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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

O Whitman! My Whitman!

Hamburg

Es gibt so unendlich viele Redewendungen, Versatzstücke und Vokabular, die einem geläufig sind, ohne zu wissen woher, und wenn man das erste Mal man Whitman liest, Leaves of Grass, sie einem dort wiederbegegnen, stellt man völlig verblüfft fest, was für ein watershed oder wordshed seine Gedichte eigentlich sind. Für das moderne Englisch, im Besonderen das in Amerika beheimatete, ist es von beinahe Shakespeareschen oder Baconschen Dimensionen. Denn nicht nur von Pathos, Begeisterung und auch von Abstoßung durchzogen sind seine Gedichte, sondern von einem absoluten Gespür für die Freiheit von Versen, für ihre von Phonetik und Rhythmus intrinsische Teleologie – das, was die Verse sein wollen. Wie später in der Improvisationskunst aus dem Jazz bekannt, konnte Whitman nie zuvor Gehörtes als auch Gehörtes in beliebige Reihenfolge setzen, Grammatik und Gewohnheitsmäßiges auf den Kopf stellen, und einen sagenhaften flow an Silben aufbauen, und darüber ihnen eine enorme Aussagekraft, vor allem politisch, hymnenhaft eingeben, was normalerweise, vor allem in späteren Zeiten oft (künstlerisch) schiefgegangen ist bzw. an programmatische, unfreie Kunstanbiederung erinnert. Er war ein Wortbeherrscher mit Tatendrang und Fitzcarraldo-Impetus. Es ist außer Leaves of Grass nur wenig von ihm publiziert (selbst so gewollt) und wenn, steht es dieser Geburtsstunde der Americana in vielem nach. Und jetzt dieses: ein Roman (sic!). Prosa. Von Whitman.

Was ist das? Es muss gelesen werden. Da führt kein Weg dran vorbei. Zu interessant ist die Perspektive, die Jack Engles Leben und Abenteuer bietet. Es verändert noch einmal den Blick auf Whitmans Leben und Werk. Anonym erschien der Roman damals, kurz vor Leaves of Grass, das Whitman kurioserweise auf eigene Weise drucken ließ (selbst ist der Dichter!). Lange als lost novel behandelt bzw. in Whitmans Aufzeichnungen tituliert (im Nachwort erfahren wir von einem noch früheren Prosa-Versuch namens Franklin Evans), um plötzlich 2016 wiederentdeckt zu werden, auf detektivische Art und Weise wie eine Reliquie, und dann 2017 vor wenigen Tagen in gleich zwei Übersetzungen bei zwei Verlagen verlegt.

Die hier vorliegende im Manesse Verlag, übersetzt von Renate Orth-Guttman und Irma Wehrli, dürfte wohl die populärere sein. Die andere Ausgabe bringt der Berliner Verlag Das kulturelle Gedächtnis. Wohl eine dritte soll bei DTV erscheinen.

Das Interessante vorab: Der Roman ist bestenfalls schwach, im Sinne eines Romans. "Wie Dickens" ist immer wieder zu lesen, von Klappentext bis Nachwort, doch abgesehen von den obskuren angloiden Namen wie Wigglesworth, Fitzmore Smytthe oder Pepperich Ferris und einer wie billig kopierten Charakterzeichnung – die gute Obhutsfrau, das erzählende Findelkind, der böse Anwalt, das kleine Mündel die hassles einer Großstadt und die Probleme ihrer Schichten – ist dort nichts, aber auch gar nichts Dickenshaftes zu finden. Außer man sagt generell: Alle Literatur der englischsprachigen Großstädte im 19. Jahrhundert ist Dickenshaft. Es ist eine reine Kolportage-Handlung, eine Schmonzette, triefend vor Vorhersehbarkeiten und kostümierten Typen im Gangs-of-New-York-Fundus-Outfit. Wer Spaß an so etwas hat, wie Anwaltsgehilfe Jack Engles seiner dunklen Vergangenheit, die ihn näher an seinen verhassten Brotgeber Covert bindet, als ihm lieb ist, auf die Spur kommt, etc. bitte, es liest sich nett. Man mag Gefallen dran finden an dem Buch mit dem merkwürdig giftgrünen Lettering auf dem Cover. Wer Leaves of Grass verfasst hat, würde sich vermutlich im Grab umdrehen, hiermit noch in Verbindung gebracht zu werden.

Was haben wir erwartet? Entweder man ist großer Dichter oder großer Romancier. Es wäre vermessen, geglaubt zu haben, hier würde der Stein der Weisen, bzw. die Wiege amerikanischer Prosa plötzlich zum Leben erweckt sein und Hawthorne, Poe, Melville, Cooper, Sinclair und Dos Passos und wie sie alle heißen mögen auslachen. Es hat einen Grund gehabt, warum Jack Engle bisher keine Rolle gespielt hat. Vor allem, weil Whitman es am liebsten selbst ungeschehen gemacht hätte offensichtlich.

