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die horen 275: Neue Literatur aus Norwegen.

Hamburg

Der Vorteil der Wahl eines jedes Jahr wechselnden Gastlandes, das sich mit seinen Literaturen auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert, liegt für Fachwelt und Publikum auf der Hand. Denn es bringt mit sich, dass die Übertragung von Werken in die deutsche Sprache und ihre Publikation gefördert werden und somit Bücher von Autorinnen und Autoren gelesen werden können, von denen man hier sonst wahrscheinlich, wie so oft, nichts mitbekommen würde. Eine schöne Konstante sind die Länderhefte der Zeitschrift „die horen“ im Wallstein Verlag, die jene Ehrengast-Auftritte begleiten, nicht nur eine Auswahl an Texten vereinen, sondern Einblick ins Umfeld uns fremder Literaturlandschaften geben. Man erinnere etwa die wunderbaren Ausgaben 242 „Bei betagten Schiffen“ im Jahr 2011 über Islands Atomdichter oder 263 „Bojen und Leuchtfeuer“ 2016 mit neuen Texten aus Flandern und den Niederlanden. Nun liegt das neueste Heft zum Ehrengast Norwegen vor und es ist wieder ein literarisches Highlight geworden.

Die aktuelle Ausgabe Nummer 275 wurde vom Literaturwissenschaftler und Skandinavisten Uwe Englert zusammengestellt, trägt den poetischen Titel „Das Gras hinter dem letzten Haus“ und bietet neuere Literatur aus Norwegen. In seiner Einführung „Sprachen der Vielfalt, Vielfalt der Sprachen“ geht Englert zunächst auf die in Norwegen verwendeten Sprachen ein. So gibt es mit Bokmål und Nynorsk zwei „Standardvarietäten“ des Norwegischen mit einer Vielzahl an abgewandelten Formen. Außerdem existieren eine Reihe von samischen Sprachen mit drei Hauptdialekten: Nord-, Süd- und Lulesamisch (Quelle: norway2019.com/de/literature), sowie kleinere lokale Dialekte und Ethnolekte mit Lehnwörtern aus verschiedenen Einwanderersprachen, zum Beispiel jener Sprache der Osloer Trabantenstädte, die ihren Weg in die Literatur finden, etwa in die Prosa der jungen Autorin Maria Navarro Skaranger.

Würde man behaupten, dass jede Autorin und jeder Autor in Norwegen mit einer ganz eigenen, in vielen Fällen rasch identifizierbaren Sprachform arbeite, wäre das nur mäßig übertrieben

schreibt Englert. Dies wird vor allem für Übersetzer*innen zu einer immensen Herausforderung. Denn selbst für Norweger*innen seien manche Texte schwer zu verstehen. Im zweiten Interview, das um die Selbstwahrnehmung der norwegischen Gesellschaft kreist, sagt der Sozialanthropologe Thomas Hylland Eriksen über die eben erwähnte Autorin

dass die Texte von Skaranger für einen Leser mit Norwegisch als Erstsprache durchaus eine Herausforderung sind. Sie benutzt fremde Vokabeln, eine eigenwillige Wortstellung etc.

Wie viel schwieriger ist es dann, dieser Sprache mit der treffenden Übersetzung gerecht zu werden! Um die Vielfalt der norwegischen Sprache(n) sinnlich erfahrbar zu machen, hat der Herausgeber in diesen „horen“-Band Abschnitte mehrere Originaltexte aufgenommen. Als Beispiel sei der Anfang des Gedichts „Eine Birke in meiner Brust“ der Lyrikerin Svanhild Amdal Telnes abgedruckt (Übersetzung: Clara Sondermann):

Eg dreg dit
saltet i såra mine
vart vunne ut.

Til huset ved havet.

*

Ich ziehe dorthin
wo das Salz
in meine Wunden gelangte.

In das Haus am Meer.

„die horen 275“ hat knapp mehr als 250 Seiten und enthält eine große Vielfalt an Beiträger*innen. Jede noch so sorgfältige Zusammenschau wird jedoch auch durch die Auslassungen definiert und der Frage, wer kam hinein, was fand keinen Platz mehr und musste draußen bleiben. Englert hat drei Jahre lang an diesem Heft gearbeitet und zeigt im Vorwort die Kriterien seiner Auswahl auf. Sein Ziel sei gewesen, einen Eindruck von „der Vielfalt auch der ästhetischen Konzepte, die die norwegische Literatur charakterisiert“ zu geben. Dabei sei es ihm nicht in erster Linie um jene erstaunlich vielen, in den deutschsprachigen Ländern schon bekannten Bestsellerautoren wie Jostein Gaarder oder Erik Fosnes Hansen gegangen.

