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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Kritik

Sichtbarkeiten

Uwe Kolbes Gedichtband "Die sichtbaren Dinge"
Hamburg

Manchmal wird einfach eine Erwartung enttäuscht, die aber die Lektüre leitete (das ist aber nicht schlimm). Liest man den Titel des neuen Gedichtbands Uwe Kolbes, kommt einem W.C.Williams Diktum „No ideas but in things“ in den Sinn. Aber geht es hier um den Geschmack süßer Pflaumen, um Sinnlichkeiten also? Nein, Kolbe ist nicht dem englischen Sensualismus verpflichtet. Viele Gedichttitel suggerieren, es ginge um Dinge, weil Dinge genannt und also benannt werden: „Der Stein“ heißt ein Gedicht, ein anderes „Der Zaunkönig“, es gibt „Die Nordsee“, „Die Ritter“, „Das Kind“, „Die Männer“, „Die Häher“, „Der Hausmeister“ – das lässt sich alles sehen, wenn es da ist. Doch manchmal ist nicht das Sehen, sondern eine andere Sinnesqualität im Vordergrund. So wird in „Hör, Freundin“ diese aufgefordert, auf das Krächzen der Krähen zu hören. Oder es geht um den Gemeinsinn oder das Gemeingefühl – „Geheimnisse“ handelt vom Innensinn, vom Sichselberfühlen, aber auch davon, in sich eingeschlossen zu sein: „Größtes Geheimnis du, dein eigener Leib / dich so zu kennen, wie es niemand kann,/ [….] Geheimnis, wenn du auf die Frage schweigst / und für dich selbst doch eine Antwort weißt.“. Und manches ist gar nicht sichtbar, denn wer könnte schon Luft („Die Luft“) sehen? Und vom „Verfolgungswahn“ oder von einem „Ideal“ kann man vielleicht etwas sehen (im Auge des Paranoiden als Panik, im liebenden Blick des Idealisierenden), das sind aber keine sichtbaren Dinge. Was macht Kolbe hier? Dinggedichte? Jedenfalls ist es kein Zufall, dass er ein Gedicht über Rilke schreibt. Soll hier ein Ding, ein Gegenstand, ein Objekt etwas über sich selbst aussagen? Kaum.

Wie also ließen sich Kolbes sichtbare Dinge besser verstehen, wenn sie nicht (so einfach) sichtbar sind? Hilft das Motto von Ralph Waldo Emerson weiter: „Aber weise Menschen durchschauen diese verderbte Sprache und machen Worte wieder an sichtbaren Dingen fest“? Vielleicht ein bisschen (doch wo verortet Kolbe die „verderbte Sprache“? Ist sie das Negativ seiner eigenen?)

Immerhin: Es sollen Wörter wieder an sichtbaren Dingen festgezurrt werden. Woran werden sie festgezurrt? Manchmal gar nicht an Dingen, sondern an Situationen, so wenn das lyrische Ich über einen Acker geht. Dann finden sich Gedichte, in denen manches nur für den sichtbar ist, der gebildet genug ist, Anspielungen zu sehen. In „Die Nordsee“ geht es um Heine, „Der goldene Zweig“ spielt auf Frazers „The golden bough“ an; dort taucht die Sibylle auf, die im nächsten Gedicht zur T.S.Eliotschen Sibylle von Cumae wird. Auch in „Der goldene Zweig“ geht es um das Hören oder besser: nicht hören: Das lyrische Ich soll „schlafwandeln nur/und in dem Traum die Ohren offenhalten.“ Doch bleibt ihm unsichtbar, unerkannt, was dann erhellend hätte sein können, das Orakel der Sibylle verweht: „Als die Sibylle den Mund schließlich auftat, / hat dich ein Luftzug abgelenkt.“ Was sind hier sichtbare Dinge? Die Nordsee oder der nicht genannte Heine? Das Fest-Machen von Wörtern an Dingen ist also nicht gar so einfach. Das wird noch deutlicher, wenn Kolbe die Zweideutigkeit von Wörtern ausnutzt. Im Gedicht „Eisenzeit“ kann das Wort „Rost“ einmal für das Oxydationsprodukt des Eisens oder aber für einen Rost stehen, der am Ofen angebracht ist.

Vielleicht kommt man der Frage der Sichtbarkeiten näher, wenn man den formalen Aufbau des Bandes und des Einzelgedichts in den Blick nimmt. „Die sichtbaren Dinge“ ist in vier Abschnitte à zwölf Gedichte eingeteilt. Die Gedichte sind achtzeilig, Kolbe bedient sich, mit allerhand Freiheiten, der Stanzenform, doch baut er nirgends das klassische Grundmuster abababcc, auch Elfsilbler fehlen. Manchmal geht es jambisch zu („so hörte ich das eine Kind das andre fragen“), reine Reime kommen vor („Forderungen werden/nicht gestellt./Die Zeitung Hoffnung/abbestellt.“), doch häufiger unreine („Was flatterst Herz du, guter alter Lappen -/der schwarzen Sonne huldigen die Ratten.“) oder Assonanzen (Heine lässt grüßen).

Ein sichtbares Ding ist also die Form der Gedichte. Eine formale Struktur ist auch ein Korsett oder anders: die Begrenzung auf acht Zeilen stellt ein Raster, ein Gitter zur Verfügung, in dem sich einerseits sichtbare Dinge verfangen können. Zugleich verweist die Begrenzung als Begrenzung auf ihre Überschreitung hin – man kann in acht Zeilen nicht alles sichtbar machen, was sichtbar ist. Kolbes Gedichte überschreiten die Sichtbarkeit durch Auslassungen in Richtung anderer Sichtbar- und Wahrnehmbarkeiten.

Das ist spannend, interessant und in seiner Strenge faszinierend – da darf die Lektüreerwartung gerne enttäuscht werden, auch wenn in dieser protestantisch spröden Gedankenlyrik der Geschmack süßer Pflaumen nicht vorkommt.

Uwe Kolbe
Die sichtbaren Dinge
poetenladen Verlag
2019 · 72 Seiten · 18,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-98-9

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