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Illustration von Judith Sombray
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Illustration von Judith Sombray
Kritik

„Sorgfältig unter dem Plumeau von Wohlanständigkeit und Gutbürgerlichkeit verborgen, …“

Hamburg
Von

Jetzt haben wir den Salat: Ausgehen dürfen wir, zumindest in Österreich, nur noch dann, wenn wir befürchten, dass uns zu Hause der Plafond auf den Kopf fallen könnte. Oder wenn wir unbedingt Lebensmittel einkaufen müssen oder beim Waffenhändler unseres Vertrauens Munition kaufen wollen. Nur Bücher dürfen wir keine kaufen, nicht einmal abholen dürfen wir sie beim Buchhändler unseres Vertrauens. Das soll eine/r verstehen.

(Anmerkung: Im zweiten Lock-Down dürfen in Österreich Waffengeschäfte offenhalten, während den Buchhandlungen nicht einmal ein kontaktloser Abholservice, wie ihn Restaurants bieten, möglich ist. Siehe dazu unter anderem den Kommentar von Julya Rabinowich im Standard vom 21. November 2020 „Waffengeschäft auf, Buchhändler zu: Rambo und die Kulturnation“)

Wenn man Bücher nicht unbedingt bei den Versandriesen bestellen will und seine indirekten Steuern gerne im Budget des eigenen Landes wiederfinden möchte, dann ist Erfindungsgabe gefragt. Und so bin ich wie durch Zufall auf das kleine, aber feine Bändchen „Hanf“ von Ute Woltron, das heuer als 61. Band der Naturkunden-Reihe bei Matthes und Seitz herausgekommen ist, gestoßen.

Hanf, das klingt ein bisschen subversiv, so wie die Buchbeschaffung unter Umgehung der Onlineriesen in Zeiten des sogenannten Lock-Downs auch irgendwie. Und doch begegnet man der Pflanze an fast jeder Ecke bzw. bei jedem Häuserblock, so zahlreich scheinen die Geschäfte mit den Jungpflanzen und was-auch-immer momentan zu sein. Man bekommt den Eindruck, sie wären schon häufiger als Friseure, nur im Unterschied zu diesen wird man in den Grünzeugläden momentan auch bedient. Man wundert sich.

Ute Woltron scheint zu ihrer ersten Hanfpflanze genauso zufällig gekommen zu sein wie ich zu ihrem Buch. Bei ihr dürfte ein Vogel den Samen im Garten verloren haben, mir hat sich der kleine Band plötzlich unauffällig in die Hand geschmiegt (oder geschummelt?).

Schon der erste Eindruck ist angenehm: der Einband gesprenkelt hellgrün, die Schrift in einem komplementären Violett-Ton. Auf der Vorderseite findet sich die zarte Zeichnung einer Hanfpflanze, fast als wäre sie aus einem Herbarium herausgenommen. Schrift und Grafik lassen sich ertasten, sie sind wie geprägt. Der Vorsatz ist im selben violetten Farbton wie die Schrift am Einband gehalten und beim Durchblättern erfreuen das schwere Papier, die Serifenschrift in einer angenehmen Größe und vor allem die vielen Illustrationen. Dass ich mir Ute Woltrons „Hanf“ einpacken ließ, war dann kein Zufall mehr.

Die sehr persönlich gehaltene Einleitung erzählt, fast entschuldigend, wie die Autorin und der Hanf „eines Frühjahrs“ zusammengekommen sind und wie sie ihr erstes Jahr miteinander verbracht haben. Es war ein Jahr der Missverständnisse:

Ein paar Wagemutige hatten im Herbst einige seiner Blätter geerntet, anschließend getrocknet, zerkleinert, mit Tabak gemischt und mit bangen Gefühlen zu einer Tüte gerollt und geraucht. Der laienhafte Joint schmeckte grauenhaft.

… dafür lehrreich, denn „[d]iese Niederlage verlangte nach einer Erklärung“, und der Beginn einer langjährigen Beziehung:

Über viele Jahre hinweg blieb die gesamte Ernte ein alljährliches Geschenk an eine Handvoll Vertrauter. Ich selbst rauchte das Gras nicht, es interessierte mich nicht. Erst als der Neurologe meines Vertrauens dazu riet, […].

Ich liebe es, wenn Geschichten unvermittelt solche Haken schlagen.

