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Kritik

Die fadamte Zukunft!

Hamburg

„Worte baggern mich an“ dichtet Monika Rinck in einem umfangreichen Zyklus betitelt Alles mit den Händen, zu Beginn der aktuellen 27. Ausgabe der Mütze. Hierin entwickelt ein Enten-Kommando eine Menge Rebellion. Wirsch, komisch, ja fast plappernd gegen eine verordnete Welt. Sogleich will man sich mit dieser Ente solidarisieren, auch wenn einige Stellen etwas überschleunigt wirken.

Die Vöschel sind so laut, sie haben das Volumen verdreifacht.
Die Vöschel verstärkn sich gegenseitig durch ihre Präsenz.
Die Vöschel übertönen die Drohnen, die Helicopter, den Staat.

Peter Orlovsky, Ginsbergs Lebensgefährte, war ebenfalls Dichter im poetischen Beatbereich, veröffentlichte allerdings erst spät, 1978, seinen ersten Gedichtband Clean Asshole Poems & Smiling Vegetable Songs. Übersetzt von Marcus Roloff ist er nun in der Stadtlichter Presse erschienen, Fünf Gedichte sind zweisprachig in der Mütze abgedruckt, und in der Nachbemerkung steckt ihr Wurm: „P.O. buchstabierte nicht korrekt [...] ___STEADY_PAYWALL___ Auch wir haben die Schreibweise O.s respektiert und im Original die nach den üblichen Regeln als fehlerhaft zu betrachtenden Wörter wie von P.O. verfasst, belassen. Lediglich auf eine deutsche Entsprechung wurde verzichtet.“ Warum? Ein Beispiel: Orlovsky schreibt to interfear statt to interfere. Da läuten doch alle poetischen Glocken. Und mehr noch; wenn man ehrlich ist, sind die zumindest hier präsentierten Gedichte nicht wesentlich substantieller als nett (in der Übersetzung). Aber im Original tief geprägt von jenen kühnen Schreiboperationen, hier schnöde als „Fehler“ suspendiert, von jeglicher Absicht zu Unrecht freiinterpretiert worden, sind Orlovskys Poems doch im Gegenteil völlig ernstzunehmen als rebellische Verschiebungen, Biegungen von Sprache, im pursten Sinn poetisch. Roloff bietet hingegen ein tausendmal gesehen-gelesenes post-Bukowski Idiom an, das mit Sauber Abgewischt im Titel schon sein Motto auf der Stirn trägt. Es ist schade, die Möglichkeiten, die in Orlovskys Beitrag zur Sprache stecken, nicht nur nicht zu erkennen, sie sogar abzutun und stattdessen fluchtartig in nur eine einzige „Richtung“ zu biegen. Da sind noch andere Risse möglich im Gestüt.

Ich hab ‘nen Anruf gekriegt

                                               mein Herz war dran

OH, Oh mama whare did you go

[...]

you beat your head on the grownd

Michael Spyra bietet drei Gedichte an, konstruktiv gereimt, knüppelrhythmische Moritaten, „Einer wird woanders kleiner“, ums Abhandenkommen, eine substantivisch aufgeschlüsselte Verfolgung und eine Morgensituation vor dem Kiosk.

Strukturell interessant ist die Intervention Richard Nübels und morgen eine mondmetapher, die eine Art Begriff vs Begriff Liste führt, die sich auf Quellen, direkte, indirekte Zitate bezieht – es gibt ein angehängtes Verzeichnis. Nicht unähnlich Robert Kellys Arbeiten ist sie inhaltlich, vor allem sprachlich allerdings weniger ausgeglichen. Oft entgleitet das Material, wird verzotet im fröhlichen Referenzschwall. Es scheint ein Urlaubshintergund vorzuliegen.

der Germknödel in seinem bleichen Pomp ruht der Germknödel

der doppelte Elvis und jemand sagt Kairo wie eine Losung

vom Trägsein des Trommlers als schöpfe er Sirup

wie Wange wie Schwinge wie brüchiges Leinen

Zwei kurze Prosaseiten der beiden Autoren Donald Barthelme und Thomas Kapielski folgen solide. Barthelme schreibt einen Brief, übersetzt von Martin Zingg, an den Präsidenten des Mondes. „Er wurde später in keinen der Bände von Barthelme aufgenommen“.

Alles klar, mondstrahlte er zurück, mit einem Dollar ist alles abgegolten, und wenn Sie keinen Dollar haben, leihen wir Ihnen einen Dollar über die Entwicklungseinrichtung Großer Mond.

Kapielskis Text ist ein Aperçu zum Stand des Lebens, jetzt 2020. Frühexerzitien an Haltestellen.

Was, wenn wir eines Tages nur noch fad leben und träumen? [...] – Wie mag sich da erst der Tod anfühlen?

Das Leben verspricht eingangs soviel – und hält es dann nicht.

Einen aufgedrehten Abschluss der Mütze vollzieht Jean-René Lassalle: Mantraprintemps Hölderlin. Eine experimentelle mehrsprachige Hölderlin-Übertragung, vor und zurück, auf homophoner Basis, in komplexer Form: Streichquartett, das aus einer quadratischen Spieldose erklingt. Irre Wirkung.

why solid mystery seeing when stupid widens tongue
woe so vernal a day human sight danger feels
when machines seem to be finding fragrances
when humming searches for frail labour in bills

[...]

aérée comédie hum à gloriette afférant nouvelles routes
morna chaloupe ondine dans son ring
ourlée diminution des glaces que chamanique moud
viride hisse démenti essoufflant dolor

[...]

goldene luft verfärbt im regen singsang
kugel reflektiert polarlicht-schrift
abweichung im grund babbelt mit der sprache
bewegte körper verschieben behutsam die agora

Insgesamt wechselhaft, die 27. Mütze.

Urs Engeler (Hg.)
Mütze #27
Urs Engeler
2020 · 6,00 Euro

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