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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
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edition noak Jean-Pierre Siméon: Die Poesie wird die Welt retten
Kritik

Licht in den Windungen aller länglich-alltäglichen Dunkelheit

zum dritten Roman von Valeria Luiselli
Hamburg

„Die Kinder flohen aus Verhältnissen, die von schlimmem Missbrauch und systematischer Gewalt geprägt waren, flohen aus Ländern, in denen Gangs wie Parastaaten agierten und die Macht und die Herrschaft des Gesetzes übernommen hatten. Sie waren in die Vereinigten Staaten gekommen, um Schutz zu finden, und suchten nach bereits früher ausgewanderten Müttern, Vätern oder Verwandten, die sie vielleicht aufnahmen. Sie suchten nicht den amerikanischen Traum, wie es gewöhnlich immer heißt. Die Kinder suchten nur einen Weg aus ihrem alltäglichen Alptraum.“

Ich könnte mit einem Satz beginnen, in dem ich meinem Wunsch Ausdruck verleihe, das nachfolgende Generationen begreifen, was für eine bedeutende und starke Schriftstellerin Valeria Luiselli, in den Methoden und inhaltlich, war. Aber eigentlich will ich ja, dass es schon die aktuellen Leser*innen bemerken und sie lesen und wertschätzen. Vielleicht bin ich ja immer unter den falschen Leuten und eigentlich wird Luiselli Land auf Land ab gelesen. In dem Fall bitte ich, den dramatischen Einstieg in diese Rezension zu entschuldigen.

Vermutlich ist dieser Auftaktappell einem generellen Eindruck geschuldet, dass, gerade wenn es um Amerika geht, die zeitgenössischen Autorinnen nach wie vor unterschätzt werden (natürlich gibt es auch viele, viele talentierte Autorinnen in unseren Landen, auf die das zutrifft). Zwar ist Donna Tartt einigermaßen bekannt und Nicole Krauss und Siri Hustvedts Werke werden viel gelobt und übersetzt, Essayist*innen wie Rebecca Solnit und Roxane Gay sind präsent, aber ich habe wiederholt den Eindruck gehabt, dass da immer noch zu wenig Wertschätzung für die individuelle Klasse dieser Autorinnen und ihrer Bücher mitschwingt. Nicht nur bei Donna Tartt ist mir das aufgefallen, sondern bspw. auch bei Marisha Pessl (die mit „Die amerikanische Nacht“ einen, wie ich finde, fulminanten Roman vorgelegt hat) und eben auch bei Luiselli.

Die in Mexiko-Stadt geborene Autorin hat nun, nach zwei Romanen auf Spanisch (ebenfalls bei Kunstmann erschienen, dazu der spannende Essayband „Falsche Papiere“), mit „Archiv der verlorenen Kinder“ ihren ersten Roman auf Englisch vorgelegt. Dieser zeichnet sich, das sei gleich vorausgeschickt, durch einen Balanceakt aus, eine Verschränkung aus kunstvollem Arrangement und klassischen Erzählhaltungen. Das Buch hat vier Teile, die wiederum Unterkapitel haben, die wiederum durch Zwischenüberschriften strukturiert sind. So entsteht früh der Eindruck, die erzählte Geschichte (die erzählten Geschichten) seien Teil einer ausgeklügelten Komposition – was, im Großen und Ganzen auch zutrifft. Ein wichtige Element dieser Komposition sind die „Schachteln“, von denen es sieben gibt und die eine Art Inventar des Textes darstellen, eine Leitung, die viele Motive speist. 