Das für mich interessanteste Kapitel ist „Prohibition – Die verbotene Pflanze“, dem Ute Woltron eine Zeile aus Schillers Briefen über Don Carlos voranstellt: „Die schönsten Träume von Freiheit werden ja im Kerker geträumt“ – da kommt leise Erinnerung an Schubert und seine Forelle auf.

Ute Woltron erzählt die Geschichte dieses „Kreuzzugs gegen die Droge“, der zu einem seit nunmehr rund 80 Jahren bestehenden Verbot geführt hat, dessen Übertretung in einigen Ländern sogar die Todesstrafe nach sich ziehen kann, sehr unaufgeregt, für mich faktenbasiert und vor allem nicht schwarz-weiß. Aufschlussreich, welche Koalitionen sich gebildet haben, um den Hanfanbau, selbst den industriellen, zu verbieten, und wie viele Zufälligkeiten dazu geführt haben.

Literaturbezüge gibt es einige, insbesondere zur französischen Literatur des späten XIX. Jahrhunderts. Es gibt da auch die Abbildung eines Gruppenporträts französischer Dichter von Henri Fantin-Latour, auf dem allerdings, wie man vom Musée d’Orsay erfährt, unter anderem Charles Baudelaire, „der 1867 starb und dem das Gemälde ursprünglich gewidmet war“, fehlt. Schade, dass diese Information nicht gegeben wurde, war Baudelaire doch der wahrscheinlich bekannteste des „Club des Hachichins“, und Ute Woltron scheint diesen Autor auch sehr zu schätzen.

Wirklich praktische Anleitungen zu Anbau, Pflege, Ernte und Weiterverarbeitung der zufällig aufgegangenen oder bewusst angebauten Cannabispflanzen gibt es keine, doch sind die Schilderungen der persönlichen Erfahrungen und vor allem Rückschläge wahrscheinlich lehrreicher, jedenfalls um vieles lesenswerter. Letzteres verdankt das kleine Hanf-Porträt vor allem der Journalistin Ute Woltron, wobei ihr Stil weder den salopp-schnoddrigen noch aufgeblasen Ton, den manch andere Fachjournalisten so lieben, hat.

Noch etwas hat der Stil von Ute Woltron: Charme, was nicht mit Gefälligkeit zu verwechseln ist, und nicht zuletzt auch eine feine Art Ironie:

Sorgfältig unter dem Plumeau von Wohlanständigkeit und Gutbürgerlichkeit verborgen, wachsen in den Gärten und Wohnungen landauf, landab unentwegt zahllose Hanfpflanzen heran,

Eine Ironie, die manchmal auch etwas derber ausfallen kann:

Die einzige Art, sich mit natürlichem Cannabis umzubringen, besteht darin, sich an einem Hanfseil aufzuhängen.

Portrait im engeren Sinn ist der 61e Band der Naturkunden-Reihe für mich keines, eher eine Skizze. Doch diese erlaubt es, die wichtigsten Merkmale und Unterschiede der beiden Hanfarten „Sativa“ und „Indica“ sowie zum Schluss zusätzlich auch einiger der bekanntesten „Strains“ klar und verständlich darzustellen und alle mit der Aufzucht verbundenen Probleme zu erläutern. Besonders hinzuweisen ist auf die, für dieses Werk offensichtlich eigens angefertigten, wunderbar „klassischen“ Illustrationen von Falk Nordmann. Sie greifen am Buchende die durch die Grafik am Einband entstandene Assoziation mit einem Herbarium wieder auf und machen vielleicht doch ein Portrait aus dem Portrait.

Wenn der Novemberblues in einen Winterblues überzugehen droht, Fernreisen nur noch in Gedanken oder in der Erinnerung und Treffen mit Freunden, Bekannten sowie der Familie nur mit zwischengeschalteter Elektronik möglich sind, kann das kleine Hanf-Portrait durchaus zum Träumen anregen. Sofern der Buchhändler des Vertrauens erfinderisch ist und das bestellte Buch etwa beim nächstgelegenen Waffenhändler oder in einer befreundeten Apotheke hinterlegt – in Zeiten wie diesen ist eben konspirative Erfindungsgabe gefragt.

 

Ute Woltron · Judith Schalansky (Hg.)
Hanf / Ein Portrait
Reihe: Naturkunden Bd. 61
Illustration: Falk Nordmann
Matthes & Seitz
2020 · 159 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-857-0

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