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Kritik

West-östliche Papiermenschen

Versuch einer Umkreisung von Verena Stauffers Gedichtband »Ousia«
Hamburg

1. Anlauf: Es ist letztlich ohne Bedeutung, ob man ›nur‹ gutes Geschick im ›Googlen‹ hat oder über einen ordentlich gefüllten Bildungsvorrat verfügt: Verena Stauffers »Ousia« ist herausfordernd komplex und anspielungsreich – und zugleich wiederum sehr einfach. Man kann die Gedichte vor diversen Folien lesen oder sie zunächst ganz wörtlich nehmen. Doch bereits der Titel des Buchs ist multivalent. In der Geschichte der Philosophie wurde der Begriff unterschiedlich gefüllt, bei Platon anders als bei Aristoteles, den Neuplatonikern oder in der Gnosis. Doch in allen Definitionen geht es um das Seiende, das Wesen der Dinge, die reale Existenz. Die Ideen galten im Platonismus als die eigentliche Wirklichkeit; man denke an die Illustration dafür im berühmten ›Höhlengleichnis‹: von den wahren Dingen könne man nur die Schatten erkennen. Als Schattentheater wurden in der chinesischen Volkstradition oft bekannte historische Stoffe verhandelt, dargestellt von ausgeschnittenen Figuren, den ›Papiermenschen‹, deren Umrisse agierten. In Verena Stauffers Gedichten werden diese beiden Vorstellungen überblendet, als Frage und als Suche nach dem Erkenntnishaften.

2. Anlauf: Verena Stauffer hatte bereits mit ihrem Roman »Orchis« bewiesen, daß sie ein großes Wissen mühelos in Erzählstoff verwandeln kann, und zudem ihr Interesse an der fernöstlichen Kultur bekundet. ___STEADY_PAYWALL___ Hier erscheint nun das ›Schattenspiel‹, in dem die »wechselnden Köpfe« der Figuren erste Bedeutungs-Hotspots setzen, nämlich als kurze Momente der Verschiebungen von Realität und Traum bzw. Kunst mittels der Erinnerung. Aber auch die Themen huschen wie Schatten über eine Leinwand, es werden Verbindungen gezogen, Bilder aus- und angeschnitten: »Die Welt, ein Tangram, wenige Teile, milliardenfach kombiniert«. So durchlässig die Formen sind, so leicht begrenzt nur sind die Gegenstände, z. B. das Amnion, das Seepferdchen, das Du:

Lässt dich auflösen
im Wasser und zerfällst
Gehst über, gehst ein in
Luftbläschen und Quäntchen, die
wie Brösel am Boden liegen bleiben
Ich lecke sie, putze sie aus
Du in Krümeln, du in Bläschen

Das Motiv des Zerfallens, Zerfließens, Auflösens mäandert durch das gesamte Buch, in allen vier Elementen, und trifft auf das Motiv des Verfestigens. Denn das Seiende ist in ständigem Wandel begriffen, in Neuorganisation. »Worte, gebrochen aus Saat / schlüpfen wie Popcorn aus Mais«, »Das gesprochene Wort übergibt / Leben an Leben«, »Das Gesprochene ist unser Leben / es nimmt überhand / Wie sich festlegen, ohne einander zu kränken?« Man sieht, die Abstraktion führt im Detail immer zum prallen Dasein: Schattenspiele mit Bodenhaftung.

3. Anlauf: »Die Welt, eine Wortform«, heißt es an einer Stelle, die Welt durchmessen, mit Fragen, und ihr dadurch Umriss verleihen. Ja, dauernd werden Fragen gestellt, werden die Dinge in Frage gestellt. Die Worte verselbständigen sich, Zeichen und Wesenheiten. Das ›Paradies‹ z.B., etymologisch aus dem Griechischen stammend, das sich von einem persischen Begriff ableitet, nimmt durch ein schlichtes Spatium als »Para dies« eine neue Bedeutung an, verbleibt aber auch irgendwo zwischen den Sprachen – vielleicht neben dem Tag? Verena Stauffer bringt verschiedene stilistische Ebenen zusammen, auf ein Hochplateau, die Fachsprache, den wissenschaftlichen Terminus, das Wortspiel, das sinnliche Bild. Die Sprache fließt, wirft dabei Schatten, deren erzählte Geschichte man zu deuten versucht, was weitgehend gelingt, trotz Nebelflecken. Die Sprache ist bereit, sich den seltenen Wörtern zu öffnen, wenn die Umgebung stimmt – »Korunde«, »Quargel«, »Krumpe«,  –, bereichert und bereichernd. Zwar heißt es einmal: »Der Überfluss der Sprache hat die Menschen verdorben«, doch genau dies macht die einzelnen Wörter wertvoll: »ein Wort, ein versunkenes Schatzkästchen eines roten, offenen Munds«.

