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Kritik

Ich schlaf beim Angeln immer ein

Hamburg

Mütze 28 ist eine wunderbare Zusammenstellung, jeder einzelne Beitrag ist konsistent. Bertram Reinecke erstellt weiter Montagen, dieses Mal unter dem Titel Vasilis, Müllsammler. Ein politisches Gedicht ohne externes Zutun entsteht aus ersammelten Dichtungen und Stimmen, der Presse entnommen, „lediglich harmonisierend angepasste Rechtschreibung, Interpunktion“:

Ich hungere nicht, habe keine Schmerzen, stinke nicht
Das ist harte und schwere Arbeit.
„Im schlimmsten Fall droht dir die Verhaftung.“
„Ich musste mich entscheiden:

Ein Dieb zu werden oder ein Aasfresser.“
Ich hungere nicht, habe keine Schmerzen, stinke nicht
Existiere nicht; es gibt kein „Warum“. Einfach so,
Im schlimmsten Fall droht dir die Verhaftung.

Es folgen interessante Mundartgedichte von Nick Lüthi, betitelt Sysiphos Variatione, die den Mythos-Arbeiter „bis zum Liechtelösche“ mit anglizistisch gefärbten Vokabeln in Verbindung bringen, wie z.B. am „Boulder-Findling“. Wenigsilbig, melodisch.

uf ab
uf ab uf ab
ufabufabufab

8 Gedichte von Marcus Roloff schließen sich an. In stiller Verfassung, „die da // mit dem ach auf der brust“, ein natürlicher Flow, wenn man so sagen kann – da hat jemand seinen Ausdruck gefunden, zu Ende kultiviert:

angezogene hand-
bremsen der rasenmäher
in den getreide-

ölfeldern über denen dröhnend
der airbus steht ein jemand
der in sich hineindöst und etwas
längst unbekanntes denkt

Mara Genschel steuert einen ausgesprochen vielseitigen, kurzweiligen Text bei, dessen Titel Die Geschichte vom anusköpfigen Johannes – welche... eigentlich erst mit dem Schlusssatz aufhört. Ein Text, der sich geschrieben wähnt von einer Autorin in einer „Sprache, mit der sie sich eincremt gegen den Unbill der Welt“, eine Autorin, die als larmoyant gegengeknüpft wird zum Text, der sich als Subjekt verselbständigt, bis er ein völlig losgelassenes Springkraut von Inhalt geworden ist, durch das jene anusköpfige Person geistert, nebst Nazis, das Wort Virus fällt, Abhängigkeiten werden zuhauf angeschlossen. Manchmal wirkt der Beitrag wie ein Soundcheck. Stile wechseln, er endet, absehbar, in „einem schaurig offnen Ende“.

[...] ich handle von nichts als nur der Frage, wie ich meine Strahler setze, um meine Autorin aufs Vorteilhafteste auszuleuchten. Ich handele endlich wieder von der Liebe.

Kongenial übersetzt von Dagmara Kraus ist Fabienne Yverts Gedicht JE N’ÉCRIS PLUS / ICH SCHREIBE NICHT MEHR, das sich präzise einer Krise widmet, die selbst sich ins Geschriebene wandelt, dicht, einfach, no nonsense.

FAIRE DES LIVRES NE M’AMUSE PLUS
ES MACHT MIR KEINEN SPASS MEHR; BÜCHER ZU MACHEN

C’EST DU TRAVAIL COMME UN GARAGISTE
DAS IST WIE MECHANIKERARBEIT

PRODUIRE POUR PRODUIRE
PRODUZIEREN UM ZU PRODUZIEREN
À LA FIN DE TOUTE FAÇ
ON ON MEURT
AM ENDE STIRBT MAN SOWIESO

An diesen Ton schließt sich Heinz Peter Geißlers Zyklus Es geht, es geht passend an. Wie mit einer Beckett-Sprache, die ständig zurücknimmt, was sie soeben selbst gesetzt hat, geht Geißler in einen formalen Austausch zwischen Prosa, Prosagedicht und Gedicht, der allzeit wechselt. Die Gedichte schlagen einen fast kinderreimartigen Duktus an. „Ich schraube alle Griffe ab / [...] Ich denke wie ein Kakadu / [...] Fliegt man in einen Busch hinein / Schaut man aus einem Busch heraus“.

Trag meinen Beutel Klebstoff für mich. Ich freu mich auf meine Wohnung, die ich mir vorstelle wie einen Eimer [...] Dem Enträtseln auf der Spur wie der eigenen Schwimmblase im See, die sich unter einem auflöst. Nirgendwo ein Hut, den man findet [...] Die Katze streckt sich, dreht sich um und rollt sich zur neuen Kugel. Spechte machen es anders. Jetzt ist es still. Als ob man in seine eigene Nase spräche.

Den Abschluss macht ein Dossier-artiges Beschäftigen mit dem Hölderlin-Gedicht Lebensalter durch die arabisch-deutschen Kollektive Unsichtbare Stadt und Wiese. Hierbei wird der Bogen gespannt vom antiken Palmyra, ruiniert, mit dem ruinierenden Gefängnispanorama an praktisch gleicher Stelle im heutigen Syrien, Ort der Antipoden zu den „wohleingerichteten Eichen“, besonders ausgeleuchtet durch Mustafa Khalifas Passagen aus dem Roman Das Schneckenhaus. Die vielen Seiten des Projekts, auch Sandra Burkhardts Lautübersetzung ins Englische, die Sprachverwandtschaften sind komplex, sprengen den Besprechungsrahmen. Eine hochverdichtete, prall gefüllte Mütze für den Winter.

Urs Engeler (Hg.)
Mütze #28
Urs Engeler
2020 · 6,00 Euro

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