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Kritik

Poetische Exorzismen

William Peter Blattys Kultroman in neuer Übersetzung
Hamburg

Als William Peter Blattys Roman „Der Exorzist“ 1971 erschien, wurde er auf Anhieb zum Bestseller. Den Film von 1973, zu dem Blatty selbst das Drehbuch schrieb, dürfte so ziemlich jeder kennen – er ist ein Stück Kinogeschichte, ein Meilenstein. Ebenso wie der Roman ein Stück Literaturgeschichte ist und wie wir bis heute in jedem gruseligen Kind, das durch Buchseiten und über Leinwände spukt, die von einem Dämon besessene zwölfjährige Regan wiederfinden. Takashi Shimizus „Der Fluch“ oder auch „The Ring“ und viele weitere wären ohne Blatty undenkbar.

2011, nur sechs Jahre vor seinem Tod, publizierte der Autor und Filmemacher mit libanesischen Wurzeln eine überarbeitete und erweiterte Fassung seines längst zum Kultbuch avancierten Romans. Eben diese Fassung liegt nun bei Festa in neuer deutscher Übersetzung durch Patrick Baumann vor.

Was zuerst auffällt: Wie gut das Buch gealtert ist, wie wenig es von seinem schleichenden Schrecken eingebüßt hat, wie schockierend noch immer die Ausbrüche obszöner Finsternis sind, die sich in das Leben einer Mutter und ihrer Tochter fressen wie eine tödliche Krankheit, während diese Mutter in zunehmender Verzweiflung über die Verwandlung ihres Kindes von Arzt zu Arzt, von Klinik zu Klinik, von Psychologe zu Psychologe rennt, bis sie, die Atheistin, schließlich Hilfe bei einem Priester sucht, und wie dieser Geistliche, Pater Damien Karras, der mit seinem Glauben hadert, erst selbst mit einer ruhigen Rationalität und Weltlichkeit zur Sache geht und sich bis zum letzten Augenblick gegen die Vorstellung sträubt, es könnte tatsächlich etwas Jenseitiges in den Körper des Mädchens gefahren sein. Oder wie der schnodderige Polizist Kinderman ganz von selbst zu der Erkenntnis kommt, dass nur das Mädchen die Täterin sein kann, die den ständig betrunkenen Filmregisseur Burke Dennings auf dem Gewissen hat – auch wenn das unmöglich sein kann.

Blatty gelingt dabei das große Kunststück, seine Figuren nur mit Hilfe der Dialoge so lebendig werden zu lassen, als würde man mit ihnen im Zimmer stehen – für jede und jeden findet er einen ganz eigenen Ton und Stil, und während er sich zwar selten mit darüber hinausgehenden Beschreibungen aufhält, sind diese doch umso poetischer. Ja, es gelingt ihm, mittels fast lyrischen Bildern eine Melancholie zu erzeugen, eine prosaische Tiefe Nacht – und das ist eine Kunst, die nur wenige AutorInnen des Genres beherrschen und eine Kunst, die mit dazu beiträgt, aus diesem Buch große Literatur zu machen. Wenn das „zersplitterte Holz eines Tisches (…) die Farbe von Traurigkeit“ hat oder wenn die Schuhe eines alten Teeverkäufers „verkrustet waren von den Ablagerungen des Daseins“, dann wähnt man sich mehr in einem Gedicht als in einem erzählenden Text. Das nur als Hinweis für jene, die der Meinung sind, es genüge, den Film gesehen zu haben, der tatsächlich sklavisch ah am Buch ist – der aber eben dieses eine unverzichtbare Element nicht bieten kann: Den hohen Genuss von Blattys Sprache, die Übersetzer Baumann wunderbar ins Deutsche transferiert hat.

Angesichts des Status dieses Buches ist es kaum nachvollziehbar, dass es der einzige von Blattys insgesamt neun Romanen ist, der auf Deutsch vorliegt. Ob sich das noch ändert? Es wäre zu wünschen.

 

William Peter Blatty
Der Exorzist
Neu übersetzt von Patrick Baumann.
Festa
2019 · 512 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-86552-772-1

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