4. Anlauf: Erhärtender Verdacht, daß die fluiden Formen eine Reise bilden, aus dem Osten über Russland in den Westen. Daß die Fragen eine Gestalt der Schattenerzählung sind. Daß die Wörter das Seiende sind und die Dinge, von denen sie künden, das Seiende sind. Die Bilder bewegen sich auf exzentrischen Bahnen, überschneiden sich, verschränken sich. So finden Tiefsee und Tiefenraum, »Zirkone« und »Bikini-Bomben« zueinander. Eben wie die Teile eines Tangrams. Stückwerk. Schnittmuster. Fraktale Harmonien. (Und auch der Verdacht, das Ich der Erzählung und der Erzählerin überlappen sich, unkenntlich natürlich in ihren Umrissen – das ›lyrische Ich‹: ohnehin die rätselhafteste Person.)

5. Anlauf: Einer der Abschnitte des Buchs ist »Tetsu-sen« betitelt, der ›Kriegsfächer‹, eine Waffe der Samurai, als Fächer getarnt, für die auch spezielle Kampftechniken existierten. Die Themen fächern sich auf, zeitlich, geographisch, bleiben aber dicht zusammen, ein festes Instrument, das, falls nötig, hart zuschlagen kann. Von »Panzerkernen« und Konterrevolutionären geht die Rede, von Gerechtigkeiten und anderen Kämpfen. Von »Gladiatoren der Rede«, die sich mühen, »in Abwesenheit einer möglichen Vollendung«. Die Worte sind straff, punktgenau, zielgerichtet, unbarmherzige Angreifer, und zugleich von großer Eleganz und betörender Anmut. Am Ende sogar unerwartet einfach, sinn- und sinnenhaft:

In Öllacken sah ich Regenbögen baden. Aus ältesten Ablagerungen
treten die Farben der Erde hervor. Durchsichtiges im Undurchsichtigen
Im Tiefsten spiegelt sich das Äußerste. Ohne Form endlos
Öl färbt die Straße wie eine Rüsche am Kleid
ein rührendes Angebinde

Hier gelingt es, Alltäglichem die Aura des Metaphysischen überzuwerfen, die banale Gegenwart in Vergangenheit und Zukunft zu erweitern, das Nüchterne in Schönheit aufblühen zu lassen. Die dauernde Metamorphose des Seienden, ob nun »Öl glimmert« im »Kosmorama« oder »kahle Bäume mit zu Skeletten / verwilderten Blattresten« »zu weißem Pergament« mutieren. Indem Verena Stauffer traditionelle Gegenstände nicht meidet, sondern im Gegenteil bewußt aus- und aufsucht, kann sie ihnen eine frische Form geben, die im Kontrast stärker wirkt als eine bloß herbeigeführte Künstlichkeit. Das ist der »Jetzt-Fächer«, »ein zusammenfließendes Vielfaches von Jetzt«:

Wenn wir bloß noch einmal dieses Einssein des Wassers sehen könnten

Indem hier also vieles zu vielem kommt, sich fügt, auch nicht selten geräuschvoll aneinander reibt, entsteht aus Splitterwerk ein Kontinuum –: Ein erstaunliches, tragweites, enzyklopisches Gedichtbuch, ein wahrer Hirnschmaus, ein gefundenes Fressen für Analyse und Interpretation,  nicht zuletzt mit ernstzunehmendem Anspruch auf einen verdienten Platz im Haltbarsten.

Verena Stauffer
Ousia
kookbooks
2020 · 120 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3948336042

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