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Kritik

Scharen schattenhafter Dinge

Hamburg

Als Winterschlafmütze erwacht die 26. Ausgabe mit William Wordsworth und dessen geheimnisvollem Exegeten Ronald Johnson, über den die Spur weiterläuft zu Guy Davenport, Jonathan Williams, gipfelnd in einem Rezept crazy, „groovy“ (William Burroughs) Shaker Zitronencake aus einem der Kochbücher Johnsons, dessen leidenschaftlichem side-kick.

Doch zunächst Wordsworth, übersetzt von Günter Plessow, mit I Wandered Lonely as a Cloud, schön, rhythmisch übertragen zu „Ich ging allein, als triebe ich, / ein Wölkchen, [...]“. Es folgt Johnsons Auseinandersetzung The Book of the Green Man, Part 1: Winter, von Urs Engeler übertragen, wie auch sämtliche anderen nachfolgenden Texte bis einschließlich Cake. Johnson arbeitet mit Versatzstücken aus dem Gedicht selbst, wie mit den Orten seiner Entstehung, Lake District, der Friedhof bei Grasmere, Wordsworth‘ Grab. Das Meer, Vogelsang, Wind spielen tragende Rollen. Jonathan Williams wird es später als „eines der besten „englischen“ Gedichte dieser späten Zeit“, also 1967, bezeichnen.

[...]

Aber diese Erde, einst
Wordsworth, liegt
still da.

Ich möchte
etwas Kreisförmiges,
Saisonales machen aus

diesem „Rad“ der
Berge
– ein

blühendes Ding in seinem
Zyklus – ein Bildnis unserer Schritte

als Hommage gesetzt

über jeden Grat

& in jedes Tal.

[...]

In den kurzen Anmerkungen zum Gedicht, von Johnson selbst, wird Thoreau genannt, und dessen eigenwilliger Geist wiederum mag auch das Wesen Johnsons beschreiben, der in den schon genannten Bemerkungen Guy Davenports zu Johnson, dessen „Freundschaft“ wie auch Komplizenschaft beschreibt. Davenports geistreich-plastisches Portrait des Kollegen beschreibt ihn als „in der Hauptsache eine Stimme am Telefon“. Weiterhin als den „vielleicht vagesten Menschen je getroffen“, den „sein hartnäckigster Traum, ein erfolgreiches Kochbuch zu veröffentlichen, nie verließ,“ trotz einer schwer fassbaren Menge körperlicher Versehrtheit infolge unzähliger Operationen.

Jonathan Williams wiederum, Mentor, Förderer des jungen Johnson, erinnert sich an einen längeren UK-Aufenthalt der beiden, bei dem sie nicht nur Künstlerkreise aufsuchten, lebendige wie tote, sondern auch zu sich einluden. Letzteres resultierte in folgender Episode:

Eines Abends luden wir William Burroughs und R. Buckminster Fuller zum Abendessen ein, und keiner der beiden wusste, wer der andere war – nur ein paar alte Harvard-Männer. RJ machte einen Shaker- Zitronenkuchen zum Nachtisch und Burroughs murmelte: „He, Mann, das ist der verrückteste Zitronenkuchen. Ich meine groovy!“ Da er zwei Kuchen gebacken hatte, wickelte RJ den zweiten ein und El Hombre Invisible nahm ihn mit nach Hause.

Der spätere Johnson hat sowohl Kochbücher als auch das enigmatische Ark veröffentlichen können, neben etlichen anderen Gedichtbänden. Auch das besagte Rezept, mit Hinweis, soll nicht unzitiert bleiben:

[...] Zum Ausrollen den Teig in zwei Kugeln teilen, auf ein leicht bemehltes Brett oder ein Tuch legen und ausrollen. In der Praxis muss man ziemlich geschickt sein, und der Teig hält wahrscheinlich nicht zusammen [… ; der Übersetzer bricht das Teigrezept aus Johnsons The American Table, Silver Spring Books, an dieser Stelle ab; es liest sich, vgl. die Passage zum Eiswasser, so kompliziert, dass es wohl eher abschreckend wirkt als zum Nachmachen einlädt; ich wollte aber wissen, wie der Zitronenkuchen schmeckt, und habe deshalb zu einem der handelsüblichen Fertigteige gegriffen. Ich weiß, es gibt da Unterschiede zwischen selber gemacht und gekauft, aber – ich kann es sehr empfehlen. Was sagte William S. Burroughs? „Das ist der verrückteste Zitronenkuchen.“ Und was sagt Ronald Johnson am Ende dieses Rezepts?] Alles leichter getan als gesagt.
[Verrückt ist übrigens auch, welchen Unterschied die Schlagsahne macht!]

Im nächsten Abschnitt folgen klare, stringente Gedichte des zeitgenössischen polnischen Lyrikers Tomasz Różycki, übersetzt von Dagmara Kraus. In leichtem, dabei kritischem Tonfall, äußern sich die Texte politisch, ohne dabei überreferentiell zu werden.

Austern und Datteln

Sag’ mal, wie hattest du es gern? Wir haben hier Früchte,
Käse, Wein, Samen, wir haben ein paar Gewürze
und eine weibliche Straße und einen männlichen Juli,
und Krakau, ein wenig Licht, eine Epoche hinter uns,

genial und entsetzlich, vor uns die Aussicht
auf eine noch genialere und noch entsetzlichere.
Und wir haben drei Lebensweisen zur Auswahl:
wir können reich sein und glücklich, oder

glücklich, aber arm, oder einfach nur glücklich,
und zum Teufel mit dem Geld. Ich frage jetzt nach,
da die Konzerne zerfallen, die Auslagen
und Imperien zusammenstürzen, Fußballlegenden

zu foulen beginnen. Die Zeit ist gekommen, alles
hinzuschmeißen und ein bisschen aufzudrehen.

Der nächste Mützenabschnitt präsentiert einen Gedichtzyklus von Farhad Showghi Fehler im Traum I und II und Von Ermessen reden. In hellwacher, kontrolliert verspielter Umkreisung tritt das lyrische Ich, ziemlich konkret verortet draußen zwischen Hamburg, Prag, Iran, Park und Erinnerungshorizonten, mit sich selbst, Konstituanten des Selbst in genauen Dialog. Bewegungen, Arme, Zunge spielen eine Rolle, das „Gewicht der Vision“: „Meine Augen nutzen manchmal die Zeit / als flüsternde Münder.“ Feststellungen: „Ich bin völlig grundlos gefallen / da die richtige Tiefe woanders war.“ Einige refrainartige Wiederkehrer markieren den Weg und verstärkt tauchen fast drollige Momente in die kurzgebrochenen Verse ein.

Nächste Wendung:
Ich habe im Stadtpark zwei Tomaten gegessen,
mit ihnen getropft – auf Ameise, Hose und Schuh;
na,
dann sprechen wir weiter.

Zehn ausgezeichnete Seiten Lyrik, bevor Nils Röllers skurril-verbogenes Alpentram – BAN Projekt die Spur wieder aufnimmt. Montiert, sich verliert, erneut hervorbricht zwischen Haller, Olson, Moure und BAN.

Das Tram nun als Zelle dies Gedicht anblicket,
e Die Glocken, hören wir? Tram vom Klang entlaubt,
                Eingemauerte Harfe, stiller Schrei wandert durch den Text, wie eine Welle
durch eine Welle.

Wie gut, dass die Mütze erwacht ist.

Urs Engeler (Hg.)
Mütze #26
Urs Engeler
2020 · 6,00 Euro

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