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Kritik

Catch 27: Die ganz normalen Verrückten

William Peter Blattys „Die neunte Konfiguration“
Hamburg

Man stelle sich Catch 22 vor, verlegt in ein Armeesanatorium tief in den Wäldern Washingtons: Das gibt eine ungefähre Ahnung davon, was einen bei William Peter Blattys Roman „Die neunte Konfiguration“ erwartet. Allerdings: Witziger, durchgeknallter, hintersinniger als Joseph Hellers Kriegssatire.

Wer beim Namen Blatty (1928-2017) nur noch an den „Exorzist“ und William Friedkins brillante, auf Blattys Drehbuch basierende Verfilmung denkt, der denke neu. Denn dass Blatty vor allem ein glänzender und zugleich bitterböser Humorist war, ist leider fast in Vergessenheit geraten. Seine frühen Romane sind seit Jahrzehnten nicht mehr lieferbar, und dass sich der Festa Verlag nun daran begibt, wenigstens ein paar davon aus der Versenkung zu holen und neu oder erstmals zu übersetzen, ist ein Glück. Abgesehen von der schmalzigen Umschlaggestaltung, von der man sich nicht irreführen lassen darf.

In jenem Sanatorium versammeln sich 27 hochrangige Armeeangehörige, denen, so scheint es, mehr als eine Sicherung durchgebrannt ist. ___STEADY_PAYWALL___ Das fängt an bei dem verhinderten Astronauten Cutshaw, der sich dem negativen Gottesbeweis verschrieben hat und überzeugt ist, eine Weile auf Mond, Mars und Venus gelebt zu haben; oder Fairbanks, der sich, je nach Tagesstimmung, für Dr. Franz von Pauli hält und mit einem Hammer wild auf Mauern einschlägt, um die Lücken zwischen den Atomen zu finden – er ist sicher, dass man durch Wände gehen kann, man weiß bloß nicht, wie es geht; und dann ist da Reno, der den „Julius Cäsar“ für Hunde inszeniert, während er darüber sinniert, ob Hamlet tatsächlich wahnsinnig war oder nur so tat als ob. Und freilich ist es genau diese Frage, die den Psychiater Colonel Hudson Kane umtreibt, als er in dem alten Herrenhaus ankommt: Sind die wirklich alle plemplem? Oder tun sie nur so, um sich dem Einsatz in Vietnam zu entziehen?

Kane scheint, im Gegensatz zum genervt-gestressten Anstaltsarzt Dr. Fell, die Ruhe selbst zu sein. Er lässt sich ein auf die Geschichten der Patienten, egal, wie irre sie sind; seine Tür steht ihnen rund um die Uhr offen, er philosophiert mit ihnen über Shakespeare, Gott und die Entropie, und es stellt sich zwangsläufig die Frage, ob nicht eigentlich die Verrückten normal und die Normalen verrückt sind. Und natürlich auch die Frage, ob Kane selbst so gefestigt ist, wie er tut, und ob er eigentlich wirklich ein Psychiater oder jemand ganz anderes ist.

Der junge Blatty veröffentlichte eine sehr rohe, sehr wilde Fassung dieses Buches bereits 1966 unter dem Titel „Twinkle, Twinkle 'Killer' Kane!“, schrieb ein Drehbuch und bat Friedkin, es zu verfilmen. Friedkin war begeistert, doch die beiden fanden kein Studio, das den Streifen machen wollte. Selbst nach dem Welterfolg des „Exorzisten“ (1973) änderte sich das nicht, und am Ende kratzte Blatty selbst die vier Millionen Dollar Produktionsbudget zusammen und nahm 1980 zum ersten Mal im Regiestuhl Platz. So versiert er als Drehbuchautor war, so unerfahren war er als Regisseur. Das merkt man dem Film an, und er ist nicht zuletzt deshalb so gut, weil Blatty einen Scheiß auf alle Regeln Hollywoods gab – mit Erfolg: für das Drehbuch gab es einen Golden Globe. Der Film ist, wie der Roman, ein Juwel.

William Peter Blatty
Die neunte Konfiguration
Neu übersetzt von Patrick Baumann.
Festa
2020 · 192 Seiten · 19,99 Euro
ISBN:
978-3-86552-824-7

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