Stattdessen möchte diese Anthologie Autorinnen und Autoren bekannt machen, die als Teil eines reichen literarischen Unterholzes noch zu entdecken sind. Seite an Seite mit den jungen Talenten sind hier dennoch Autoren zu lesen, die in Norwegen zur Prominenz und fast schon zur modernen Klassik zählen – in Deutschland aber noch weitgehend ignoriert werden. Hier sind zum Beispiel die eminente Lyrikerin Cecilie Løveid oder der Erzähler Hans Herbjørnsrud zu nennen.

Letzterer ist der älteste Autor des Bandes, geboren 1938. Der Schwerpunkt der Auswahl liegt aber auf der mittleren und jüngeren Generation, das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichen, die beiden jüngsten Autorinnen sind 1994 geboren: die Lyrikerin Svanhild Amdal Telnes und die bereits erwähnte Erzählerin Maria Navarro Skaranger.

In einigen Fällen sind bekannte Autoren in diesem Band in gleichsam fremden Rollen zu erleben: der bei uns hauptsächlich als Dramatiker geschätzte Jon Fosse als Lyriker, der vielfach preisgekrönte Romancier Per Petterson als Autor eines poetischen Kunstessays.

Gefördert wurden die Übersetzungen nicht nur dieses Bandes von NORLA (Norwegian Literature Abroad), einem staatlichen Literaturbüro, das sowohl vom norwegischen Kulturministerium als auch vom norwegischen Außenministerium finanziert wird. Denn das Medium Buch hat in Norwegen eine starke Position und staatliche Maßnahmen zeigen, welche Bedeutung und Wertschätzung der Literatur in diesem skandinavischen Land mit rund 5,3 Millionen Menschen auch durch die Politik zukommt. So gibt es das System der Buchpreisbindung, gedruckte Bücher sind von der Mehrwertsteuer befreit und es existiert eine „großzügige Stipendienordnungen für Schriftsteller“, wie im Interview zu lesen ist, das Uwe Englert mit den Literaturkritikerinnen Marta Norheim und Ana Farsethås für das aktuelle Horenheft führte. Interessant ist ein weiterer literaturpolitischer Aspekt, der angesprochen wird, eine staatliche Abnahmeregelung für Bücher, die in den 1960ern eingeführte sogenannte „innkjøpsordninga“ (wörtlich: Einkaufsordnung),

die garantiert, dass der Staat 773 Exemplare fast jedes belletristischen Titels für Erwachsene aufkauft und sogar 1550 Exemplare von jedem norwegischen Kinderbuch. Diese Bücher landen dann in den Bibliotheken, die es überall im Land, selbst in entlegenen Gebieten gibt. Die Verlage können also mit einer Mindestabnahme kalkulieren und auch mal ein Risiko eingehen.

Man stelle sich einen Moment lang vor, welche Bedeutung diese Abnahmegarantie und flächendeckende Verteilung von Büchern an Bibliotheken besonders für die vielen kleinen Verlage und ihre Autor*innen in den deutschsprachigen Ländern hätte, vor allem dann, wenn auch die Lyrik in diesem System inkludiert wäre!

