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Kritik

Vermeintliche Sieger

Wilfred Owens Gedichte aus dem Ersten Weltkrieg
Hamburg

 

 

Es ist vielleicht das verdienstvollste Lyrikprojekt dieses Herbstes. Mit der „Edition ReVers“ gibt das Berliner Verlagshaus J. Frank Bücher (fast) vergessener Dichter erstmals auf Deutsch heraus. Neben Übersetzungen von Konstantínos Kaváfis und Wladimir Majakowski gibt es einhundert Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges auch den Englischen War Poet Wilfred Owen zu entdecken.

Aus: Die Erbärmlichkeit des Krieges, illustriert von Andrea Schmidt

In Großbritannien gilt Owen heute als einer der wichtigsten Autoren des Ersten Weltkrieges und das, obwohl Dichtergrößen wie William Butler Yeats seine Werke bis in die 1930er Jahre hinein scharf kritisierten. Hierzulande ist der 1893 geborene Owen weitgehend unbekannt. In seinem Nachwort vermutet Verleger und Übersetzer Johannes CS Frank: „Dies mag daran liegen, dass es in Deutschland schwerfällt, sich mit dem Leid vermeintlicher Sieger auseinanderzusetzen.“ Für Yeats war die Darstellung passiven Leidens schlichtweg „kein Gegenstand der Dichtung. In allen großen Tragödien [sei] die Tragödie eine Freude für denjenigen, der stirbt; in Griechenland tanzte der Chor in der Tragödie.“ Ein mehr als zynisches Urteil, angesichts der Millionen von verletzten und getöteten Soldaten und Zivilisten, die der so genannte „Great War“ forderte. Doch genau von ihnen will und muss Owen, Lieutenant der British Army, berichten. Und zwar auf seine Weise, wie er bereits im Vorwort seiner War Poems klarstellt:

Dieses Buch handelt nicht von Helden. Die englische Dichtung ist noch nicht soweit, von ihnen zu sprechen. Weder handelt es von Taten, von Ländern, noch irgendetwas wie Ehre, Ruhm, Majestäten, Herrschaft, Macht oder Kraft, nur von Krieg. Vor allem befasse ich mich nicht mit Dichtung. Es geht mir um den Krieg und um die Erbärmlichkeit des Krieges.

Aus: Die Erbärmlichkeit des Krieges, illustriert von Andrea Schmidt

Die titelgebende Erbärmlichkeit des Krieges kommt bei Owen in unterschiedlichen Ausprägungen zur Geltung. Ob als unmittelbares Erlebnis, durch Shell Shock (sog. „Kriegszittern“)1 ausgelöste Phantasmen oder mythologisch aufgeladener Bericht; der Horror, die Schrecken und die Dringlichkeit in Owens Gedichten geben nur selten Möglichkeit zum Durchatmen. Selbst oder gerade da, wo der Autor nur Gedankenspiele anbringt, wo er scheinbar beiläufig dichtet, warten Verse, deren subtile Kraft sofort Unbehagen auslösen. So zum Beispiel in dem Gedicht À Terre (Die Philosophie so mancher Soldaten), in dem der Gedanke an einen möglichen Sieg der Deutschen aufblitzt. „Glaubst Du, die Boche werden einmal Menschenbrühe ansetzen?/ Eines Tages, ohne Zweifel, wenn...“

Die Ungewissheit und das Warten in einem sich immer länger hinziehenden Stellungskrieg scheinen in manchen dieser Gedichte aufreibender als der Fronteinsatz selbst. Irgendwann stellt sich sogar die Frage, wie real dieser Krieg noch ist, wie in Ausgeliefert.

Im Ausguck hören wir die irren Böen am Draht zerren.
Wie die zuckenden Qualen der Männer unter ihrem Gestrüpp.
Nordwärts, unnachgiebig, grollt in Geflacker der Artillerie
weit weg, wie ein trübes Gerücht von einem anderen Krieg.
              Was machen wir hier?

