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Kritik

Neues von der Zukunft der Vergangenheit

Dieses Gedicht hat den Wunsch, einmal eine Sammlung von Gedichten zu eröffnen. roughbooks, ohne Autor
Hamburg

Das Schöne an anonymen Gedichten ist, dass der Text, seine Sprache, für sich stehen, ganz für sich. Weit jenseits der profanen Biographie. Nichts kann den vielleicht von übergriffigem Busengrapschen schwer belasteten Autor an den Pranger stellen, nichts die – tja, was wäre das weibliche Pendant? – die einer AfD-Hohlladungsgranate von Mann verfallene Dichterin wegen biographischer Mängel aus dem Literaturbetrieb katapultieren. Hier steht, rein und schön von Angesicht, das Gedicht.

Die Gattung hat Tradition. Die Fälle, wo gestandene Autorenpersonen sich in ein Anonym begaben oder gar den Gendersprung ins Polargeschlecht wagten, die sind Legenden. Auch das gänzlich Autorenlose hat seine Vorbilder, letztens noch in der von Monika Rinck mitherausgegebenen Witz-Ausgabe der Akzente.

Der Ton ist zart, zitiert noch auf dem Titelblatt einen ironischen Selbstzweifel, der an dieser prominenten Stelle stilbildend ist: ob das alles denn standhält, seiner Aufgabe gewachsen ist, diese Poesie-Sache mit Hochkultur, Reflexion und die ganze Sahnetorte drumherum? »Die Ausläufer dieses Gedichts / reichen im / Norden bis / nach Spitzbergen, im Süden bis nach Harare und im  / Osten bis nach Seoul. Aber das ist relativ. Anders als // die Ausläufer einer Kaltfront haben die Ausläufer dieses / Gedichts keine merklichen Auswirkungen, (...)»

Ob das Gedicht sich der Bedeutung entsprechend gewaschen hat, ob es dem beflissenen Leser per Knopfdruck aussprudelt, was die dichtende Seele hineingedrückt hat? Hier spricht das Kind, das sich nicht traut und trotzdem seine Nase überall hineinsteckt. Das Kind, das sich versteckt, indem es sich ein Tuch vors Gesicht hängt. Das Kind, das sich nativ in jede Rolle einfühlt.

Eine Marotte – eine Figur. Die Autorin war, um endlich auch mal einen Bank-Vorstand zu zitieren, »davon überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.« Jou. Und: »Wir werden ihn konsequent weitergehen.«

Ein Kinderspiel, eine Reihe von Scherzen. Hattu Möhrchen? So stakt in diesem Buch das eine Gedicht immer von neuem durch die Seiten, teilt seine Lasten, versprüht seine Energie.

Hätte dieses Gedicht die
Wahl, es wäre lieber

mehligkochend als festkochend. Es zöge auch
die konkave Form der konvexen vor, wenn es

sich nur den Unterschied merken könnte.

So wie dieser Text, könnte man das lesen, sitzen alle diese Gedichte im Dunkeln vor der Jalousie und spielen mit ihrem Pimmelchen. Ein solipsistisches Kitzeln, eine Landkarte der Befindlichkeiten lässt sich nachfahren – kindlich übermütig und das Gedicht als Narr hüpft über die Seiten: es wird schwer fallen, sich dem Schalk zu entziehen.

Und Schalk ist es doch, nicht?

Der häufigste
Argumentationsfehler,

den dieses Gedicht
begeht, ist das Argument ex silentio: Es wertet das
Schweigen derer, die es lesen, als Zustimmung. ABER

DAS STIMMT NICHT, schreie ich es an. Doch auch das
hilft nichts. In seiner eigenen Welt hört dieses Gedicht
nur sich selbst.

Unter Vollkaufleuten zählt Schweigen als Zustimmung, Erstsemesterlehrsatz der BWLer, aber wer hat sich schon mal richtig vollgekauft in der BRD? Da geht immer noch was. Da satteln wir ein Startup – machen auf dement und spielen Neuer Markt.

Dieses Gedicht ist
inhabergeführt. In der
Krise

profitiert es von seiner konservativen Finanzstruktur,
so sagen die Experten. Aber die Experten waren

noch nie in der Krise. (...)

Gut, dass der Gedichtemarkt, so singen es sich die Dichter vor, dasselbe macht wie die Altersarmut und boomt, rasante Zuwachsraten, wenn auch aus niedriger Ausgangsbasis.

An mangelnder sportlicher Ambition, befördert durch ein Zuwenig an frischer Luft, litten die Dichter oft schon, ganze Literaturepochen sind daraus entstanden. Zeit, sich zur selbstverschuldeten Versehrtheit zu bekennen: Dieses Gedicht zieht / das linke Bein nach. Es / mischt sich unter die Unversehrten und bringt alles zum / Stillstand. Der Wille zur Anpassung hat dieses Gedicht / viel erreichen lassen, und doch raubt er ihm nächtens / den Schlaf.

Das stimmt nicht? Nein, angepasst sind diese Gedichte hier nicht – wenn man ihnen den unromantischen Wortschatz nicht zum Vorwurf machen will, was dem Autor mehr als fern liegt. Diese Texte sind alle von der dunklen Seite des Mondes gepflückt, das sind die Sagen der echten Raben, die sich in ihr Federkleid und mühsames Hüpfen eingefunden haben, die die Sachen mit den Königssöhnen oder den glücklicheren Schwestern zu keiner Zeit für bare Münze nehmen.

Nichts ist banal an dieser Entscheidung fürs banale, wenn man denn vor die Wahl gestellt war. Fangen wir an, sagen sie, immer wieder von Neuem, mit einem Leben als Kind. Alles ist neu. In sprudelnder Vielfalt wird in die Garderobe gegriffen und tatsächlich: jeder Mantel der Mama passt. Das ist das Motiv dieser Gedichte, die so den Platz an einer alten Bruchkante aufsuchen.

Man kann dem Post des Postmodernismus nicht beliebig viele Posts anhängen, das wird so albern wie web 3.0 oder industry 4.0. Die Texte lassen nur ex negativo ahnen, was auf uns zu kommt. Versuchen wir: die Periode der zurückschlagenden Reflexion. Oder: die spät realisierten Tücken der Verständlichkeit.

Die demographische
Entwicklung dieses
Gedichtes

ist, um es mit einem Wort zu sagen, erschreckend. Als
Kohorte marschiert es durch die Jahre, immer gleich alt

mit sich selbst. Woher soll da Erkenntnis kommen, woher
Veränderung? In seinem zeitlosen Rhythmus trabt das
Gedicht zufrieden in die Verblödung.

von sich selbst (Hg.)
dieses buch traegt diesen titel / #044
roughbooks
2017 · 80 Seiten · 10,00 Euro

Fixpoetry 2018
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