Das Lesen wird in Norwegen überdies durch eine Reihe von Maßnahmen beworben. So wurde etwa das Jahr 2019 zum „Nationalen Jahr des Buches“ erklärt. Und es wird gelesen! Im Schnitt liest hier jeder Mensch 15 Bücher pro Jahr und dass nicht nur, weil es im hohen Norden dunkel und viele Monate bitterkalt ist und – Achtung: Klischee – weil man es sich mangels anderer Möglichkeiten mit einem Buch vor dem warmen Ofen gemütlich macht. Der politische Auftrag an NORLA wiederum lautet u.a., Türen zu öffnen und außerhalb des Landes das Wissen über norwegische Autor*innen und deren Bücher zu verbreiten. NORLA organisiert im Auftrag der norwegischen Regierung dieses Jahr nicht nur den Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse, sondern hat die Übersetzung von zahlreichen Büchern durch Förderung erst möglich gemacht, darunter jene bekannter Namen wie Tomas Espedal, Maja Lunde, Karl Ove Knausgård oder Sigrid Undset, aber auch Werke von bislang wenig oder noch gar nicht im deutschen Sprachraum bekannten Autor*innen. Gefördert wurden alle Genres der Literatur, auch etliche Lyrikeinzelbände, u.a. die auf Fixpoetry besprochenen Bücher „Sichel“ von Ruth Lillegraven (Übersetzung: Klaus Anders, Edition Rugerup 2019) und “Die Zeit ist gekommen“ von Knut Ødegård (Übersetzung: Åse Birkenheier, Elif Verlag 2019). Erwähnenswert sind zudem zwei Anthologien, die Momentaufnahmen der zeitgenössischen Literatur Norwegens bieten und einen Einblick in die Vielfalt und beachtliche Qualität der Textproduktion geben. Präsentiert werden in diesen beiden Werken Autor*innen, von denen in ihrem Land bereits Bücher veröffentlicht wurden. Da ist zum einen die Lyrikanthologie „Sternenlichtregen“ (Verlag Das Wunderhorn, 2019) und zum anderen das vorliegende Horenheft, das neben Lyrik, Kurzprosatexten und Essays auch eine Kunststrecke mit Gegenwartskunst enthält: Ausgewählte Werke von Hanne Borchgrevink, Janne Gill Johannesen und Hedevig Anker wurden aufgenommen, die von Wissenschaftlern und vom schon erwähnten Autor Per Petterson mit kommentierenden Essays begleitet werden. Ein wenig irritiert eine Ungleichgewichtung, nämlich dass ein längerer Beitrag zu den Texten eines einzigen Autors aufgenommen wurde. Es ist dies ein Kommentar der Literaturkritikerin Cornelia Jentzsch zu den Gedichten Jon Fosses – die gekürzte Version ihrer Laudatio aus Anlass der Verleihung des Preises für Internationale Poesie der Stadt Münster an den Autor und seinen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel im Jahr 2017. Die übrigen Beiträge des Bands bleiben bedauerlicherweise unkommentiert, sieht man von der Tatsache ab, dass der eine oder andere Text ganz kurz in den Interviews oder im Vorwort angetupft wird. Warum also gerade Jon Fosse?

Die Texte selbst sind beeindruckend. Der Band versammelt ein zuweilen experimentierfreudiges, stilistisch und thematisch äußerst abwechslungsreiches Potpourri von Lyrik und Prosa hoher Qualität, das manche Entdeckung ermöglicht. Es fällt bei dieser Dichte schwer, den einen oder anderen Beitrag herauszugreifen. Die inhaltliche Breite ist erstaunlich, dass Terror, Krieg, Angst und Ohnmacht nicht ausgespart werden, zeigt beispielhaft, wie Kunst, wie Sprache auf Bedrohungsszenarien reagieren kann. So hat die Schriftstellerin Cecilie Løveid in ihren 2017 bereits veröffentlichten Gedichten Strafe – Fjordland – Trost das Attentat auf der Insel Utøya am 22. Juli 2011 und seine Folgen in Worte gefasst und hier nun einen eigens für den Horenband verfassten kommentierenden Prosatext (Übersetzungen: Hinrich Schmidt-Henkel) vorangestellt. Ihr Gedichtzyklus „Einige der Gemälde zum 18. Oktober“ (Ü: Hinrich Schmidt-Henkel) wiederum setzen sich mit Gerhard Richters Baader-Meinhof-Gemälden auseinander. Mikkel Bugges rätselhafter Text „Gute Aussichten für bewaffnete Konflikte“ (Übersetzung: Insa Linnerud), der zum Großteil aus Fragen besteht, dreht sich u.a. um Terror, Folter und einen Aggressor.

Doch auch typisch norwegische Themen tauchen im Band auf, etwa das Schispringen im poetischen Prosatext „Luftwege“ von Øivind Hånes (Ü: Insa Linnerud). Und dann glänzt noch Frøydis Sollid Simonsen mit ihrem wissensgetränktem Text „Jeden Morgen krieche ich aus dem Meer“ (Ü: Insa Linnerud) voll leisem Humor über das Sein. Weiters wären zu erwähnen ...

Uwe Englert (Hg.)
die horen Br. 275 / Das Gras hinter dem letzten Haus / Neue Literatur aus Norwegen
Mit Erzählungen, Lyrik, Kurzprosa und Essays u.a. von Jon Fosse, Roskva Koritzinsky, Jan Kjærstad, Nina Lykke, Cecilie Løveid, Hans Herbjørnsrud, Gunnhild Øyehaug, Arild Vange, Per Petterson, Atle Næss.
Wallstein Verlag
2019 · 260 Seiten · 16,50 Euro
ISBN:
978-3-8353-3501-1

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