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Johanna Hansen Zugluft der Stille
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Johanna Hansen Zugluft der Stille
Kritik

"Zur Wahrheit. Zur Bio-Macht. Zum Wahnsinn."

Hamburg

Ganz folge ich dem hohen Ton nicht, den Volker Sielaff in "Barfuß vor Penelope" anschlägt – und es handelt sich um hohen Ton, ganz unabhängig von der Heiterkeit, die viele der Szenen und Bilder grundiert. Der hohe Ton vermittelt sich durch eine bestimmten Kombination von Reimen und lexikalischen Entscheidungen, die den Vorschein des Veralteten oder gewählt "Schlichten" trägt,  und die uns dadurch als Gestus von Sielaffs Textsubjekt eine Ernsthaftigkeit nahelegt, ein ganz-bei-der-Sache-Sein, das auf so Kinkerlitzchen wie den Zeitgeschmack oder "richtige" Lexik keine Rücksicht nimmt. Konkret bedeutet das eine Gleichzeitigkeit "gegenwärtiger" Ansprüche an Stoffe und Psychologie mit ungefähr romantisierenden, an den Stil von Kunst-Volksliedern erinnernden, scheinnaiven Strophenfolgen … Das ist alles eine legitime Inszenierung, die man beim Lesen unmittelbar, vor der Reflexion, einfach als einen Beigeschmack von "entwaffnender Aufrichtigkeit" des Gedicht-Ichs wahrnimmt (und der dann z.B. ich, siehe oben, nicht ganz folge und, ___STEADY_PAYWALL___statt zu lesen, zuerst darüber nachdenke, was ihn bei mir auslöst …).

Das Langgedicht, das den Band eröffnet, heißt "Mystische Aubergine" und gliedert sich in zwei Hälften. Über dreiunddreißig Strophen in je vier Langversen wird rückhaltlos eine "Liebe zu" allem Möglichen besungen bzw. beschworen, und über siebzehn weitere Strophen der Leser, per Anrede, als das Liebes-Du in Beziehung zum Text, nein, in den Text hinein gestellt, der gleichwohl damit fortfährt, sich als katalogisch gesetzte Welt auszubreiten, als gereimte Welt zumal.

Peter Rühmkorf behauptete in seinem Essay "Agar Agar Zauzaurim", der Reim sei so etwas wie die erste zwingende Gesetzmäßigkeit, die Kinder erfahren, wenn sie über die Dinge reden – und der kindliche Auszählvers so etwas wie das Diktat der Zauberkräfte, die die Welt zusammenhalten: "Etwas reimt sich? – Dann hat es auch seine Ordnung!" In diesem Sinne ist Sielaffs Welt in mehrfacher Weise in Ordnung, ist die Liebe eine Funktion der sprachlichen Wohlgefügtheit, und nicht umgekehrt jene der Ausdruck von dieser …

Der Eröffnung folgt ein langes Kapitel mit ungefähr erotischen Gedichten ("Die helle und die dunkle Seite", klar, Yin-Yang) und dann eines mit gedichtförmigen Dichtermonografien, betitelt "Swann" (wie in "Du côte de chez …" – wir besuchen da also Räume, in denen wir gut schlafen konnten, erinnern uns unserer Selbst[e]). Die erste dieser Monografien schreibt sich Sielaff (unausgesprochen) selbst, nennt sie "Gedicht nach Solaris", und benutzt die Gelegenheit zu einem mission statement seiner Poetik:

Ich habe Sehnsucht nach Solaris,
ich muss mich erholen von den ganzen Engagierten,
sie wissen immer ganz genau, was wahr ist,
ich liebe Bäume, Schiffe und die Antiquierten.

(…)

(Und die eingebaute, aber nicht angetastete Sollbruchstelle in der Direktheit dieses Statements ist schlicht die Namensgebung des Gedichts – der Planet Solaris in S. Lems Roman, der seinen Besuchern perfekte Simulakren vermisster Wesen schenkt, ist bekanntlich nicht einfach ein emotionales Schlaraffenland, sondern usw.)

Dann ein Kapitel, das vor der Folie der gesamten, weiten Kunstgeschichte spielt, beginnend mit der Höhle von Chauvet-Pont-d'Arc, und also mit der Implikation, Kunst sei älter als Geschichte selbst; dann, wie gegenläufig dazu, eines über die Spuren, die die Geschichte in der Landschaft der Lausitz hinterlassen hat – dieser Teil ist beinah Kolportage und jedenfalls recherchiert, doch der Ton, die Mehrfachverklammerung der Verse durch Zeilenrhythmus, Reim und, siehe oben, paradox "heiteren Ernst", bleibt dabei aufrecht, trotz oder wegen der ausgestellten Bezüge zur persönlichen Familiengeschichte Volker Sielaffs. Hierauf folgt eine Reihe, die vom Sylter Strandbad an den Strand des Styx führt, befasst mit der Frage des Vergessens in Leben, Kunst und (extra) Kunstbetrieb; der letzte Text dieses Kapitels – "Amok oder Verfehlung der Ereignisse aus dem Geist der Poesie" – sticht als ungereimt hervor, was in diesem Buch größere, nicht geringere Außeralltäglichkeit der Rede markiert:

(…)
das Ballett der Blödmaschinen, auf einen Fingerzeig läuft es an,
deine Haut wird es zu Markte tragen, deinen Blick in die Binsen,
das Boot über den Styx überträgt noch ein Schaudern, du sollst
keine Elefanten mehr töten und (…)

(Über diesen nicht getöteten Elefanten da könnte man einen eigenen Essay schreiben …) Der Band endet dann – ganz so, als wären wir mit dem vorangegangenen Styx-Gedicht tatsächlich in das Jenseits der (siehe ganz oben) hochtönend-gereimten, durch "Klassiker" verschiedener Art informierten Welt des restlichen Bandes eingetreten – in einem Stoß von Kürzestgedichten, ichlosen Eindruckssplittern und (gegenläufigen: ichhaften) Aphorismen.

Im Titel des Buches – "Barfuß vor Penelope" – ist die Heimkehr des Irrenden angelegt, der Moment genau, bevor ein Fremdes als in Wahrheit zugehörig erkannt wird. In Verbindung mit den zahlreichen Verweisen auf die romantische Tradition – und zwar nicht so sehr die schwarze Romantik, sondern die der Liedsammler – formuliert das den Anspruch des Bandes: Hierher, in diese Heimat zurück, nach zwanzig Jahren (bei Odysseus) bzw. zweihundert Jahren (deutsche Literaturgeschichte) in der Ferne, wollen diese Texte. Zwischen der Landschaft, dem Land, der Sprache und dem Ich – dem hinreichend offenen Ich des Eingangsgedichts, welches die dafür richtige Sorte Pantheismus äußert – ist in dieser Konzeption kein je klarer Trennstrich. Ich kann die ästhetikpolitische Intervention zugleich wahrnehmen, in ihrer (vermuteten) Zielsetzung für verfehlt halten und als Element der zeitgenössischen poetischen Rede gut, unterhaltsam und lesenswert finden.

Volker Sielaff
Barfuß vor Penelope
edition AZUR
2020 · 112 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-942375-45-0

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