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Kritik

Die Hornhaut der Alpen

Hamburg

"Ich bin Graf Pasch di Krienen aus Holland", dies ein mittlerer Satz in der dichten Viertelhundertsten Mütze, aus der Zweiten Geschichte aus Der unvollendete Bericht über Henry Glass und andere Geschichten von Svein Jarvoll, der im Laufe der (veröffentlichten) Zeit immer vertrauter scheint. Der Text ist Jarvolls überbordende Technik in Reinform (und Kürze), eine von Text (Mund zu Mund) hetzende Beackerung des Hellenen-und-Danach-Territoriums um Homers Sarg. Satirisch ja, doch hochernster Tonfall. Was seinen Reiz ausmacht.

In einem ironischen Augenblick notiert ein moderner Pilger Folgendes aus Description Of the Western Islands of Scotland, London 1703 (Martin): "Sie schließen ihre Fenster und Türen für die Dauer eines Tages und liegen mit auf dem Rücken mit einem Stein auf dem Bauch und einer um den Kopf gewickelten Wolldecke und Bandagen über den Augen, und dann weichen sie ihr Gehirn ein und versuchen eine neue Panegyrik aus ihm herauszuquetschen."

In einer zweiten Folge der Limmatkapsel legen sich bei Nils Röller Sätze, die ins Befremdliche treten wenn nicht erwartet, in einen Text, der sich selbst zu verfolgen scheint, bei dem sich der Eindruck ergibt, er warne sich vor der Existenz. Doch die eigentümliche Vokabularvermischung (Memes, Verfemtes und lose tentakelnd Technik, Barock), besonders die ideelle Ansteuerung Hallers Die Alpen, sein schräges Glossar am Ende geben ein wenig Konzept frei.

Ich hebe nun Platten im Kopf, die aus Schichten bestehen, in denen Totes und niemals Gelebtes zusammengepresst wurde, aneinander schrammte. Es wurde durch seismische Bewegungen des Planeten zusammengetrieben. Der Nahverkehr treibt Klänge in der Oberleitung des Trams: Zwei Saiten eines Streichinstruments drängen uns in die Vehikel der Stadtverwaltung.

[...]

Ist es blöd, Steinen nachzugehen, Versschritten aus Hallers Alpen folgend Worte wagen?

[...]

Der Text nicht notiert "wiegt", "ieget" in der Form lieget

Dagmara Kraus' Übersetzung der Gedichte Zuzanna Ginczanka ist weiterhin gelungen, frisch und bedeutend.

Der Pelz

O Luchse, Wildkatzen, Pumas, ihr flauschweich ausgestopften,
Füchse, ihr, gelb unternäht mit den gelben Augen aus Glas,
o aufgerissenes Vlies, glatt und schlau aufgeknöpft,
ihr aufgerissenen Morgen,
fest übers Träumen gespannt,
ihr sumpfigen, wölfischen Waldnadeln, wie Kiefernhaar
Bärborstenchaos,
getrübter Tage Gewirr –
– ich bürste dich mit scharfer Verachtung,
du meiner verwehten Frühlinge Pelz,
lockerer Zottel du,
ohne Fleisch
Gerippe
und Blut.

Keston Sutherland steuert einen kurzen Schlüsseltext bei: Vom Gefühl, dass Dichtung geschrieben werden kann, von Vincent Sauer übertragen, über den Urknall in der Leere vor dem Gedicht, "vom regulierten Sinn zum Ausdruck "wilden Sinns"", den "Merleau-Ponty einen "Ausdruck der Erfahrung durch die Erfahrung" nannte". Der Punkt, "an dem genug "Bedeutungsvermögen" vorhanden ist, um die psychische Arbeit selbst zu verwandeln. Interessanterweise, um in dieser Koan-Plantage herum eine Phalanx aus Langer Marsch-Hegel-Marx-Althusser-Badiou Wachen zu dingen, "für die Veränderung der Welt" im/ mit dem Gedicht.

Es folgt eine grandiose Textstrecke: Mit dem Finger auf Genf/ Helvétisme 11 Annahmestellen von Michèle Métail und übertragen von Christian Steinbacher, der es "Aneignungen" nennt. Nicht unähnlich, wenn auch anders natürlich, den Aspekten von Monika Rincks Begriffsstudio.

[Nr. 87:] Pausenlos gewippt

Jazzer aus Montreux

Wenn's wem das Herz verschägt
Im Tausch die Originale
Legt fest den Akkord
Dauerflattern mit Druckpunkt
Kraftpaket Zungenschlag
Konvertieren im Doppel
Beim Beladen der Batterien
Bänder auf Prasseln gestimmt
Rappel der Depression
An den Schwingen der Big Band

Und das Original von Michèle Métail:

LE JAZZMAN DE MONTREUX

PULSATION CARDIAQUE
ÉCHANGE STANDARD
PASSE UN ACCORD
SOUFFLE CONTINU
COUP DE LANGUE
LANGAGE BINAIRE
RECHARGE SES BATTERIES
MEMBRANE VIBRANTE
UN COUP DE BLUES
ÇA SWINGUE

Hans Thill schließt an mit Nützliches Wissen, schön originellen, verstiegenen Prosagedichten aus einer scheinbar bekannten Landschaftszone, in der Hans Test, Stirner, Steiner und andere, Dinge tun, wie Bauarbeiten im Ideellen zu bezeugen.

Eine nasse Zeitung kann wie ein Vogel Simurgh über den Kiesweg schweben [...] Die Mücke fürchtet keine Wiederholung, so gesehen ist sie ganz Geschlecht und zur Hälfte Amerika, ihr Fluggeräusch ist Koffein für unsere Ohren [...] Musik besteht aus Liebe mit ein bisschen Wolle. Das Lied ging so: Test gefiel der Ozean, doch er hasste den Strand.

Jayne-Ann Igels Beitrag Schacht passt optisch zunächst einleuchtend, auch hier der Form nach Prosagedichte. Allerdings in einem völligen anders gelagerten Tonfall und mithin Tempo, sowie Temperatur. Sie wirken, als hätten sie eine Einheit aus Ort und Schöpfung: eine Art Engelskaserne mit traurigen Gästen.

schacht

der engel der niederungen über mir, der raum voll schwerer luft, ich sah ihn nie, spürte allein die last, und einzig die engelskohorten, die per lift aufstiegen, schilde vor der brust, so wie früher, als das recht noch gebeugt, hierzulande, vor der niederen antlitz, die kohorten stiegen auf im lift, hielten ihn besetzt, fuhren wieder hinab, als berichterstatter, machten die fahnen knattern, und blieb nur der blick in den fahrstuhlschacht –

Bei Rahaf Gharzaddiens Vorsprechen wird eine bittere Erinnerung um Versehrtheit und damit verbundenen Präsentationszwang/ -entzug vorgetragen, knapp und hart. Der taubstumme Mann,

Wie sehr er sich doch wünscht, ihr zu erzählen, dass sie ihn bei seinem ersten Vorsprechen erlebt hat: Bei einem Vorsprechen für die Rolle des Weinenden.

Mütze 25 schließt mit 6 gedichten, Typogrammen, stets anders angeordneten Lexien, eine davon: "noon / pool loop" zerbrechlich und fast wie unbetitelt, unvollendet, ungesehen, verschollen, wenn gefragt wird: "Wer ist Ronald Johnson?"

Lest die Mütze!

Urs Engeler (Hg.)
Mütze #25
Engeler
2019 · 6,00 Euro

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