Doch halt! Erwartungen bei Seite. Was da wirklich steht, abgesehen von dem Bemühen, eine Art Handlung am Leben zu erhalten, dieses Buch, das vor allem der flotten, effizienten Übersetzung geschuldet, ist fast eine Parodie seines Genres. Es ist derart energielos geschrieben, bzw. Energie an der notwendig (falschen) Stelle investiert, nämlich der Handlung, dass der geborene Sprachmagier Whitman noch nicht einmal einen Hehl daraus macht, wie zuwider ihm seine Rolle als Autor dieses Fortsetzungsroman in einer Drei Cent Zeitung eigentlich ist. Man fragt sich geradezu: Ist das Absicht? Andauernd schiebt der Erzähler, Engles in den ohnehin kurzen Kapiteln ein, dass es eigentlich klar ist, dass Erzähler und Leser in einer Art symbiontischen Zwang verhaftet sind:

"[...] daher überlasse ich es dem Leser, diesen Gedankengang selbst weiterzuführen."

"[...] womit das erste Kapitel endet."

"Im nächsten Kapitel werde ich die Lücke füllen, und auch berichten, wie es mir im Weiteren ergangen ist."

"Aber bei diesem Teil meiner Geschichte habe ich nun lange genug verweilt, und wenn noch etwas fehlt, muss der geneigte Leser es sich selber ausmalen."

Es steckt ein subversiver Witz in der Art, wie Whitman erzählt. Fast den schnellen, wenig romanhaften Prosa-Fahrten der Beats hundert Jahre später ähnelnd. Was gerade passiert, passiert. Das meiste davon ist hinzunehmen.

"Ich weiß nicht, wie es kam – aber ehe wir dessen gewahr wurden, saßen wir wieder dicht beieinander, meine Hand sank auf ihre weiße Schulter, und ein elektrisches Beben durchzuckte meinen ganzen Körper. Diesmal ließ Inez Gnade vor Recht ergehen, und der Backenstreich blieb aus."

"Billjiggs war ein Prachtkerl. In einem Begeisterungstaumel oder auch, wenn er nur sehr gut gelaunt war, stellte er sich gern als eine der Figuren dar, von denen man in der Bibel liest, hat aber nie genau gesagt, welchen von diesen zahlreichen Helden er nun meinte. Er hatte rotes Haar. Gekämmt wurde es nie, aber alle paar Tage geschnitten – von einem Freund, der gerade bei der Hand war, manchmal mit einer Schere, manchmal mit einem geschliffenen Klappmesser und einmal, wenn ich mich recht entsinne, mit einer Breitaxt. Ich hatte seinerzeit selbst die Ehre, das Werkzeug zu schwingen. Zimmerleute [...] hatten ihre Gerätschaften herumliegen lassen.

Armer Billjiggs! Um ein Haar hätte ich ihm den Schädel gespalten."

Sehr putzig sind auch die Kapitelzusammenfassungen am Anfang derselben, nach damaliger Manier, eben bei kaum 5 seitigen Kapiteln:

"KAPITEL 21
Welches von Mr. Coverts Benehmen berichtet, als er bemerkte, dass er in der Tinte saß"

Oder das Schlusskapitel, das nach einer in sich geschlossenen schönen Abweichung eines Ausflugs von Jack Engles nach dem Trinity-Friedhof stattfindet, in dem einige der typischen Leaves of Grass Pathos-Ausbrüche beim Anblick der Grabsteine sich auch in der Prosa schon ankündigen.

"KAPITEL 22
In welchem wir alle ans Ende der Reise gelangen

Die Geschichte meiner Abenteuer neigt sich ihrem Ende entgegen. Ich habe nicht mehr viel zu erzählen und will dies rasch erledigen."

Whitmans Roman ist mit seinem Nachwort und dank der tollen Übersetzerinnenarbeit ein großer Spaß. Wenn man eben ungefähr weiß, was auf einen zukommt: eine Art History-Comicstrip aus Text (was damals Zeitungsfortsetzungsromane so sein wollten) mit Bildunterschriften, die schnell zum Punkt kommen wollen. Was mit seiner eigentlichen Prosa-Arbeit ausgedrückt wird, so viel man darin auch sehen will, ist, Whitman hat Leaves of Grass hinterlassen und das ist mehr als das meiste überhaupt auf der Welt. Es reicht völlig aus, in seinem Leben Leaves of Grass gelesen, touchiert oder davon gehört zu haben. Jack Engle, Franklin Evans und wer sonst seinen dritten verlorenen/ verbrannten Roman bevölkert, sollte lieber in Ruhe gelassen werden. Es ist nicht mehr als eine Fußnote.

Walt Whitman
Jack Engles Leben und Abenteuer
Aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann, Irma Wehrli. Mit Nachwort von Wieland Freund.
Manesse
2017 · 192 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-7175-2450-2

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