein anderer preist vielleicht die Erfindung des Zirkels und es wird ihm geglaubt.

Auf diese alte und doch nie-alte Welt nimmt der letzte Text der Mütze 24 Bezug, eine neue Probe von Svein Jarvolls Schreibkunst. Doch dazu später, denn zunächst gehört das Heft ganz den Gedichten von Zuzanna Ginczanka, aus dem Polnischen übersetzt von Dagmara Kraus. Die Frühverstorbene Ginczanka, die "eine Leben auf der Flucht" führte, im Holocaust ermordet, ist, wie es in der kurzen Nachschrift heißt, endlich "auch auf Deutsch zu entdecken. Höchste Zeit" dafür. Genau. Die emotionalen, dabei klaren fast reduzierten Gedichte zeigen Zeitbewusstsein und Relevanz. In Mai 1939 heißt es:

Am maienen Scheidewege stehe,
gar gegensätzlich gegabelt,
und von den Wegen, die ich sehe
letztgültig sich jeder verhält.

Sehnsucht mit Wolken zieht, Litzen,
durchs Radio der Nachrichten Zahl.
Geh' ich, begehe die Spitze
oder geh' ich durchs Tal?

"Erfüllung ist mir unbekannt" schreibt Ginczanka im starken Schlusspoem Der Feuervogel.

Es folgen neuste Gedichte von Rainer René Mueller aus dem Zyklus langt Atem ins dienstbare Material, eine beeindruckende Passage aus brüchigen Feststellungen und Einschüben, ein Lebensslide eines Ichs, gebaut um leuchtende Komplexe. Die einfachen Mittel erschüttern.

Hiesiges, Hiesiges.
Sein. Stein. Blüte :
                                     blühte –

Die Partitur der Gedichte ist voller Atemzeichen.

ich geh zugrund, zum Grund,
worin
ich werd, – :
Erd. Die Steine,
ihrer Farbe
schon ist „ worin wir waren “ , licht –
geduldet :
                                           ein bißl wachsen ...

Hartschön der Kontrast zu Ulf Stolterfohts krähe über württemberg: "schmaus-schmaus macht der igel, tnugel- / tnugel die laus". In dieser Chronik eines blutspuckenden Schreibervogels krähe, der gegen die fortschreitende Krankheit an den "gedichten eines tricksters" schreibt, geht es verspielt und referenzreich zu, mit allerlei Seitenhieben auf den Betrieb: "vertrieblich am meisten power hätte wahrscheinlich droemer knaur." Besonders das Ende, nach Tod und Auferstehung von krähe ist explizit:

„nur eine strukturidee pro gedicht – das kommt mir etwas wenig vor.“
fledermaus sekundiert: „zwei ideen sprechen für fleiß, drei sind meistens
eine zuviel. hast du jedoch fünf, dann winkt von fern der huchel-preis.“

Abschließend hat Matthias Friedrich sich erneut der Übersetzung von Svein Jarvoll angenommen und Eine Geschichte aus Der unvollendete Bericht über Henry Glass und andere Geschichten des enigmatischen Norwegers übertragen. Hier geht es zwar nicht so überdreht zu, wie in der Australienreise, gleichwohl ist diese Erzählung, 1990 im Original erscheinen, durchaus schlüsselig in Bezug auf die Grundthemen Jarvolls: das Schreiben zu Zeiten. Hier wird in der griechischen Antike ein Ich in einen Krug gesperrt, mit Zwiebeln und Heringen und einem rostigen Nagel, auf den Meeren zu treiben. Nicht lang und es wird geschrieben, mit dem Nagel in den Krugton. Ein Bild der schreibenden Existenz an sich? Was fließt in diese Körpertechnik? Wovor bewahrt sie? Natürlich kann nicht wirklich etwas durchgestrichen oder verbessert werden, das Schreiben ist live. Der Eingeschlossene jedenfalls entkommt der beklemmenden Residency, puh, und endet mit:

Als ich mich vom Fieber erholte, schlug ich den Krug mit einer Axt in Stücke und behielt ein paar von den Scherben mit meinen Notizen.

Damit endet die sehr gehaltvolle Mütze 24. Ihre Reihenfolge ist hervorragend komponiert und gerne möchte man mehr als die vorliegenden Beitragsausschnitte der Werke zu lesen haben.

Urs Engeler (Hg.)
Mütze #24
Engeler
2019 · 6,00 Euro

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