„In Schachtel II entdecke ich Sally Manns ‚Unmittelbare Familie‘. Ich setze mich auf den Randstein und blättere es durch. Ich mochte immer ihre Sicht auf Kinder und was sie mit Kindheit verbindet: Kotze, blaue Flecken, Nacktheit, nasse Betten, trotzige Blicke, Verwirrung, Unschuld, ungebändigte Wildheit. Mit gefällt außerdem die Spannung in ihren Bildern, eine Spannung zwischen Dokument und Erfindung, zwischen dem Einfangen eines einmaligen flüchtigen Augenblicks und einem inszenierten Augenblick. Irgendwo schrieb sie, dass Fotos ihre eigenen Erinnerungen schaffen und die Vergangenheit ersetzen.“

Die Rahmengeschichte des Buches ist die Geschichte einer Autofahrt, die eine Übergangsphase im Leben der vier daran teilnehmenden Menschen markiert; zugleich ist es eine Reise in das Herz der Altlasten der Vereinigten Staaten, ihrer Mythen und deren zerrütteter Wirklichkeit.

Die Protagonist*innen sind zwei Erwachsene, ein Ehepaar, und ihre Kinder im Alter von fünf und zehn. Das Paar hat sich erst vor vier Jahren bei einem gemeinsamen Projekt kennengelernt, die Kinder sind jeweils nicht vom neuen Partner/von der neuen Partnerin. in diesen vier Jahren haben sie gemeinsam in New York gewohnt, jetzt reisen sie zusammen in den Süden, wo die beiden Erwachsenen jeweils neuen Projekten nachgehen wollen: er will sich mit den Ureinwohnern befassen, vor allem mit Geronimo und dem Widerstand der letzten Chiricahua Apachen, sie will sich mit den Geflüchteten an der mexikanisch-amerikanischen Grenze auseinandersetzen, vor allem mit Kindern, die ohne ihre Eltern die Grenze überqueren und teilweise sogar aus den mittelamerikanischen Ländern kommen; meist werden sie schnell abgeschoben, aber manchmal sterben sie in der Wüste oder werden das Opfer von Menschenhändlern oder sie verschwinden anderweitig, weshalb man sie auch die „verlorenen Kinder“ nennt.

Schon früh erweist sich die Reise, auf den ersten 220 Seiten beschrieben aus Sicht der Mutter, als Fahrt ins Ungewisse, denn während der Vater und sein Sohn, das ältere Kind, vorhaben im Süden zu bleiben, muss sie mit ihrer Tochter in ein paar Wochen wieder in New York sein. Das persönliche Drama bildet den Vordergrund, in dem nicht nur die auf der Kippe stehende Beziehung der beiden Erwachsenen verhandelt wird, sondern noch viel mehr die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, ihre verschiedenen Arten, die Welt zu sehen und wie es ist, mit Kindern zu leben, zu reisen, besonders wenn man der Arbeit nachgeht, die die beiden betreiben.

Beide sind Dokumentaristen/Dokumentarier, die vor allem mit Sound arbeiten. In New York haben sie für das gemeinsame Projekt die verschiedenen Sprachen und Dialekte der Stadt gesammelt, aber auch Alltagsgeräusche, und so zu einem hörbaren Katalog der Stadt beigetragen. Neben Tonaufnahmen sind aber auch Notizen, Sekundärliteratur, erzählte Geschichten und eine Polaroid-Kamera, die der Junge zum Geburtstag bekommen hat, Gegenstände des Dokumentierens; all diese Gegenständen werden in den bereits erwähnten Schachteln aufbewahrt und im Laufe der Geschichte als Inventar präsentiert.

„Das Dokumentieren von Dingen – durch die Linse einer Kamera, auf Papier oder mit einem Tonaufnahmegerät – ist im Grunde nur eine Möglichkeit, allem Vorhandenen, das sich im kollektiven Verständnis der Welt abgesetzt hat, eine weitere Schicht, etwas wie Ruß hinzuzufügen. […] Schwer zu sagen, warum solche Gegenstände wichtige Dinge über einen Menschen enthüllen; und ebenso schwer ist zu verstehen, warum diese Sachen in der Abwesenheit der betreffenden Person eine plötzliche Melancholie auslösen. Vielleicht liegt es daran, dass Gegenstände ihre Besitzer oft überdauern.“

Im weiteren Verlauf des Buches kommen noch weitere Elemente und Motive hinzu und die Haupthandlung wird verquickt mit anderen Narrativen. Ab Teil 2 auf Seite 220 wird dann aus der Sicht des Sohns erzählt und die vorher auseinandergehaltenen Narrative und Motive beginnen zu verschmelzen – auf nachvollziehbare und gleichsam rätselhafte Weise, ohne sich je zu weit von den bis dahin aufgeworfenen Intensitäten und Wirklichkeiten zu entfernen.