Dann wiederum wird der Krieg sehr real und Owen in seiner Sprache sehr konkret, fast dantisch. So etwa wenn sich die Granattrichter zu „Höllenschlünden“ auftun, zu Massengräbern werden, wenn beim nächsten Vorstoß auf dem Schlachtfeld „die Knochen und die Toten gewittert/ werden/ unter dem Schlamm, wo lange vorher sie gefallen waren“. Owen war selbst drei Tage lang in einem Granattrichter verschüttet, überlebte das Unglück aber. Unbeschadet ließ es ihn jedoch nicht. So zeichnet das Gedicht Die Irren ein eindringliches Psychogramm derjenigen, die unter dem bereits erwähnten Shell Shock litten. Sie scheinen das Inferno des Krieges wieder und wieder durchlaufen zu müssen.

– Dies sind die Männer, deren Sinne von den Toten geraubt wurden
Erinnerung massiert ihnen Morde ins Haupt
unzählige Morde, die sie einst bezeugten.
Sie waten durch Sümpfe aus Fleisch, die hilflosen Wanderer
treten Blut aus den Lungen, die es liebten zu lachen.

Nach einem längeren Aufenthalt im Lazarett kehrte Owen im Juli 1918 noch einmal in den Fronteinsatz zurück. Geert Buelens schreibt in seinem Buch Europas Dichter und der Erste Weltkrieg: „Als die Entente am 26. September zuschlug, befand sich Wilfred Owen in der Vorhut der 4. Britischen Armee in Frankreich. Der Vormarsch war schwierig, die Verluste waren hoch, auch unter den Offizieren. Am 2. Oktober verlor Owen dreimal nacheinander den Sanitäter seiner Einheit. Selbst eher draufgängerisch, hielt er seine Leute zu besonderer Vorsicht an.“ Durch eine Auswahl an Briefen, die dem Band Die Erbärmlichkeit des Krieges beigegeben ist, lassen sich Owens letzte Tage nachvollziehen. Am 31. Oktober 1918 schreibt Owen an seine Mutter: „Es gibt hier keine Gefahren, oder wenn es welche gibt, werden sie schon längst vergangen sein, wenn Du diese Zeilen liest.“ Es ist der letzte Brief des Dichters in die Heimat. Wilfred Owen fiel am 4. November 1918 bei einem Einsatz südlich der Stadt Ors.

Aus: Die Erbärmlichkeit des Krieges, illustriert von Andrea Schmidt

Die War Poems sind Wilfred Owens Vermächtnis an eine Welt, die gut 20 Jahre nach seinem Tod einen noch verheerenderen Krieg sehen sollte als diesen Ersten Weltkrieg. In seinem Vorwort heißt es: „Alles, was ein Dichter heute tun kann, ist warnen. Daher müssen wahre Dichter wahrhaftig sein.“ Owen folgte diesem eigenen Anspruch und schuf so ein wahrhaft angemessenes, literarisches Kriegsdenkmal, das keine „Ehre, Ruhm, Majestäten, Herrschaft, Macht oder Kraft“ kennt, sondern  lediglich diese Erbärmlichkeit des Krieges.

Dass man diese Gedichte nun auch in Deutschland entdecken kann, ist ein großer Gewinn für ein gesamteuropäisches Verständnis des Weltkrieges. Dass der Band auch zu einem ästhetischen Ereignis wird, liegt nicht zuletzt auch an den treffend minimalistischen Illustrationen Andreas Schmidts, die die trostlose Monotonie der Schlachtfelder, Bunker und Schützengräben widerspiegelt.

  • 1. Heute als „posttraumatische Belastungsstörung“ bezeichnet.
Wilfried Owen
Die Erbärmlichkeit des Krieges
Übersetzung: Johannes Frank, Illustrationen: Andrea Schmidt. Zweisprachig, deutsch/englisch


Verlagshaus Berlin
2014 · 144 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-940249-55-5

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