Es ist eine tolle Erfahrung, aber schwer zu beschreiben, wie Luisellis Roman, der eine teilweise schmerzliche Langsamkeit und Behutsamkeit beim Erzählen an den Tag legt, immer mehr zu einem Erlebnis wird, das unter die Haut geht – und zwar nicht im reißerischen Sinn, abrupt und klimaktisch, sondern ohne klare Auslöser. Er sickert mit all seinen unterschiedlichen Stimmungen und Geschichten und Motiven langsam in einen hinein und auf einmal gehen einem Wendungen und Beschreibungen plötzlich nah oder eine eingeflochtene Idee wirkt ungeheuer zwingend.

„Wie füllt man die emotionalen Leerstellen, die durch plötzliche, unerwartete Veränderungen entstehen? Welche Gründe, welche Geschichten retten uns vor dem Sturz, den wir verhindern möchten?“

Das liegt wohl daran, dass das Buch nicht nur eine Reise beschreibt, sondern auch eine Reise ist: eine Reise zu zentralen Fragen der Wahrnehmung/Reflexion, die außerdem vielfältige Emotionsregister tangiert und ohne viel Aufhebens und Effekthascherei eine große Bandbreite menschlicher Verhaltensweisen und Ideen offenbart, die im Angesicht der Verwerfungen der Historie wie auch der Gegenwart gleichsam kostbar und unhaltbar erscheinen, frenetisch und fragil. Ich habe selten einen Roman gelesen, der mir so viel gegeben hat, ohne dass ich das Gefühl hatte, dass er mir etwas Bestimmtes mitteilen oder mich für ein bestimmtes Thema sensibilisieren will. Vielmehr nehme ich mich irgendwann aller aufgeworfenen Fragen und Schilderungen automatisch an, als seien sie ein für mich wichtiges Anliegen.

Damit der Roman einen dort hinbringt, muss man ein bisschen durchhalten, ihm einen kleinen Vorschuss einräumen. Das Panorama, das er aufwirft, wird erst mit der Zeit als solches ersichtlich; die Motive brauchen ihre Zeit, um ein Muster zu bilden, das alles unwiderruflich zusammenhält. Nicht zuletzt ist das Buch eben auch ein Gespinst aus sehr vielen (teilweise offenen, teilweise verdeckten) Anleihen und Verweisen, aus Literaturen von Ezra Pound bis Jack Kerouac, dazu Theorie und Mythen, Erfundenes und Montiertes. Auch hier muss man immer die Augen offenhalten für Bezüge, Zugänge, Verknüpfungen, Wiederholungen.

Belohnt wird man mit einem Roman über Amerika, über Flucht und Erinnerung, Kinder, Anfänge und Enden. Es geht um das eingefahrene, strukturierte Elend und das nicht zu planende Glück, um das Licht der Vergangenheit und die Schatten der Zukunft. Es ist eine besondere Reise, die man zwischen diesen beiden Buchdeckeln antreten kann, finster und hell zugleich.

„Dieses ganze Land, sagte Pa, ist ein gewaltiger Friedhof, auf dem nur manche ein anständiges Grab bekommen, denn die meisten Leben zählen nicht.“

Valeria Luiselli
Archiv der verlorenen Kinder
Übersetzt von Brigitte Jakobeit
Kunstmann
2019 · 432 Seiten · 25,00 Euro
ISBN:
978-3-95614-314-4

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